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Traurige Bilanz nach sechs Monaten: Dieses Leid brachte Putins Krieg

23. Aug. 2022 · Lesedauer 7 min

Am 24. Februar marschierte Russland in die Ukraine ein. Während fast die ganze Welt von einem Krieg spricht, behauptet Russland bis heute, es handle sich um eine "militärische Spezialoperation". Der heutige ukrainische Unabhängigkeitstag markiert den sechsten Monat des Krieges.

Zehntausende Menschen getötet, Millionen weitere in die Flucht getrieben und Städte zerstört. Der bisherige Ukraine-Krieg hat bereits viele Opfer verlangt und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Eine traurige Zwischenbilanz:

Aufmarsch an der Grenze - Putins Rede

Ungeachtet des monatelangen Aufmarschs an der Grenze zur Ukraine bestritt Russland immer wieder, dass es in die benachbarte Ex-Sowjetrepublik einmarschieren wolle. Nach Beginn der Invasion begründete die Moskauer Regierung ihr als militärischen Sondereinsatz bezeichnetes Vorgehen damit, in der Ukraine militärische Kapazitäten zerstören sowie gegen als gefährlich eingestufte Nationalisten vorgehen zu wollen.

Die Ukraine und ihre Verbündeten sprechen von einem Angriffskrieg. Für viele Ukrainer ließ schon Putins Ansprache drei Tage vor der Invasion keinen Zweifel daran, dass er ihr Land erobern wolle. Putin sagte, der Osten der Ukraine sei historisch russisches Gebiet, die Ukraine ein integraler Bestandteil der eigenen Geschichte.

Früher Rückschlag in Kiew - Selenskyj bleibt

Der russische Plan, in kürzester Zeit die Hauptstadt Kiew einzunehmen, scheiterte. Russische Truppen gelangten zwar bis in die Vororte, nicht aber ins Stadtzentrum mit dem Sitz der ukrainischen Regierung. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj machte unmissverständlich klar, dass er bleiben werde. "Wir werden die Waffen nicht niederlegen, wir werden unseren Staat verteidigen", sagte er in einer Video-Botschaft. Seine längst zu einem abendlichen Ritual gewordenen Videoansprachen gelten inzwischen als Symbol des ukrainischen Widerstands.

Schreckensbilder aus Butscha

Nachdem der Angriff auf Kiew gescheitert war, zogen sich die russischen Truppen aus dem Norden der Ukraine zurück. Anfang April tauchten vor allem aus dem Kiewer Vorort Butscha Videos auf, die zahllose auf den Straßen liegende Leichen zeigten. Reuters-Reporter berichteten von einem Mann mit Kopfschuss, dessen Hände hinter dem Rücken gefesselt waren. Russland wies jegliche Vorwürfe zurück, auch dass es zu Hinrichtungen gekommen sein soll, und beschuldigte die Ukraine der Inszenierung.

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Größte Fluchtbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg

Während Russland ukrainische Städte unter Beschuss nahm, ergriffen Millionen Menschen die Flucht. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden fast ein Drittel der 44 Millionen Einwohner der Ukraine aus ihrem Zuhause vertrieben. Das UNO-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) spricht von der größten Fluchtbewegung seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

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Viele Ukrainer verließen nicht nur ihren Wohnort, sondern auch ihr Heimatland: Mehr als 6,6 Millionen Flüchtlinge wurden in ganz Europa registriert, die meisten in Nachbarländern wie Polen. Rund 90 Prozent der Geflüchteten in den vergangenen sechs Monaten sind laut UNHCR Frauen und Kinder. Männern im kampffähigen Alter wurde die Ausreise von der Regierung in Kiew untersagt.

Belagerung von Mariupol - Rotes Kreuz spricht von "Hölle"

Innerhalb von drei Monaten zerstörten russische Truppen die einst florierende südukrainische Hafenstadt Mariupol. Im Dauerbombardement waren viele Einwohner in Kellern gefangen; Wasser, Lebensmittel und Medikamente wurden knapp. Das Rote Kreuz beschrieb die Lage als "Hölle".

"Mariupol ist in russischen Händen"

Im Verlauf der Kämpfe reduzierte sich das von ukrainischen Soldaten gehaltene Gebiet auf das Stahlwerk Asowstal. Im Mai gaben die letzten Verteidiger nach wochenlangem Ausharren in den Bunkern und Tunneln des riesigen Werksgeländes ihren Widerstand auf. Die Ukraine spricht von Zehntausenden Zivilisten, die bei der Belagerung und Bombardierung von Mariupol ihr Leben verloren haben. Seitdem ist die Stadt unter russischer Kontrolle. Laut der UNO ist die Zahl der Todesopfer unklar.

Kämpfer kommen in russische Gefangenschaft

Das Österreichische Rote Kreuz ist aktuell mit drei Teams in der Ukraine aktiv und unterstützt Vertriebene, Gastfamilien sowie besonders vulnerable Personen mit Hilfsgütern, Geld- und Gutscheinen, Unterkünften und medizinischer Versorgung. 15 Millionen Menschen sind demnach in der Ukraine auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Schlacht um den Donbass

Russland änderte nach dem Scheitern in Kiew seine Strategie und konzentriert sich vor allem auf den Donbass im Osten der Ukraine. Die Region besteht aus den beiden bereits zuvor teilweise von pro-russischen Separatisten gehaltenen Gebieten Donezk und Luhansk. Es folgten die bisher schwersten Bodenkämpfe des Krieges. Nach der Einnahme der weitgehend zerstörten Städte Sjewjerodonezk und Lyssytschansk erklärte Putin am 4. Juli den Sieg in Luhansk, doch die Kämpfe gehen weiter.

