Die höchste Inflation seit 1975: Wie das damals war

04. Juni 2022 · Lesedauer 6 min

Die Inflationsrate war zuletzt Im Jahr 1975 so hoch wie heute. PULS 24 wirft deshalb einen Blick auf die Kreisky-Ära, als man mit einem "autofreien Tag" auf die Energieknappheit reagierte. Eine Suche nach Parallelen und Unterschieden zu damals.

Ob im Supermarkt, an der Tankstelle oder beim Hausbauen - die Preise steigen. Im Mai kletterte die Inflationsrate, sprich die Teuerung, auf acht Prozent. Das ist der höchste Wert seit 1975, wie die Statistik Austria bekanntgab. Damals lag die Inflationsrate bei 8,4 Prozent. Im Jahr davor - also 1974 - sogar bei 9,5 Prozent. 

Grund genug, einen Blick zurück in die 70er Jahre, in die Zeit Bruno Kreiskys, zu werfen. Spürbar war die Teuerung jedenfalls auch damals: Während ein Kilo Rindfleisch laut Daten der Nationalbank 1970 etwa noch 69,80 Schilling (2021 wären das 5,07 Euro gewesen) kostete, kostete ein Kilo Beiried im Jahr 1975 schon 93,30 Schilling - das wären heute etwa 6,78 Euro. Zum Vergleich: 2021 kostete ein Kilo Rindfleisch etwa 11,36 Euro.

Günstigere Preise, weniger Kaufkraft

Noch absurder wirken heute diese Preise: Einen Krügerl Bier kostete 1970 4,15 Schilling, was heute ungefähr 30 Eurocent entsprechen würde. Im Jahr 1975 kostete ein halber Liter Bier umgerechnet schon 0,37 Euro. 2021 bekam man einen halben Liter Bier im Supermarkt im Schnitt um 0,94 Euro. 

War früher also trotz Inflation alles billiger? So kann man das nicht sagen - denn auch die Löhne stiegen. So konnte man sich mit einem durchschnittlichen Monatseinkommen 1975 1.493 Bier kaufen, heute sind es 3.026 Halbe. 1975 gingen sich mit einem durchschnittlichen Monatseinkommen 81 Kilo Rindfleisch aus - heute könnte man sich 250 leisten. 

Oder anders: Wie Daten der Universität Salzburg zeigen, musste ein ungelernter Arbeiter 1975 für vier Kilo Rindfleisch einen Tag arbeiten gehen. Im Jahr 2020 musste er dafür nur noch 0,3 Tage zur Arbeit.

Die Sorgen ob der hohen Inflation waren aber heute wie damals hoch. Die Gründe für die Krise waren auf den ersten Blick sogar recht ähnlich: Auch in den 70er-Jahren war es vor allem ein Krieg, der zu einem Öl-, und Rohstoffpreisschock führte. 

Kriege und Sanktionen 

Im sogenannten Jom-Kippur-Krieg griffen die vereinten ägyptischen und syrischen Armeen Israel an. Weil der militärische Erfolg ausblieb, drehten die arabischen OAPEC-Staaten am Gashahn. Die Preise für Erdöl und andere Rohstoffe wie Lebensmittel explodierten. Die hohen Energiepreise führten sogar zu Panikkäufen an den Tankstellen. Dazu kam ein sinkendes Wirtschaftswachstum. Man konnte laut Johann Scharler vom Institut für Wirtschaftstheorie, -politik und -geschichte an der Uni Innsbruck schlechter mit Schocks umgehen und war - beispielsweise wegen ineffizienterer Motoren und Heizungen - noch stärker als heute von den Energiepreisen abhängig. 

Trotz der Ähnlichkeiten ist die damalige Situation aber nur schlecht mit der heutigen vergleichbar. Allein, wie damals mit der Energieknappheit umgegangen wurde, ist heute kaum mehr vorstellbar.

Der kurzlebige "autofreie Tag"

In Österreich an der Macht war 1975 die SPÖ unter Bruno Kreisky und diese entwickelte einige findige Ideen: Handelsminister Josef Staribacher setzte mittels Verordnung den sogenannten "autofreien Tag" durch. Jeder Autofahrer musste den PKW zumindest einmal in der Woche stehen lassen. Dokumentiert wurde das mit Tages-Pickerln an der Windschutzscheibe. Ausgenommen waren Arbeitsmaschinen, Taxis, Lastwagen und Pendler mit Bestätigung des Arbeitgebers. 

