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Johnny Ertls EM-Tagebuch: Dream big! Jetzt erst recht!

22. Juni 2021 · Lesedauer 4 min

PULS 24 Experte Johnny Ertl analysiert täglich während der EURO 2020 exklusiv aktuelle Themen rund um die Europameisterschaft. Dieses Mal analyisert der Ex-Nationalspieler den historischen Sieg der Österreicher gegen die Ukraine und den erstmaligen Aufstieg ins EM-Achtelfinale.

Ein großartiger Tag für Fußball-Österreich, ein extrem glücklicher und befreit wirkender Teamchef, ausgelassen jubelnde Spieler und Fans: Ein Spiel, dass ich lange nicht vergessen werde. Da die Analyse mein Hauptgeschäft ist, starten wir damit, was sich gestern in Bukarest ab 18 Uhr so alles getan hat:

Mit einer raffinierten taktischen Umstellung zurück zu einer Viererkette überraschte der Teamchef erneut. Systeme zu ändern bedarf Muts und Überzeugung, Laufwege und Automatismen greifen unterschiedlich, wenn man Positionswechsel durchführt. Das 4-2-3-1 passte am gestrigen Tag gegen eine lahm wirkende ukrainische Mannschaft perfekt, unser Team kontrollierte den Spielrhythmus bis zur letzten Minute.

Die dadurch positionsbedingte Änderung mit David Alaba auf links ermöglichte uns gleich von Beginn weg viel Offensivkraft über diese Seite, da West-Ham-Spieler Yarmolenko sich über Defensivaufgaben wohl keine Gedanken gemacht hat. David konnte sich (fast) nach Belieben in unzählige Offensivaktionen einschalten, mit seinen scharfen und präzisen Hereingaben wurde Druck aufgebaut. Das Pressing der gesamten Mannschaft war giftig, in den Zweikämpfen war man klar besser, das hohe Aufrücken der Verteidiger und "Durchmarschieren" war Prädikat Weltklasse.

Und dann kam schon die "Sohle von Bukarest". Den perfekt getretenen Eckball, der wie ein wuchtiger Bogen zwischen Fünfer und Elfmeter herunterkam, übernahm Christoph Baumgartner mit den "Gummlern" und ließ dem ukrainischen Schlussmann Georgi Bushchan keine Chance. Das Tor ein Spiegelbild der ersten 20 Minuten: Wir waren in jeder Aktion handlungsschneller und aggressiver.

In der Folge zogen wir uns ein wenig zurück, ließen dem Team von Andriy Shevchenko ein bisschen mehr Räume, ein gut parierter Schuss von Daniel Bachmann war das einzig Zählbare auf der Seite des Gegners. Nicht nur Christoph Baumgartner wurde es schwindelig nach 32 Minuten, sondern auch der ukrainischen Verteidigung, als wir dicke Chancen zum 2:0 knapp vor der Pause liegen gelassen haben. Ich hoffte, dass sich das nicht rächen würde in der zweiten Halbzeit, da die Ukraine ja kommen musste, jedoch blieb mein Zweifel unbegründet, zu gut waren wir defensiv organsiert.

Und da ich selbst ein gelernter Verteidiger bin, großes Lob an Martin Hinteregger und Alexander Dragovic. Der eine macht den international umworbenen Starstürmer Yaremchuck komplett kalt, zieht ihm in jeder Aktion den Nerv und ließ ihn einfach nicht ins Spiel kommen. Der andere spielte gegen seine ehemalige Wahlheimat groß auf und gewann jeden defensiven Kopfball. Die beiden legten die Basis für den Erfolg unserer groß aufspielenden österreichischen Mannschaft. "Leading by example" über mehr als 90 Minuten – grandios! Mein Fußballherz schlug höher, mit keiner Sekunde zweifelte ich in der zweiten Halbzeit, dass wir den Sieg aus der Hand geben würden.

Unsere Sturm-Legenden-WhatsApp-Gruppe bimmelte in einer Tour. Jeder von uns gratulierte Franco und Säumi zum historischen Aufstieg und deren Leistung in Bukarest. Es sollte 01:16 Uhr werden, bis sich der Teamchef mit einem "Danke Jungs" Daumen hoch, einem Smiley, ein paar Fußbällen und österreichischen Flaggen aus Bukarest meldete. Franco darf sich zurecht feiern lassen, er hat es wieder geschafft sich durchzusetzen. Er hat einen wichtigen Entwicklungsschritt für unser Team, Fußball-Österreich und vor allem für unsere geliebten Geschichtsbücher geleistet. Denn immer können wir nicht in der Vergangenheit leben. Die Gegenwart gehört ihm und dem gesamten Team.

Und wer wartet jetzt? Eine seit 30 Spielen ungeschlagene Mannschaft, welche die jüngsten 11 Spiele allesamt gewonnen hat und dies mit einem Torverhältnis von 32:0. Die weder Gazpacho noch Catenaccio spielt. Es könnte wieder ein historischer Samstag werden, könnten wir den Italiener den Stiefel ausziehen… Dream big! Jetzt erst recht!

Johnny

Johnny ErtlQuelle: Redaktion