APA - Austria Presse Agentur

US-Militär kann täglich Tausende aus Afghanistan ausfliegen

13. Aug 2021 · Lesedauer 5 min

Bis Sonntag soll der Großteil der 3.000 US-Soldaten zählenden Verstärkung in Kabul eintreffen. Bei Bedarf könne man dann tägliche Tausende evakuieren.

Die Kapazität für den Lufttransport sei "kein Problem", sagte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby, am Freitag. "Wir können täglich Tausende transportieren." Wie viele Menschen aber tatsächlich befördert würden, hänge vom Außenministerium ab, betonte er.

US-Verbündete sollen in Sicherheit gebracht werden

Wie am Donnerstag bekannt wurde, schickt das US-Militär rund 3.000 Soldaten als Verstärkung zum Flughafen der afghanischen Hauptstadt, um die Reduzierung des Personals der US-Botschaft in Kabul zu unterstützen. Zudem soll das Militär beim Ausfliegen Tausender früherer afghanischer Mitarbeiter der US-Behörden und des US-Militärs helfen, die sich vor den Taliban in Sicherheit bringen wollen. Die Afghanen sollen sich außerhalb des Landes um Visa bewerben können, um dann in den USA neu zu starten.

Kirby sagte, es sei auch möglich, verbündete Staaten und Partner beim Ausfliegen von Personal zu unterstützen, falls es solche Hilfsersuchen geben sollte. Das Pentagon hatte die Verlegung der zusätzlichen Kräfte nach Kabul am Donnerstag angesichts der dramatischen Gebietsgewinne der Taliban angekündigt. Mit Stand vom Freitag hatten die radikalislamistischen Taliban bereits mehr als die Hälfte, nämlich 18 von 34 Provinzhauptstädte eingenommen. 

Die Verstärkung für die US-Truppen von rund 3.000 Soldaten wird laut Kirby bis spätestens Sonntag größtenteils in Kabul sein. Zudem verlegen die USA nun bis zu 4.000 weitere Soldatinnen und Soldaten nach Kuwait und rund 1.000 nach Katar. Der Abzug der US-Soldaten aus Afghanistan solle aber weiterhin bis 31. August abgeschlossen werden, hieß es.

UNO-Chef: Lage "gerät außer Kontrolle"

UNO-Generalsekretär Antonio Guterres hat die militant-islamistischen Taliban am Freitag zur sofortigen Einstellung ihres gewaltsamen Vormarsches in Afghanistan aufgerufen. "Die Macht durch militärische Gewalt an sich zu reißen ist ein zum Scheitern verurteiltes Vorgehen", sagte Guterres vor Journalisten in New York. "Es kann nur zu einem verlängerten Bürgerkrieg oder der kompletten Isolation von Afghanistan führen."

Er hoffe auf eine mit allen Parteien verhandelte Einigung zur Beendigung des Konfliktes. Die Situation bereite ihm große Sorge, sagte Guterres. "Afghanistan gerät außer Kontrolle."

Johnson warnt vor "Brutstätte des Terrors"

Der britische Premierminister Boris Johnson hat angesichts des Vormarsches den Westen davor gewarnt, sich von dem Land am Hindukusch abzuwenden. Afghanistan dürfe "nicht erneut zur Brutstätte für Terror" werden, sagte Johnson am Freitag nach einem Krisentreffen seines Kabinetts vor Journalisten. Eine "militärische Lösung" für Afghanistan schloss der Premier aber aus.

Johnson bestätigte, dass ein Großteil des britischen Botschaftspersonals in Kabul angesichts der stark verschlechterten Sicherheitslage ausgeflogen werde. Beamte des britischen Innenministeriums würden zudem in die afghanische Hauptstadt fliegen, um afghanischen Dolmetschern, die für die britische Armee gearbeitet hatten, bei ihren Visa-Anträgen für Großbritannien zu helfen.

Mohib Nazari: Taliban drohen mit Enthauptung, wenn man sich ihnen nicht anschließt

"Normales Leben nicht mehr möglich"

Für die Bevölkerung Afghanistans, die nicht zur den direkten Verbündeten westlicher Staaten zählen, spitzt sich die Lage jedoch zu. Im PULS 24 Interview berichtete der geflohene Journalist Mohib Nazari, dass ein normales Leben nicht mehr möglich sei. Die Taliban drohen Einwohnern mit dem Tod, sollten sie sich ihnen nicht anschließen. Arbeit sei in dem Kriegsland nicht mehr möglich, schildert Nazari. Den Menschen gehe es schlecht, sie suchen nach einem Fluchtweg.

Er verlangt vom afghanischen Präsidenten einen Vertag mit den Taliban abzuschließen. Auch internationale Hilfe sei notwendig. Mehr dazu: 

Österreich hält an Abschiebungen fest

Zahlreiche Länder setzen Abschiebungen nach Afghanistan aus, darunter auch Deutschland, Frankreich, die Niederlande und Dänemark. Österreich hält so wie Griechenland und Tschechien an Abschiebungen ins Kriegsland fest. Grundsätzlich habe sich an der Linie des Innenministeriums dazu "keine Änderung ergeben", teilte das Ressort am Freitag mit.

Offen ließ das Innenministerium die Frage, ob Österreich auch dann bei seiner Haltung bleiben würde, wenn die Hauptstadt Kabul in die Hände der Taliban fallen sollte, wie das von Beobachtern erwartet wird. "Die Sicherheitslage in Afghanistan wird gemeinsam mit dem Außenministerium laufend beobachtet und beurteilt", hieß es dazu in einer schriftlichen Stellungnahme des von Karl Nehammer (ÖVP) geführten Ressorts.

Ein Ende der Abschiebungen forderte hingegen der Präsident des Roten Kreuzes, Gerald Schöpfer. Asylrechts-Anwalt Wilfried Embacher erklärte im PULS 24 Interview, dass derzeit nicht nach Afghanistan abgeschoben werde. Sowohl der Anwalt für Fremdenrecht als auch die österreichische Vertreterin von Amnesty International, Annemarie Schlack, sind sich einig, dass die Mitteilung des österreichischen Innenministeriums gegenstandslos sei. Abschiebungen würden von Deutschland und Frontex organisiert, diese Flüge seien aber bereits ausgesetzt. 

"Grundsätzlich werden Charter-Rückführungen über Frontex abgewickelt, eine Frontex-Organisation der Rückführungen ist aber nicht zwingend notwendig. Möglich wären mitunter bilaterale Abkommen oder direkte Absprachen mit den Ländern", heißt es dazu aus dem Innenministerium.
 

Embacher: Nehammer "hat ein Riesenproblem Standpunkte zu ändern"

Wilfried Embacher, Anwalt für Fremden- und Asylrecht, im PULS 24 Interview.

Quelle: Agenturen / Redaktion / lam