APA - Austria Presse Agentur

Nawalny aus stationärer Spitalsbehandlung entlassen

23. Sept 2020 · Lesedauer 4 min

Einen Monat nach seiner Einlieferung in die Berliner Charité-Klinik ist der vergiftete russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny aus der stationären Behandlung entlassen worden. Der Gesundheitszustand des 44-Jährigen habe sich bis zu seiner Entlassung am Dienstag "soweit gebessert, dass die akutmedizinische Behandlung beendet werden konnte", teilte das Krankenhaus am Mittwoch mit. Laut Analysen wurde der Kreml-Kritiker mit einem chemischen Nervenkampfstoff vergiftet.

Nach seiner Entlassung veröffentlichte Nawalny ein Foto von sich. Auf seiner Instagram-Seite zeigt sich der Kremlkritiker auf einer Bank in einer Grünanlage mit ernster Miene sitzend. Er werde jetzt täglich zur Physiotherapie gehen und womöglich ein Rehabilitationszentrum aufsuchen, schrieb Nawalny. Er erlerne wieder Gleichgewicht zu bekommen, indem er auf einem Bein stehe. Seine linke Hand sei noch teilweise gelähmt.

Die behandelnden Ärzte halten eine vollständige Genesung "aufgrund des bisherigen Verlaufs und des aktuellen Zustandes" von Nawalny für möglich. Jedoch könnten eventuelle Langzeitfolgen erst im weiteren Verlauf beurteilt werden, erklärte die Charité weiter. Insgesamt wurde Nawalny 32 Tage in der Klinik behandelt, davon 24 Tage auf einer Intensivstation im künstlichen Koma.

Der Kremlkritiker war am 20. August auf einem Flug vom sibirischen Tomsk nach Moskau zusammengebrochen. Zunächst wurde Nawalny nach einer Notlandung in einem Krankenhaus in Omsk behandelt, zwei Tage später wurde er auf Drängen seiner Familie und seiner Unterstützer zur Behandlung in die Berliner Klinik Charité gebracht.

Nach Angaben der deutschen Regierung wurde Nawalny "zweifelsfrei" mit einem chemischen Nervenkampfstoff aus der sogenannten Nowitschok-Gruppe vergiftet. Labors in Frankreich wie auch in Schweden hatten den entsprechenden Befund eines Speziallabors der deutschen Bundeswehr bestätigt. Die Substanz war in der früheren Sowjetunion entwickelt worden. Moskau weist den Verdacht vehement zurück, staatliche russische Stellen könnten den prominenten Kritiker von Präsident Wladimir Putin gezielt vergiftet haben. Die russische Regierung sieht bisher auch keine Hinweise für einen Anschlag in Russland mit dem Gift aus der Nowitschok-Gruppe.

Einem Zeitungsbericht zufolge brachte der russische Präsident Wladimir Putin eine mögliche Selbstvergiftung Nawalnys ins Spiel. Die französische Zeitung "Le Monde" berichtete, Putin habe bei einem Telefonat mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron die Vermutung geäußert, Nawalny könnte sich das Nervengift Nowitschok selbst verabreicht haben.

Bei dem Telefongespräch mit Macron am 14. September brachte Putin demnach mehrere Thesen vor, wie es ohne Einmischung russischer Stellen zu der Vergiftung Nawalnys gekommen sein könne. Er verwies neben der Selbstvergiftung auf eine mögliche Verbindung nach Lettland, wo der Hersteller des Nervengifts Nowitschok lebe. Macron wies diese Vermutungen nach den Informationen von "Le Monde" entschieden zurück.

Nawalny selbst machte sich bei Instagram über die Mutmaßungen lustig: "Ich habe Nowitschok in der Küche gekocht", schrieb er dort ironisch. "Davon habe ich etwas aus meinem Flachmann im Flugzeug geschluckt." Er fügte sarkastisch hinzu: "Putin hat mich durchschaut. Man kann ihn einfach nicht täuschen."

Nach Angaben des Kreml kann Nawalny genau wie jeder andere Russe in sein Heimatland zurückkehren. Man sei erfreut, dass die Genesung des 44-Jährigen voranschreite, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Jetzt werde man sehen, ob Nawalny nach seiner Rückkehr mit russischen Sicherheitsbehörden sprechen und Informationen über seinen Fall teilen wolle.

Zum aktuellen Aufenthaltsort Nawalnys machte die Charité keine Angaben. "Die öffentliche Mitteilung zum Gesundheitszustand von Herrn Nawalny erfolgt im Einvernehmen mit ihm und seiner Ehefrau", hieß es nur. Der 44-Jährige hatte seinen Weg der Genesung zuletzt mit mehreren Instagram-Fotos dokumentiert. Er dankte bereits in einer am Samstag veröffentlichten Nachricht den "brillanten Ärzten" der Klinik.

Moskau kündigte indes weitere Einreiseverbote für EU-Vertreter an. Die Liste der Vertreter von EU-Mitgliedstaaten und Institutionen, denen die Einreise auf russisches Territorium verboten ist", werde auf der Grundlage der Gegenseitigkeit erweitert, erklärte das russische Außenministerium.

Einen Grund für die Maßnahme nannte das Ministerium nicht, sondern fügte lediglich hinzu, Moskau habe die EU "mehr als ein Mal vor dem zerstörerischen Charakter ihres Verhaltens gewarnt". Sollte die EU an ihrem Konfliktkurs festhalten, behalte sich Moskau das Recht vor, entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Quelle: Agenturen