APA - Austria Presse Agentur

18 von 34 Provinzhauptstädten unter Kontrolle der Taliban

13. Aug 2021 · Lesedauer 5 min

Der Vormarsch der Taliban setzt sich fort. Nachdem die Taliban Kandahar eingenommen haben, fällt am Freitag auch Pul-i-Alam an die Islamisten. Mehr als die Hälfte aller Provinzhauptstädte wurden eingenommen.

Mit Pul-i-Alam, Kandahar, Lashkar Gah und Firuzkoh haben die radikalislamischen Taliban nun 18 Provinzhauptstädte der 34 in Afghanistan innerhalb einer Woche eingenommen. Die Islamisten kommen der Hauptstadt Kabul immer näher. Pul-i Alam liegt nur 70 Kilometer von Kabul entfernt.

Aus Washington hieß es am Donnerstag, die USA würden rund 3.000 zusätzliche Soldatinnen und Soldaten zeitweise nach Afghanistan verlegen, um die Sicherheit am Flughafen Kabul zu verstärken.

Es gehe darum, die Reduzierung des US-Botschaftspersonals zu unterstützen, erklärte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby, am Donnerstag. Dies könne auch die Sicherung von Konvois von und zum Flughafen umfassen. "Das ist eine zeitlich begrenzte Mission mit eng begrenztem Auftrag", ergänzte er.

Später kündigte auch Großbritannien an, mehrere Hundert Streitkräfte nach Afghanistan zu schicken, um bei der Rückführung von Briten aus dem Land zu helfen. Der BBC zufolge befinden sich schätzungsweise noch rund 4.000 Briten im Land.

Taliban kontrollieren zwei Drittel des Landes 

Die Taliban kontrollieren inzwischen etwa zwei Drittel von Afghanistan. Von US-Geheimdiensten wird nicht ausgeschlossen, dass sie Kabul binnen 30 Tagen isolieren und binnen 90 Tagen übernehmen könnten. Zuvor hatten sie weitere Gebietsgewinne auf ihrem Eroberungszug durch Afghanistan verbucht. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen der Regierung fiel die Stadt Herat am Donnerstag in die Hände der Extremisten. Zuvor hatten die Taliban die Provinzhauptstadt Ghazni erobert.

Der Autor und Journalist Emran Feroz analysiert im PULS 24 Interview, wie es zum jetzigen Vormarsch der Taliban in Afghanistan kommen konnte.

Am Freitag setzten die Islamisten ihren Angriff fort und eroberten Pul-i Alam, das rund 70 Kilometer südlich von der Hauptstadt Kabul liegt. Die Islamisten hätten die wichtigsten Regierungseinrichtungen der Stadt übernommen und den Provinzgouverneur sowie den Geheimdienstchef gefangen genommen, sagten ein Provinzrat und ein Parlamentarier der Deutschen Presse-Agentur am Freitag.

Zuvor hatten sie Firuzkoh in der Provinz Ghor im Westen des Landes erobert. Das bestätigten der Provinzrat und eine Parlamentarierin der Deutschen Presse-Agentur. Die Stadt mit geschätzt 130.000 Einwohnern sei ohne jeglichen Widerstand von den Islamisten übernommen worden, sagte der Provinzrat Fazal-ul Haq Ehsan. Die Sicherheitskräfte und mehrere Regierungsvertreter hätten sich in eine Militärbasis in der Stadt zurückgezogen.

US-Republikaner setzen Biden unter Druck 

Angesichts des nahezu ungebremsten Vormarschs der Taliban forderte der Minderheitsführer der Republikaner im US-Senat, Mitch McConnell, die US-Regierung zu einer sofortigen Verstärkung der Unterstützung für die afghanischen Sicherheitskräfte auf. Biden müsse den afghanischen Kräften "sofort" mehr Hilfe zusagen, darunter auch anhaltende Unterstützung aus der Luft, forderte er. "Wenn das nicht geschieht, könnten Al-Kaida und die Taliban den 20. Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September damit feiern, unsere Botschaft in Kabul niederzubrennen", warnte McConnell am Donnerstag (Ortszeit).