Getreideabkommen - Schiffe verlassen den Hafen 

Russland hatte monatelang die Getreideausfuhr aus ukrainischen Häfen blockiert. Gemeinsam mit den Vereinten Nationen und der Türkei haben Russland und die Ukraine eine Lösung für die Ausfuhr von Millionen Tonnen Getreide aus dem Kriegsland Ukraine vereinbart. Anfang August verlies das Frachtschiff "Razoni" als erstes ukrainisches Schiff den Hafen von Odessa mit Getreide. Es folgten zahlreiche weitere Schiffe, die wichtiges Getreide in die Welt lieferten.

Fokus auf den Süden - Ukraine setzt moderne Raketen ein

Die Kämpfe konzentrieren sich inzwischen auch auf den Süden der Ukraine, wo die Kiewer Regierung die von Russland eingenommenen Gebiete zurückerobern will. Russland hat seine Truppen aufgestockt, und die Ukraine setzt seit Anfang Juli moderne Raketensysteme aus dem Westen ein. Sie kann nun Brücken, Eisenbahnlinien, Kommandoposten und Munitionslager im von Russland gehaltenen Gebiet angreifen. Russland erklärt, der Einsatz in der Ukraine verlaufe nach Plan.

Karner: Russland im Dilemma zwischen Halten von Cherson und Offensive im Donbass

Die USA haben der Ukraine seit dem 24. Februar sogenannte Sicherheitshilfe im Volumen von rund 9,1 Milliarden US-Dollar zur Verfügung gestellt. Dazu zählen Lieferungen von Stinger-Flugabwehrsystemen, Javelin-Panzerabwehrwaffen, Haubitzen und Schutzausrüstung. Großbritannien leistet Militärhilfe im Umfang von 2,3 Milliarden Pfund, die Europäische Union hat sich auf 2,5 Milliarden Euro schwere Sicherheitshilfen verständigt.

Beschuss auf AKW Saporischschja - Krim Explosion

Zum Beschuss und Explosionen zwischen russischen und ukrainischen Truppen kam es auch in der Nähe des Atomkraftwerks Saporischschja. Russland und die Ukraine werfen sich gegenseitig vor, das größte Atomkraftwerk Europas zu beschießen. UN-Generalsekretär Antonio Guterres sieht die Gefahr einer nuklearen Konfrontationen nach "Jahrzehnten wieder da". Aufgrund des anhaltenden Beschusses hat Russland den UN-Sicherheitsrat angerufen.

Welche Gefahr geht vom Atomkraftwerk Saporischschja aus?

Zeitglich kam es auf der russisch besetzten Halbinsel Krim zu mehreren Explosionen von Munition. Es ist ungeklärt, wodurch diese verursacht wurde. Russland wirft der Ukraine vor einen Angriffe getätigt zu haben. Hunderte russische Tourist:innen flohen vom einstigen Urlaubsort

Lage bei AKW Saporischschja ist "brenzlig"

Wie geht es weiter?

Für den Winter sieht Gerald Schöpfer, Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes, eine "riesige Herausforderung". Die Infrastruktur in vielen Orten im Osten der Ukraine sei stark beschädigt. Die Menschen benötigten dringend gut isolierte Unterkünfte, Heizmaterial sowie finanzielle Hilfe, um die anfallenden Heizkosten bewältigen zu können. Zugleich sei das Gesundheitssystem in der Ukraine stark belastet; man helfe mit, langfristig wieder ein funktionierendes Versorgungssystem aufzubauen.

Auch die Hilfsinitiative "Nachbar in Not" kündigte in einer Aussendung eine verstärkte Hilfe vor dem Winter in der Ukraine und den Nachbarländern an. "Derzeit ist es wichtig, Notunterkünfte winterfit zu machen und Reparaturen bei zerstörten Gebäuden und wichtiger Infrastruktur - wie etwa von Schulen - vorzunehmen", sagte Andreas Knapp, Auslandshilfegeneralsekretär der Caritas Österreich und Vorstandsvorsitzender der "Nachbar in Not"-Stiftung. "Die Menschen brauchen warme Unterkünfte und sie brauchen dringend winterfeste Kleidung und Decken."

Kein Frieden in Sicht

Nach sechs Monaten Krieg gibt es nur wenige Anzeichen für Fortschritte - das Getreideabkommen etwa. Doch selbst UN-Generalsekretär António Guterres sagte nach seinem Besuch in der Ukraine am vergangenen Freitag, dass er wenig Hoffnung habe. "Es wird nicht leicht sein, kurzfristig einen Weg zum Frieden zu finden", sagte Guterres. "Aber wir müssen hartnäckig bleiben, denn Frieden ist das wichtigste Gut in der Welt."

Quelle: Agenturen / Redaktion / poz