Martin Holzner/PULS 24

Würglich nicht so geil - Choking

02. Dez. 2022 · Lesedauer 4 min

Von wegen trockene Zahlen. PULS 24 Kolumnistin Theresa Lachner bringt zusammen, was zusammen gehört: Sex und Statistik.

Ich spreche und schreibe jetzt seit über 13 Jahren über Sex – und manchmal fühle ich mich dabei sehr alt. Zum Beispiel neulich, als ich eine Gruppe junger Männer coachte – alle so Mitte 20, alle sehr cool.

"Wie meinstn das mit dem Consent? Ich kann die doch nicht einfach fragen, was soll die denn dann von mir denken, dass ich schwul bin oder was?" Ein anderer pflichtete ihm bei. "Wenn ich die nicht direkt würge, ist die doch beleidigt!" Und zack, waren wir mitten in einem Würge-Coaching gelandet, bei dem sich die Boys unter Anleitung gegenseitig an die Gurgel gingen.

Es ist inzwischen eine der häufigsten Fragen in meiner Inbox: Wie würge ich sie denn richtig? Und eine, die ich Mutti-mäßig am liebsten mit "am besten gar nicht" und "wenn dann nur, wenn sie vorher explizit darum gebeten hat" beantworten würde.

Aber wir müssen uns mit der Würgerei auseinander setzen – spätestens seit 50 Shades of Grey das zweitmeistverkaufte Buch nach der Bibel wurde, sind Überwältigungsfantasien in sehr vielen Schlafzimmern angekommen. "Rough Sex" ist eine der meistgeklickten Kategorien auf einschlägigen Erwachsenenunterhaltungswebseiten. Und suchen Sie mal auf Tiktok nach "Choking" - oder besser, lassen Sie es.

Ja: als consensual kommunizierte und durchgeführte BDSM-Praxis kann Choking für manche Menschen sicherlich reizvoll sein – man liefert sich aus, gibt die Kontrolle ab, vertraut einem anderen Menschen, der Sauerstoffmangel kann dizzy machen. No Kinkshaming!

Aber. Aber! Menschen gehen leider auch schneller kaputt, als uns lieb ist. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Sexualberaterin: Husten, Taubheitsgefühle, Blutungen im Augapfel mit dauerhaftem Sehverlust, Übelkeit und Erbrechen, Koordinationsverlust und Desorientierung, Kehlkopf – und Luftröhrenschäden bis hin zu Lungenproblemen, Hirnschäden Herzrhytmusstörungen, Herzstillstand, Tod. Geil? Geht so.

Leider aber auch gar nicht so selten: Eine Studie von BBC5 hat erwiesen, dass mehr als ein Drittel, nämlich 38 Prozent aller britischen Frauen unter 40 schon mal ungewollterweise bei ansonsten einvernehmlichem Sex geschlagen, gewürgt oder bespuckt wurden. 20 Prozent gaben an, dass sie dieses Erlebnis verstört hat, und 42 Prozent fühlten sich unter Druck gesetzt oder genötigt, entsprechenden Praktiken zuzustimmen. Weil der Sex zuvor ja grundsätzlich gewollt war. Weil sie vielleicht besonders cool und kinky wirken wollten. Beim Sex mit Typen, die ebenfalls besonders cool und kinky wirken wollten. Weil alle besonders cool und kinky sein wollten, aber weder so richtig darüber reden, noch zugeben, dass sie es doch nicht wollten.

Deswegen hier ein paar Mutti-Fragen an alle Würgefreund*innen und solche, die es werden wollen: Wie lang ist denn ihr letzter Erster-Hilfe-Kurs her? Würden Sie sich im Zweifelsfall eine Herzdruckmassage und wiederbelebende Maßnahmen zutrauen? Und sind Sie sicher, also so richtig-richtig sicher, dass Ihr Gegenüber sich gerade dasselbe wünscht? Das gilt übrigens für beide Seiten – ich habe auch schon mit Männern gesprochen, die von den Forderungen einer Frau, sie gewaltvoll zu dominieren, komplett verstört waren. Read the room, everyone!

Wenn Sie es jetzt immer noch unbedingt ausprobieren wollen: packen Sie am besten nur zärtlich an Hals und Nacken zu oder hängen Sie den Kopf rückwärts über die Bettkante, davon wird einem auch schwindelig. Halten Sie sich von Kehlkopf und Luftröhre fern, ebenso von Hilfsmitteln wie Halsbändern, Krawatten etc, vereinbaren Sie eine Sicherheitsgeste weil das mit dem Safeword schwierig werden könnte, halten Sie konsequent dabei Blickkontakt, üben Sie vorher an sich selbst. Oder hören Sie einfach doch auf Mutti Theresa, die da sagt: bitte am besten einfach sein lassen. Lieber ein bisschen Händchen halten, das kann ja auch ganz schön sein.

Theresa Lachner ist systemische Sexualberaterin und Gründerin des größten deutschsprachigen Sexblogs LVSTPRINZIP sowie des gleichnamigen Podcasts und Buchs.

Quellen

https://www.bbc.com/news/uk-50546184
https://www.hindawi.com/journals/crips/2016/5474862/
https://www.malteser.de/aware/hilfreich/herzdruckmassage.html

Theresa LachnerQuelle: Redaktion