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Flüchtlinge und Freiwillige: Die Ukraine-Hilfe am Wiener Hauptbahnhof

22. März 2022 · Lesedauer 7 min

Die meisten Vertriebenen aus der Ukraine kommen in Österreich erst am Wiener Hauptbahnhof an. Die Hilfe dort wird vor allem von Freiwilligen getragen. PULS 24 hat sich vor Ort angesehen, wie das funktioniert.

Nur die Umrisse von entfernten Gebäuden lassen sich in der nächtlichen Finsternis erahnen. Bis es plötzlich unangenehm hell wird. Grelles Licht und Blitze lassen Hochhäuser mit kleinen Fenstern, Balkonen, Antennen und Sattelitenschüsseln erkennen. Es sind Raketen oder Bomben, die in die Häuser einschlagen. Das Donnern der Explosionen überlagert das Schreien der erschrockenen Menschen. Dann wird es wieder still. Die Häuser sind nicht mehr auszumachen.

Die Detonationen ereigneten sich vor wenigen Tagen in der ukrainischen Stadt Mykolajiw. "Das haben wir von unserem Fenster aus gefilmt", sagt Marina als sie am Wiener Hauptbahnhof das Video auf ihrem Smartphone herzeigt. Die Hochhäuser sind nur ein paar hundert Meter von ihrem Zuhause entfernt.

Die Schwestern Marina und Anna und ihre Mutter Svetlana.

Die russischen Bomben sind der Grund, warum sie hier gelandet ist. Die Müdigkeit steht Marina, ihrer Schwester Anna und der Mutter Svetlana ins Gesicht geschrieben. Sie sind blass und wirken nervös. Erst vor wenigen Minuten sind sie aus dem Zug aus Bukarest ausgestiegen. Nun sitzen sie auf gespendeten Decken am Boden und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Neben ihnen stehen Koffer und Plastiksäcke. Darin ist alles, was sie mitnehmen konnten. Ihre Männer, den Vater mussten sie zurücklassen.

Die große Ungewissheit

"Wir machen uns Sorgen um unsere Liebsten", tippt Mutter Svetlana in die Übersetzungs-App am Handy ein. Sie hatten ein friedliches Leben, Wohnungen, Eigentum – das alles haben sie hinter sich gelassen. Die Kinder wollten heuer die Schule fertig machen. Auch das ist nun ungewiss, ergänzt Marina. 

Nun wissen sie noch nicht einmal, wo sie die nächste Nacht verbringen werden. "Wir sind müde und müssen erst entscheiden, wie es weitergeht", sagen sie. Davor brauchen sie eine Pause.

Essen und Getränke bekommen sie erstmal beim Stand, den Freiwillige unter Leitung der Caritas im Bahnhof aufgebaut haben. Es gibt Sandwiches, Kekse, Tee, Kaffee, Babynahrung und natürlich auch Futter für die vielen Haustiere. Das meiste wurde gespendet.

Bei der Essensausgabe gibt es auch Spielsachen für die Kinder und Tiernahrung.

Die lange Reise

Kommen Züge aus Polen, Ungarn oder der Slowakei an, wird der Platz vor den großen Anzeigetafeln im Bahnhof voll. Da ist die alte Frau, die sich auf ihren Trolley stützt und Kinder, die zwischen den Koffern und Säcken, inmitten des Getümmels, scheinbar unbeirrt am Boden mit kleinen Autos spielen. Dazwischen ein junges Mädchen mit einem Hund an der Leine und Transportboxen mit Katzen. Selbst der rosarote Plüsch-Koala und der Stoff-Orang-Utan, der auf einem Koffer hängt, sehen nach der langen Reise mitgenommen aus.

Der Ankunftsbereich im Bahnhof ist nun Sammelpunkt für Vertriebene.

Rund zehn Millionen Ukrainer wurden durch den Krieg laut UNHCR bisher vertrieben. Etwa 3,4 Millionen suchen derzeit Zuflucht in anderen Staaten. In Österreich wurden bis Anfang der Woche 14.500 Flüchtlinge "erfasst", teilte das Innenministerium mit. Am Wiener Hauptbahnhof kommen im Schnitt täglich 50 Züge mit Vertriebenen an Bord an. Die meisten würden derzeit weiterreisen – über 52.000 wurden von den ÖBB transportiert. Fürs Zugfahren müssen sie nicht zahlen.

Viele Ukrainer nutzen Wien nur als Zwischenstopp.

Fahren die Züge aus den direkten Nachbarstaaten der Ukraine ein, kommen die freiwilligen Helfer kaum nach. Sie verteilen Spielsachen, FFP2-Masken und noch viel wichtiger: Sie beantworten Fragen. Gekennzeichnet sind sie mit Ukraine-Fahnen oder blau-gelben Schals. Eine andere hält ein Schild in die Höhe: "Information", steht darauf in Kyrillisch zu lesen.

Auf den Bahnsteig zieht es viele Geflüchtete direkt in die Ankunftshalles des Wiener Hauptbahnhofs.

