Von Corona-Dynamik überrascht? Eine Chronologie der Warnungen

08. Nov 2021 · Lesedauer 8 min

Die Infektionszahlen explodieren, in den Spitälern spitzt sich die Lage zu. Die Regierung zeigt sich überrascht. Doch genug Experten hätten gewarnt - teils schon im Sommer. Eine (unvollständige) Chronologie.

Nun ist es so weit, in Österreich gilt die 2G-Regel. Ungeimpfte werden vom gesellschaftlichen Leben weitgehend ausgeschlossen. Die Regierung gibt sich jetzt überrascht über die "plötzlich" notwendig gewordenen Maßnahmen. Bundeskanzler Alexander Schallenberg (ÖVP) sagte am Wochenende: "Ein Buch liest sich von hinten immer leichter. Die Experten haben diese dramatische Dynamik, die wir jetzt sehen, in der Form nicht vorhergesehen". 

Doch ein Blick ins Archiv reicht, um zu sehen, dass das so nicht ganz stimmen kann: Zahlreiche Experten hatten schon seit Monaten vor genau dieser Entwicklung, den steigenden Infektionszahlen, der Auslastung der Spitäler, der zu geringen Impfquote gewarnt. Politberater Thomas Hofer unterstellt der Regierung sogar, hier bewusst die Unwahrheit zu sagen. Bereits im Juni seien die Hochrechnungen des Wiener Krisenstabs bekannt gewesen. "Schon zu Beginn des Sommers war klar, dass mit Ende November mit einer Vollauslastung der Intensivstationen zu rechnen ist", so Hofer. 

Schon im Juni warnte auch Statistiker Erich Neuwirth im PULS 24-Interview davor, die Pandemie als besiegt anzusehen. Schon im Sommer 2020 hätte man exponentielles Wachstum bei den Neuinfektionen übersehen, weil sie sich auf geringem Niveau abspielte. Er warnte davor, das auch im Sommer 2021 zu übersehen. 

"Die Zahlen werden wieder ansteigen", warnte Virologin Dorothee von Laer am 6. Juli. "Leider früher als wir gedacht haben", sagte sie damals - schon vor Oktober sei ein Anstieg möglich. Weitere Öffnungsschritte, ohne auf eine höhere Durchimpfungsrate zu setzen, würden im Herbst zu hohen Infektionszahlen und vielen Todesfällen führen, so die Expertin.

Selbst der Chef des Handelsverbands, Rainer Will, warnte schon Mitte Juli vor der vierten Welle nach dem Sommer und sprach von nötigen Impfanreizen.

Am 21. Juli warnte das Covid-Prognose-Konsortium, das im Gesundheitsministerium angesiedelt ist, vor einer zunehmenden Zahl der Neunansteckungen und vor steigenden Zahlen in den Krankenhäusern. Die Experten warnten davor, dass zu viele in der Altersklasse über 55-Jahren nicht geimpft seien und Intensivbetten benötigen werden.

Warnung vor fehlenden PCR-Tests im Juli

Statistiker Erich Neuwirth forderte am selben Tag neue Verschärfungen und warnte davor, dass in den westlichen Bundesländern zu wenig getestet werde. Wegen fehlender PCR-Tests würden viele Fälle dort nicht entdeckt werden. Noch heute ist das in einige Bundesländern ein Problem.

"Momentan sind wir in einer extrem kritischen Situation, wir haben eine nur halb durchgeimpfte Bevölkerung, [...] wenn wir so langsam weitermachen bei den Impfungen dauerts nicht mehr allzu lange, dass wir irgendwo auf der Welt es mit einer Variante zu tun haben, die gegen die Impfung unempfindlich wird, vor dem würde ich mich fürchten", warnte Walter Hasibeder, Präsident der Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) noch am selben Tag. 

"Wir werden nur mit der Impfpflicht so rasch in einen Bereich kommen, wo wir so viele immunisiert haben, dass wir uns nicht mehr fürchten müssen", forderte Hasibeder angesichts der vielen Todesfälle.

"Ich kann den politischen Eiertanz rund um das Thema [Corona, Anm.] gut verstehen, aber aus wissenschaftlicher Sicht steht Österreich im Moment an einem Scheideweg: Entweder dem Virus freien Lauf zu lassen, oder eben die Inzidenzen zu kontrollieren. Dazu müssen wir jetzt handeln", sagte Molekularbiologe Ulrich Elling nur einen Tag später. 85 Prozent Durchimpfung seien nur mit einer Impfpflicht erreichbar.

Elling: 85 Prozent Durchimpfung praktisch nur mit Impfpflicht erreichbar

Am 23. Juli widersprach der Epidemiologe Gerald Gartlehner dem Versprechen der Regierung, ein "Sommer wie damals" sei möglich. "Es wird kein Sommer wie damals mehr werden, befürchte ich", sagte er in einem Interview mit "Ö1". Gartlehner sah Österreich damals schon am Anfang der vierten Welle. "Die Zahlen werden weiter steigen wegen der Delta-Variante", warnte er. 

Am 11. August wiederholte er auf PULS 24: "Wir sehen ganz sicher schon den Beginn der vierten Welle". Wir können auch davon ausgehen, dass die Aufnahmen in den Spitälern steigen werden". Allerdings ging er davon aus, dass es eine Welle der Ungeimpften sein werde. 