Lang hielt sich diese Maßnahme allerdings nicht. Nach nur fünf Wochen wurde der "autofreie Tag" wieder abgeschafft. Ebenfalls kurzlebig waren die schon 1973 eingeführte 100 km/h-Begrenzung im Straßenverkehr, die 1974 wieder fiel und Kreiskys Idee, in Büros eine Höchsttemperatur von 20 Grad einzuführen. Nichts wurde auch aus des Kanzlers Appell an Männer, sich nur noch nass zu rasieren, um Strom zu sparen.

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Bruno Kreisky

Zwei weitere Maßnahmen allerdings bestehen noch heute: Staribacher führte die "Energieferien" und die Sommerzeit ein. Ab Februar 1974 wurden die Schulen im Februar eine Woche geschlossen, was vor allem beim Skitourismus noch immer für Jubel sorgt. 

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Hannes Androsch

Lieber Schulden als Arbeitslose

Die Folgen der Inflation wurden in österreichischer, sozialpartnerschaftlicher Manier durch eine Art Kompromiss gelöst, der als "Austrokeynesianismus" bekannt wurde. Kreisky und sein Finanzminister Hannes Androsch setzten auf eine Mischung aus Hartwährungspolitik - die Koppelung des Schillings an die D-Mark -  sowie einer "expansiven Budgetpolitik". Durch öffentliche Aufträge und eine starke verstaatliche Wirtschaft sollten die Auswirkungen der Krise abgefedert werden. Die Sozialpartnerschaft sorgte für für die Industrie "tragbare Lohnerhöhungen". Das damals ausgerufene Ziel hieß Vollbeschäftigung. "Mir sind ein paar Milliarden Schilling Schulden lieber als ein paar hunderttausend Arbeitslose", so die legendäre Aussage Kreiskys. 

"Das hat Österreich im internationalen Vergleich gut durch die Krise gebracht", sagt Ernst Langthaler, der Vorstand des Instituts für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Johannes Kepler Universität Linz. So sei die Arbeitslosigkeit tatsächlich relativ niedrig geblieben. 

Parallelen zu heute?

Langthaler sieht Parallelen zur heutigen Situation: Steigende Energiepreise treiben die Preise hoch. Durch die EU-Mitgliedschaft habe man - wie damals durch die Koppelung des Schillings an die D-Mark - stabile Wechselkurse mit den wichtigsten Handelspartnern. Und die Energiezuschüsse der heutigen Regierung könnte man als expansive Budgetpolitik verstehen - wenn auch nicht im gleichen Ausmaß wie in den 1970er-Jahren.

Dennoch könne man nicht sagen "die Geschichte wiederholt sich", so Langthaler. Denn einiges habe sich dann doch getan seit den 70ern. So verweist auch Johann Scharler von der Uni Innsbruck auf eine "schlagartige" Änderung Anfang der 1980er-Jahre: Die Zentralbanken wirken der Inflation wesentlich stärker entgegen. Verantwortlich dafür war vor allem ein gewisser Paul Volcker, der ab 1979 Vorsitzender des Federal Reserve Systems der USA war. Volcker hat mit deutlichen Zinserhöhungen auf die hohen Inflationsraten reagiert. Die Inflation ging zurück, der Preis dafür waren aber eine Rezession und kurzfristig höhere Arbeitslosigkeit, zumindest wo der Sozialstaat nicht eingriff.

Damals wie heute aber, so sieht das zumindest Georg Stöger vom Fachbereich Geschichte an der Uni Salzburg, werde "nur punktuell" gegen die Inflation gehandelt. Man hoffe, dass die Teuerung wieder abnehme. Strukturell werde am Wirtschaftssystem nichts geändert. Und dennoch merkt er an, dass sich - historisch gesehen - Teuerungen früher spürbar auf die Demografie ausgewirkt haben, wenn etwa die Sterberate anstieg. Das sei heute - zumindest in Europa - anders, aufgrund des Wohlfahrtsstaates seien gegenwärtige Teuerungen nicht mehr existenzbedrohend."

Vielleicht wird man aber auf das eine oder andere Kilo Rindfleisch und das eine oder andere Bier verzichten müssen.

Konstantin AuerQuelle: Redaktion / koa