Freiwillige helfen bis spät am Abend

"Viele wissen gar nicht, wo sie sind und welche Sprache man in Österreich spricht", sagt Andreas. Er wurde selbst in der Ukraine geboren, lebt aber seit 20 Jahren in Wien. Seit zwei Wochen kommt er täglich zum Bahnhof, um die Fragen der Vertriebenen zu beantworten. "Ich gehe nur zum Schlafen nach Hause", sagt er. Er steht am Bahnsteig, wenn die Züge einfahren, und bringt die, die weiterfahren, zum Zug Richtung Westen. Dazwischen erklärt er unermüdlich, ob es freie Schlafplätze gibt oder ob die Coronateststation vorm Bahnhof noch offen ist. Die Flüchtlinge seien die Armen, sagt Andreas auf die Frage, ob er nicht auf Ablöse hoffe.

Noch wollen die meisten Ukrainerinnen zu Familienmitgliedern oder Freunden in anderen Ländern weiter. Die meisten machen in Wien nur Pause, erklärt eine Dolmetscherin in Caritas-Jacke. Sie ist Italienerin und studiert in Wien. Eine Helferin der ÖBB erzählt, dass es sie mitnehmen würde, so viele Frauen mit ihren Kindern zu sehen.

Viele fragen vor allem nach Schlafmöglichkeiten oder Anschlusszügen.

Anders als Andreas, arbeiten die Dolmetscher von der ÖBB und Caritas zumindest im geregelten Schichtbetrieb. So auch Kurt Wagner. Er ist pensionierter ÖAMTC-Fahrer und fährt einen Arbeitstag lang Flüchtlinge, die in Wien ankommen und nicht sofort weiterreisen, ins Ankunftszentrum in der Engerthstraße. Zwar gibt es Wegweiser auf Kyrillisch – der Weg vom Hauptbahnhof in die Leopoldstadt sei für Flüchtlinge aber schwer zu finden. Manche wollen dort auch nur Duschen und fahren dann mit ihm wieder zurück zum Bahnhof.

Kurt Wagner hilft als pensionierter ÖAMTC-Fahrer.

Elf Mal sei er schon hin und her gefahren, sagt er. Dass er in seiner Pension wieder in die ÖAMTC-Jacke schlüpft, um am Bahnhof zu helfen, sei auch "ein bisserl Egoismus" befindet er. Er habe vom Krieg im Fernsehen gehört und kann sich so ablenken, anstatt "untätig zu Hause zu sitzen".

Die zwei Seiten der Freiwilligkeit

Was die drei Helfer eint, ist, dass sie für ihre Tätigkeit nicht bezahlt werden. Die Hilfe für die Vertriebenen am Hauptbahnhof lebt zu einem großen Teil von Freiwilligen. Und das ist eine zweischneidige Angelegenheit, wie Migrationsexpertin Judith Kohlenberger sagt: Zum einen habe man aus Fehlern von 2015 gelernt und setzte nun von Anfang an auf die Kooperation mit der Zivilgesellschaft. Viele Akteure hätten seither Expertise in dem Bereich, der Einsatz von Freiwilligen erhöhe die Bereitschaft zur Hilfe und durch die Begegnungen würden Vorurteile abgebaut werden. 

Ein buntes "Herzlich Willkommen"-Schild hängt zwischen den Bahnsteigen 6 und 7.

Auf der anderen Seite sind laut Kohlenberger Unterbringung, Versorgung, Arbeit und Bildung von Flüchtlingen staatliche Aufgaben. Private Unterkünfte können nur temporär eine Lösung sein. Bei der Hilfe am Bahnhof müssen Staat und Zivilgesellschaft "Hand in Hand" arbeiten. Der Staat müsse aber kontrollieren, wer da hilft und den Freiwilligen Absicherung und psychologische Unterstützung anbieten. "Man wird einen langen Atem brauchen", so Kohlenberger. Auch bei früheren Migrationsbewegungen habe man mit der Zeit gesehen, dass bei freiwilligen Helfern Ermüdungserscheinungen eintreten.

Unermüdlicher Einsatz

Während etwa die Schicht von Andreas, dem pensionierten ÖAMTC-Fahrer, an diesem Abend unerwartet früh endet, weil in der Engerthstraße kein Platz mehr frei ist und die Stadt Wien dann doch Busse der Wiener Linien schickt, um die Vertriebenen in das Messe-Zentrum zu bringen, eilt Dolmetscher Andreas zum Zug aus Prag. Der Zug hat 75 Minuten Verspätung. Es ist mittlerweile nach 22 Uhr. Dennoch wird Andreas auch am nächsten Tag wieder am Bahnhof stehen.

Welchen Zug Marina, Anna und Svetlana nehmen werden, oder ob sie doch in einen Bus der Wiener Linien steigen, war zu dem Zeitpunkt noch nicht entschieden. "Ist München gut? Bekommen wir dort einen Job", fragt Marina. Dass man in Deutschland bessere Chance hätte, hätten sie zumindest gehört. Doch eigentlich wollen sie keine Flüchtlinge sein, diesen Status nicht annehmen, sagen sie. Sie wollen zurück zu ihren Liebsten, nach Mykolajiw. Dorthin, wo sie noch vor wenigen Tagen die Bomben, die auf Nachbarhäuser fielen, filmten.

Konstantin Auer, Angela PerkonigQuelle: Redaktion / koa