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Johnny Ertls EM-Tagebuch: Ein kollektives Ausrufezeichen

27. Juni 2021 · Lesedauer 3 min

Fußball-Österreich gab gestern in London eine eindrucksvolle Visitenkarte ab und dies ausgerechnet in Wembley, dem heiligen Fußball-Ort Englands. Heroisch brachte man die bisher beste Mannschaft des Turniers ins Wanken, eine mannschaftliche Topleistung bleibt in Erinnerung.

Wie erwartet nahm Franco keine Veränderungen in der Startelf vor, der erste Anzug saß perfekt, das Selbstvertrauen nach dem erstmaligen Aufstieg in ein Achtelfinale bei einer Europameisterschaft war da. Nach einem guten Start mit der ersten Halbchance Österreichs legten wir gleich zu Beginn mit Elan los, jedoch wurde unsere Offensive schnell gebremst, zu gut war Italien in der ersten Halbzeit.

Das flüssige Kombinationsspiel, die Geschwindigkeit mit dem Ball in offenen Räumen, das schnelle Umschalten nach Balleroberungen waren Indizien dafür, dass man es mit einer Weltklasse-Mannschaft zu tun hat. Roberto Mancini formte eine Mannschaft mit viel Klasse, hoher individueller Qualität und vor allem Disziplin.

Österreich wurde auf keinen Fall unterschätzt, nach italienischen Ballverlusten war die Rückwärtsbewegung und defensive Organisation perfekt. Wir taten uns die erste Halbzeit über schwer, Umschaltmomente sauber zu Ende zu spielen und wirklich gefährlich vor das Tor der Italiener zu kommen. Auf der anderen Seite verpasste uns die Squadra Azzurra einen Warnschuss durch Nicolò Barella und eine aus dem Nichts kommende Fernrakete von Ciro Immobile. Ok, Halbzeit passt dachte ich mir. Ein 0:0 nehm ich allemal mit in die Kabine, je länger das Spiel ausgeglichen ist, desto besser für uns.

Ich weiß noch nicht, was Franco den Jungs in der Kabine gesagt hat, aber der österreichische Turbo zündete so richtig in Durchgang zwei. Unser Spielblock rückte enger zusammen, Räume in den Zwischenlinien waren nicht mehr so groß wie zuvor und die starke linke Seite der Italiener über Leonardo Spinazola wurde dicht gemacht. Marco Arnautovics Tänzchen in den gegnerischen Strafraum kurz nach der Pause, David Alabas Freistoß und Marcel Sabitzers Distanzversuch machten Lust auf mehr. Wir hatten plötzlich mehr Spielanteile und konnten Druck aufbauen. Je länger das Spiel dauerte, umso besser wurden wir.

In der 65. Minute verfluchten acht Millionen Österreicher den Video Assistant Referee, Marco Arnautovics Kopfballtreffer wurde wegen Abseits zurecht aberkannt. Es wäre der perfekte Zeitpunkt gewesen, ein Tor zu erzielen. Wir waren in jeder Aktion präsent, nahmen die Leichtigkeit aus dem Spiel der Italiener und standen defensiv bombensicher. Hätt' i war i, that’s football…

Roberto Mancini reagierte und tauschte gleich vier Spieler in den letzten 30 Minuten der regulären Spielzeit.

Das 0:0 nach 90 Minuten ein kollektives Ausrufezeichen wie man gegen eine internationale Topmannschaft spielen muss. Besser geht’s fast nicht- Grandios! Die Stimmung im österreichischen Lager wurde aber gleich zu Beginn der Nachspielzeit durch ein schönes Tor von Chiesa getrübt. In der Folge mussten wir aufmachen und mehr riskieren. Das 2:0 der Italiener folgte.

Aber wer glaubt tatsächlich, dass wir aufgeben? Obwohl wir gerade zwei Treffer hinnehmen mussten, kämpften unsere Jungs wie Löwen. Das imponierte mir am meisten und unterstrich eindrucksvoll was Franco Foda und der gesamte Betreuerstab geleistet haben: Eine super sympathische Truppe mit einem großen Herz für Fußball-Österreich. Belohnt wurde dies mit einem Kopfballtreffer von Sasa Kalajdzic, Gianluigi Donnarumma musste erstmals seit mehr als 10 Spielen hinter sich greifen. Italien atmete nach dem Schlusspfiff auf, Österreich war an diesem Fußball Samstag in Wembley verdammt gut drauf.

Johnny

Johnny ErtlQuelle: Redaktion