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Mit "sofortiger Wirkung"

ORF-Chef Roland Weißmann nach Vorwürfen zurückgetreten

Heute, 07:55 · Lesedauer 4 min

ORF-Chef Roland Weißmann tritt mit "mit sofortiger Wirkung" zurück, das gab Heinz Lederer, Vorsitzender des Stiftungsrates, am Montag per Aussendung bekannt.

ORF-Generaldirektor Roland Weißmann (57) ist "mit sofortiger Wirkung" zurückgetreten, nachdem eine ORF-Mitarbeiterin "Vorwürfe der sexuellen Belästigung" erhoben hatte. Weißmann bestreitet diese Vorwürfe.

Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer betonte im APA-Gespräch, es sei seine "oberste Pflicht, die Integrität des ORF zu schützen". Radiodirektorin Ingrid Thurnher werde am Donnerstag zur Wahl als neue Generaldirektorin bis zum Ende der laufenden Amtsperiode vorgeschlagen.

"Meinem Mandanten liegt bis heute der von der Mitarbeiterin genau vorgebrachte Sachverhalt nicht vor, dennoch war er, um Schaden vom Unternehmen abzuwenden, zu weitreichenden Zugeständnissen bereit und trat daher (...) mit sofortiger Wirkung von seiner Funktion als Generaldirektor zurück", reagierte Weißmanns Anwalt Oliver Scherbaum in einer Aussendung. 

Die "mediale Verbreitung der in keinster Weise aufgeklärten Vorwürfe" stelle eine "völlig unangemessene und überschießende Reaktion" dar. "Diese Vorgehensweise, wie auch eine allfällige Wiedergabe der Vorwürfe durch Dritte, verletzen die Persönlichkeitsrechte meines Mandanten massiv", so Scherbaum. Der Anwalt kündigte rechtliche Schritte an.

Lederer: Betroffene Person schützen

Lederer habe Weißmann, unmittelbar nachdem er Kenntnis von den Vorwürfen erhalten habe, ersucht, sich in anwaltliche Beratung zu begeben und eine Klärung herbeizuführen, so der Stiftungsratsvorsitzende gegenüber der APA. 

Sonntagvormittag habe er dann den Rücktritt erhalten. Außerdem habe er "alles eingeleitet, was das Arbeitsrecht hergibt, damit die betroffene Person geschützt ist und ihr kein Schaden entsteht".

Weißmann sei vom Stiftungsrat darüber in Kenntnis gesetzt worden, "dass ihm von einer Mitarbeiterin unangemessenes Verhalten zu Beginn seiner Amtszeit als Generaldirektor (2022) vorgeworfen wird", hieß es im Anwaltsschreiben. Ihm sei seitens des Stiftungsrates eine Frist von wenigen Tagen eingeräumt worden, um seinen Rücktritt zu erklären, "obwohl mein Mandant die Vorwürfe bestritten hat und eine inhaltliche Überprüfung der Vorwürfe nicht erfolgte".

Stiftungsrat: "rasche Aufklärung" nötig

Der im Raum stehende Vorwurf verlange "eine rasche und transparente Aufklärung in enger Kooperation mit der ORF-Compliance-Stelle", bei der die Wahrung des Schutzes der betroffenen Person das oberste Ziel sein müsse, so Lederer und sein Stellvertreter Gregor Schütze. Die Sitzungen des Stiftungsrats in dieser Woche werden wie geplant stattfinden. 

Bereits in der Plenarsitzung am Donnerstag soll die amtierende Hörfunkdirektorin Thurnher auf Vorschlag von Schütze und Lederer mit der vorläufigen Führung der Geschäfte des Generaldirektors beauftragt werden.

"Sie ist die integrativste Person, die auch voll für den öffentlich-rechtlichen Auftrag steht und sie wird damit auch die wichtige Aufgabe übernehmen, diese Causa aufzuarbeiten", so Lederer. Darüber hinaus möchte er eine Taskforce ins Leben rufen, die auch andere Fälle sexueller Belästigung "noch einmal genau anschaut und Lehren daraus zieht". Er betrachte dies als "Beginn einer Ära, in der so etwas einfach nicht mehr vorkommt".

Video: Wer wird neuer ORF-Chef nach dem Weißmann-Rücktritt?

Keine Veränderung im Fristenlauf geplant

Für die anstehende Wahl einer neuen Generaldirektion ab 2027 bedeute der Rückzug Weißmanns zunächst keine Veränderung im Fristenlauf. Nach wie vor geht Lederer davon aus, dass die Funktion mit Mai ausgeschrieben und am 11. August neu besetzt wird. 

"Ich bin sehr hoffnungsfroh, dass wir starke Persönlichkeiten im Wettbewerb und mit den neuen gesetzlichen Ausschreibungskriterien finden werden. Da kann das sogar ein Beschleuniger sein." 

Nicht zuletzt würden Bewerber nun umso mehr gefordert sein, mit ihrem Umgang mit dem Verhältnis von Männern und Frauen in der Unternehmenskultur zu überzeugen. Das Bewerberfeld werde nach dem Ausscheiden des bisher als Favorit gegoltenen Weißmann wohl größer werden.

Medienminister Babler mit Präferenz für weibliche ORF-Führung

Seitens der Politik wurde Weißmanns Rücktritt mehrheitlich als nötige Konsequenz begrüßt und Transparenz bei der Nachbesetzung gefordert. Medienminister Andreas Babler (SPÖ) erklärte in einer Reaktion, dass es dem ORF und der Gesellschaft gut täte, "wäre die Nachfolge eine Generaldirektorin". 

ÖVP-Mediensprecher Nico Marchetti gab sich knapp: Man nehme die Entscheidung Weißmanns "zur Kenntnis. Volle Aufklärung und Transparenz sind jetzt das Gebot der Stunde". NEOS-Mediensprecherin Henrike Brandstötter erklärte, dass nun im Zuge der geplanten ORF-Reform Strukturen geschaffen werden müssten, damit potenzieller Machtmissbrauch nicht mehr möglich sei.

Ähnlich die Mediensprecherin der Grünen, Sigrid Maurer: Der ORF brauche "eine Unternehmenskultur und Strukturen, die Machtmissbrauch verhindern, Betroffene schützen und ein sicheres Arbeitsumfeld schaffen, in dem Respekt und Integrität selbstverständlich sind". Die FPÖ forderte angesichts des Rücktritts einmal mehr eine "Totalreform" des ORF. Der freiheitliche Mediensprecher Christian Hafenecker meinte, dass der ORF nun die Chance habe "seine selbstgewählte Rolle als zwangssteuerfinanzierter Regierungslautsprecher aufzugeben und sich wieder seinem öffentlich-rechtlichen Auftrag zu widmen".

Video: ORF-Generaldirektor Weißmann tritt nach Vorwürfen zurück

Zusammenfassung
  • Roland Weißmann ist als ORF-Generaldirektor zurückgetreten.
  • Der Stiftungsrat soll seinen Rücktritt aufgrund von Vorwürfen einer Mitarbeiterin binnen weniger Tage verlangt haben.