Falls die Taliban in Afghanistan die Macht übernähmen und die Terrororganisation Al-Kaida dorthin zurückkehre, würde das islamistischen Extremisten in der ganzen Welt Auftrieb geben, warnte McConnell. "Die Strategie von Präsident Biden hat aus einer nicht-perfekten aber stabilen Lage innerhalb von Wochen eine große Peinlichkeit und einen globalen Krisenfall gemacht", zürnte der einflussreiche Republikaner. Die Kosten und Konsequenzen von Bidens Handeln würden die ganze Welt betreffen, warnte er.

Wilfried Embacher, Anwalt für Fremden- und Asylrecht, kritisiert im PULS 24 Interview die Entscheidung des Innenministeriums, Abschiebungen nach Afghanistan nicht auszusetzen.

EU fordert Waffenstillstand

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell drohte den Taliban mit Isolation, sollten sie die Macht in Afghanistan mit Gewalt an sich reißen. Zudem forderte der EU-Chefdiplomat die Taliban auf, unverzüglichen wieder Gespräche aufzunehmen und einen dauerhaften Waffenstillstand herbeizuführen. "Die anhaltenden Angriffe verursachen unannehmbares Leid für die afghanische Bevölkerung", erklärte der Spanier am späten Donnerstagabend. Die EU sei bestrebt, eine Unterstützung für das afghanische Volk fortzusetzen. Zudem sei von entscheidender Bedeutung, dass Errungenschaften wie der Zugang von Frauen und Mädchen zu Bildung erhalten blieben.

Nach einer neuen Runde der Afghanistan-Friedenverhandlungen in Doha forderten die Teilnehmer mit Nachdruck einen beschleunigten Friedensprozess. Die Gewalt in dem Land müsse sofort aufhören, hieß es am Donnerstag in einer gemeinsamen Erklärung. Beide Seiten müssten so schnell wie möglich Schritte hin zu einer politischen Einigung und einem umfassenden Waffenstillstand unternehmen. An den Gesprächen nahmen neben Unterhändlern der Regierung in Kabul auch Gesandte etwa der USA und der EU sowie Vertreter der radikal-islamischen Taliban teil.

Hunderttausende Afghanen auf der Flucht

Hunderttausende sind in Afghanistan bereits vor den Kämpfen geflohen. In Kabul ist in den vergangenen Tagen eine große Zahl an Vertriebenen eingetroffen, die nun zum Teil in Parks und auf öffentlichen Plätzen campieren. Der deutsche Staatssekretär Niels Annen erwartet Auswirkungen auch für die Migration nach Deutschland. "Es ist naiv zu glauben, dass der Vormarsch der Taliban und die Gewalt in der Kriegsregion keine migrationspolitischen Folgen hat", sagte Annen der Funke Mediengruppe. "Entscheidend ist nun, dass Deutschland und Europa dabei helfen, die fliehenden Menschen vor Ort in der Region, etwa in Tadschikistan, Iran oder Pakistan, aber auch in Afghanistan selbst zu versorgen. Dafür muss schnell Geld bereitstehen."

Die Taliban setzen ihren Vormarsch in Afghanistan fort.

Sicherheitskreise in Herat erklärten: "Wir mussten die Stadt verlassen, um weitere Zerstörung zu verhindern" und bestätigten damit entsprechende Angaben der Islamisten. Der Vorsitzende des Provinzrates von Ghazni, Nassir Ahmed Fakiri, seinerseits betonte: "Die Taliban haben die Kontrolle über die wichtigsten Bereiche der Stadt erlangt." Die strategisch wichtige Stadt Ghazni liegt an einer zentralen Verbindungsstraße zwischen Kabul und Kandahar. Auch die Stadt Lashkar Gah sind schwer umkämpft.

Nun belagern sie Mazar-i-Sharif. Bei einer Einnahme von Mazar-i-Sharif würde die Regierung in Kabul die Kontrolle über den Norden des Landes endgültig verlieren. 

Quelle: Agenturen / Redaktion / apb