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Johnny Ertls EM-Tagebuch: Football is coming home!

29. Juni 2021 · Lesedauer 3 min

PULS 24 Experte Johnny Ertl analysiert täglich während der EURO 2020 exklusiv aktuelle Themen rund um die Europameisterschaft. Dieses Mal spricht der Ex-Nationalspieler über den überraschenden Sieg der Schweiz gegen Frankreich und das für ihn wichtigste Spiel: England gegen Deutschland.

Die diesjährige Fußball-Europameisterschaft scheint unzählige Geschichten, Dramen und Heldenepen zu schreiben. Mit dem gestrigen Spiel Frankreich gegen die Schweiz ist dieses Buch um ein weiteres Kapital reicher geworden. Und wie!!! Yann Sommer parierte den entscheidenden fünften Elfmeter der Franzosen und besiegelte den Untergang der "Grand Nation". Ein klassischer Selbst-Faller der Franzosen, hatten sie doch das Spiel in der eigenen Hand. Wie konnte das nur dem Weltmeister von 2018 passieren? Didier Deschamps stellte aufgrund von Verletzungen der Linksverteidiger auf eine Dreier-Abwehr-Kette um. Ein System, dass nicht jeder Mannschaft passt, welches sehr abhängig von den Außenspielern ist und große Räume an den Flügeln für den Gegner in Umschaltmomenten bringt. Hopp Swiss, ein perfekt exekutierter Matchplan mit Maßflanken aus den Halbräumen, die von einem effektiven Haris Seferovic eiskalt genutzt wurden. Als Sündenbock der ersten Halbzeit musste Clement Lenglet raus, er erwischte tatsächlich einen rabenschwarzen Tag. Nachdem Hugo Lloris einen Elfmeter parierte, schien das französische Werk zu zünden. Schnell sollte es 3:1 stehen, das Tor von Paul Pogba war das beste der bisherigen Europameisterschaft. Und dann kam die französische Arroganz, gepaart mit sehr vielen taktischen Fehlern. Der 6er wurde nicht eingewechselt, man konnte in der Defensive nicht dichtmachen und prompt kam der Anschlusstreffer. Die Eidgenossen konnten beliebig durch die französischen Reihen kombinieren. Moussa Sissoko sollte das Mittelfeld stabiler machen, aber das Selbstvertrauen der Schweizer stieg exponentiell, je länger das Spiel dauerte. Und wenn man einmal im Flow ist und man am Feld spürt, dass die Luft beim Gegner draußen ist, dann kann der Wille Berge versetzen.

Es war ein Fußball-Abend der feineren Sorte! Spaniens Nationalteamcoach Luis Enrique entpuppte sich als wahrer Trendsetter an der Seitenoutlinie. Seine ausgewaschene Jeans, sein strahlend weißes Hemd und seine herrliche "Costa del Sol"-Bräune im Gesicht erinnerten mich an meine letzte Spanien-Reise. Es sollte für ihn und sein Team aber kein Urlaubstag sein, die Kroaten kamen mit Hängen und Würgen zurück ins Spiel, das 3:3 war sehenswert herausgespielt und Kroatien wieder zurück im Geschäft. Alvaro Morata machte mit sehenswerter Technik in der Nachspielzeit sein zweites Tor in dieser Europameisterschaft, es war ein Schlag ins Gesicht für Kroatien, sie konnten sich danach nicht mehr erholen.

Deutschland - England: "Wer da durchkommt, bekommt einen Extra-Push"

Und heute ist das für mich wichtigste Spiel: Meine geliebten Engländer gegen die formsuchenden Deutschen. Jogi Löws Mannschaft hat sich mit Ach und Krach ins Achtelfinale gerettet, die langsame Verteidigung ist weit weg von stabil, die Suche nach der optimalen Elf scheint nicht abgeschlossen zu sein. Konnte man gegen Portugal in der Gruppe voll überzeugen, schwächelte man gegen Frankreich und vor allem Ungarn. Noch dazu spielt man auswärts in London gegen England, ein Team, das in den letzten 17 Spielen nur 5 Gegentore bekam. Egal, werden die Deutschen wohl sagen, es geht hier um Mentalität, Entscheidungsspiele haben einen anderen Charakter als Gruppenspiele. Die Geschichten der Konkurrenz beider Nationen sind in einem kurzen Tagebucheintrag wie diesen kaum möglich abzuhandeln. Man könnte Bücher über legendäre Spiele und Sager schreiben. Deshalb freue ich mich umso mehr und drücke Gareth Southgate und dem Team die Daumen. "Football is coming home!!"

Johnny

Johnny ErtlQuelle: Redaktion