Martin Holzner/PULS 24

Oh ja Baby, komm für mich: Warum täuschen Frauen Orgasmen vor?

04. Nov. 2022 · Lesedauer 4 min

Von wegen trockene Zahlen. PULS 24 Kolumnistin Theresa Lachner bringt zusammen, was zusammen gehört: Sex und Statistik.

"Ist das eigentlich normal bei dir, dass du nicht jedes Mal kommst? Also bei meiner Ex war das nie ein Problem!" oder: wie ich mit Mitte 20 lernte, dass laut loslachen nicht immer die beste Antwort ist – und ein gekränktes Männer-Ego es eben gern hat, wenn Frauen "kommen". Auch, wenn sie vielleicht in Wirklichkeit gerade noch meilenweit davon entfernt sind.

Zwischen 30 und 75 Prozent aller Frauen täuschen im Lauf ihres Lebens Orgasmen vor – aber warum eigentlich? Eine neue ungarische Studie hat folgende Gründe gefunden:

Einerseits gibt es da situative, externe Motive: Müdigkeit, Langeweile, vielleicht ein Schwips, oder auch: es halt hinter sich bringen wollen, ohne "also bei mir wird das heute wahrscheinlich nichts mehr, aber mach du gern schnell noch fertig" zu sagen.

Anderseits auch intrinsische: die Scham davor, nicht zum Höhepunkt kommen zu können, zu realisieren, dass es halt einfach nicht klappt. Diese intrinsische Motivation kann entweder selbstfokussiert sein (um einen peinlichen Moment zu vermeiden) oder aber auf den Partner: um beispielsweise einen Konflikt oder ein unerwünschtes Problemgespräch zu umgehen, oder ihn bei der Stange zu halten.

Besonders häufig genannt unter den partnerfokussierten Motiven: die Gefühle und das Selbstwertgefühl seines Gegenübers zu beschützen. Irgendwie ja auch süß. Aber mittelfristig natürlich auch nicht besonders zielführend. Die Forschenden fragten auch nach der Art der Beziehung, in der am häufigsten vorgetäuscht wird, und warum. Bei eher lockeren Nummern scheint den befragten Frauen weniger um das männliche Ego, als um ihre eigene Lust zu gehen. Gleichzeitig bleibt die, im Gegensatz zu einer Langzeitbeziehung, anscheinend auch öfters auf der Strecke: nur 11 Prozent aller heterosexuellen Frauen kommen bei einem One-Night-Stand zum Orgasmus, im Gegensatz zu immerhin 67 Prozent in einer heterosexuellen Langzeitbeziehung und 34 Prozent mit einem neuen Partner, mit dem man sich erst mal eingrooven muss. E L F! P R O Z E N T! Lassen Sie sich diese Zahl bitte noch mal kurz auf der Zunge zergehen. Und denken dann noch mal kurz drüber nach, ob Frauen wirklich so viel romantischer sind, wie wir allgemein oft zu hören bekommen, oder ob sie es vielleicht einfach nur weniger enttäuschend besorgt haben wollen.

Zurück zur Studie: die ergab, dass Frauen in Langzeitbeziehungen seltener Orgasmen vortäuschen als der Bevölkerungsdurchschnitt, aber die in Langzeitbeziehungen, die es doch tun, tun es dafür wesentlich häufiger als der Rest.

Aber warum? Unsicherheit – und die Angst, nicht "normal" und irgendwie dysfunktional zu sein. Frauen, die ohnehin Schwierigkeiten haben, zum Orgasmus zu kommen, täuschen auch häufiger Orgasmen vor – und kommen dadurch vermutlich noch seltener zum Orgasmus, weil sie ihrem Partner, den sie nicht verunsichern wollen, so auch die Chance auf konstruktives Feedback nehmen.

Da beißt sich also quasi die Katze in den Schwanz.

Ebenfalls wenig überraschend: auch zwischen genereller Beziehungszufriedenheit und der Orgasmus-Vortäusch-Häufigkeit gibt es einen direkten Zusammenhang: je häufiger vorgetäuscht wird, desto unglücklicher sind die Frauen. Und klar: je länger man zusammen ist, desto schwieriger wird es natürlich auch, zuzugeben, dass man für seine Performance zwar einen Oscar verdient hätte, aber in Wirklichkeit eigentlich gar nicht so glücklich ist. Aber es wäre sowohl ehrlicher als auch konstruktiver.

Was die Studie, in der nur die Frauen befragt wurden, nämlich nicht untersuchen konnte: wie es den Sexualpartnern der Vortäuschenden geht – und ob ihr Ego wirklich so superfragil ist, wie vermutet, oder ob sie nicht doch auch daran interessiert sind, dass ihre Partnerin im Bett wirklich authentisch sie selbst sein kann – ob mit Orgasmus oder manchmal eben auch ohne.

Denn ja, es ist absolut "normal", nicht jedes Mal theatralisch laut schreiend zum Höhepunkt zu kommen – und zwar für beide Geschlechter.

Einen Orgasmus-Lifehack zum Abschluss kann ich Ihnen auf jeden Fall mitgeben: laufen Sie einfach direkt laut schreiend weg, wenn Menschen Sie im Bett mit deren Expartner*innen vergleichen.

Theresa Lachner ist systemische Sexualberaterin und Gründerin des größten deutschsprachigen Sexblogs LVSTPRINZIP sowie des gleichnamigen Podcasts und Buchs.

Quelle

https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2050116122000836

Theresa LachnerQuelle: Redaktion