Am selben Tag sagte Virologe Lukas Weseslindtner, dass es nicht überraschend sei, dass die Zahlen ob der Öffnungen steigen, man müsse bei der Krankenhausauslastung "sehr genau aufpassen", die Fallzahlen werden weiter steigen.

Virologe Weseslindtner beantwortet die wichtigsten Fragen zur 3. Impfung

Auch internationale Warnungen dürfte die Regierung wohl überhört haben. Am 4. August warnten in "The Lancet Region Health Europe" 34 Experten, darunter vier aus Österreich, vor einer "Wiederholung von Fehlern" von Sommer und Herbst 2020. Sie betonten die Möglichkeit von größeren Wellen ab Herbst, sollte auf Eindämmungsmaßnahmen verzichtet, die Impfquoten nicht erhöht werden und es kein europaweit abgestimmtes Vorgehen geben.

"Im Herbst wird die Wahrscheinlichkeit sich zu infizieren wohl so hoch liegen wie noch nie zuvor in dieser Pandemie. Genau deswegen sollte man sich jetzt zügig um einen Impftermin bemühen. Die Betonung liegt auf jetzt", schrieb der deutsche Virologe Christian Drosten nur einen Tag später auf Twitter.

Am 9. August warnte Virologe Norbert Nowotny vor einer Tendenz, die "nach oben" zeige. Für die Neuinfektionen seien damals vor allem Reiserückkehrer verantwortlich gewesen. Nowotny forderte eine PCR-Testpflicht für diese. Sie kam nur für einzelne Länder. Eine Entspannung der Situation prognostizierte der Virologe im August erst für Frühjahr 2022.

Nowotny: "Wir brauchen mehr, die sich impfen lassen"

Mitte August schließlich war es den Experten klar: Es war kein "Sommer wie früher". Statistiker Neuwirth rechnete auf PULS 24 vor, dass die Zahlen im August 2021 sogar drastischer waren als im August 2020. Im November 2020 folgte ein Lockdown. Neuwirth warnte, dass eine Impfrate von 80 Prozent mit dem Tempo von damals erst mit Jahreswechsel erreicht werden würde. Das Impftempo nahm seither sogar ab. Er forderte deshalb im August schon eine 1G-Regel.

Am 30. August schließlich sagte Virologin Dorothee von Laer, dass man vor "Impfpflicht oder Lockdown" stehe - Schuld sei  vor allem der geringe Impffortschritt. Virologe Norbert Nowotny warnte am selben Tag ebenfalls vor einem Lockdown, den Ungeimpfte zu verantworten hätten.

Von Laer: "Laufen in eine Wahl rein: Impfpflicht oder Lockdown"

"Risikoreicher" Drei Stufen-Plan im September

Anfang September brachte schließlich der Drei-Stufen-Plan die FFP2-Maskenpflicht zurück. Statt der Sieben-Tages-Inzidenz wurde die Intensivbettenbelegung als Indikator herangezogen. Noch am Tag der Verkündung der neuen Maßnahmen kritisierte Epidemiologe Gerald Gartlehner auf PULS 24: Die Maßnahmen hätten früher kommen müssen und seien nicht ausreichend. Das Leben für Ungeimpfte müsse unbequemer werden, die Wohnzimmertests hätten abgeschafft werden sollen. Er forderte damals schon die 2G-Regel.

Auch Virologin Dorothee von Laer attestierte dem Drei-Stufen-Plan, "risikoreich" zu sein. Man dürfe die Sieben-Tages-Inzidenz nicht aus den Augen verlieren, warnte sie am 13. September. 

Rudolf Likar, Intensivbettenkoordinator in Kärnten, sprach schon Anfang September davon, "100-prozentig" Operationen verschieben zu müssen. Die Lage habe damals schon der Lage von November 2020 geähnelt.

"Werden Operationen verschieben müssen"

Am 22. September rechnete Simulationsforscher Niki Popper auf PULS 24 vor, dass die Zahl der Patienten auf den Intensivstationen steigen werde. Als "Spiel auf Zeit" bezeichnete der Simulationsforscher die aktuelle Corona-Lage in Österreich. "Alle Maßnahmen sind gut und wichtig", man müsse dennoch "schnell und effektiv impfen", erklärte er damals. 

Am 29. September sprach das Prognose-Konsortium von einer "sehr instabilen" Lage: Die Experten verwiesen auf Oktober 2020, als die Fallzahlen zunächst ebenfalls moderat anstiegen, ehe sie sich Ende des Monats binnen sieben Tagen zu verdoppeln begannen. Sie warnten zusätzlich vor saisonalen Effekten.

"Sind im Wettlauf zwischen Impfungen und Infektionen"

Und auch die Bundesländer wurden gewarnt: Im Bundesländervergleich seien "Oberösterreich und Salzburg die Sorgenkinder", sagte Statistiker Erich Neuwirth am 18. Oktober. Vor allem die Sieben-Tages-Inzidenz von Oberösterreich trage zum österreichweiten Anstieg der Corona-Zahlen bei. Die Impfskepsis in diesem Bundesland sei "jedenfalls Teil des Spiels".  

"Auf der einen Seite ist Salzburg, auf der anderen Seite Burgenland". Damit müsse man sich beschäftigen, sagte Umweltmediziner Hans-Peter Hutter am selben Tag.

Hutter zur Corona-Lage: "Brauchen einen Impfnachschub"

Am 20. Oktober warnte das Prognose-Konsortium schließlich abermals vor einem "signifikanten Anstieg" der Zahlen. "Eine systemgefährdende Entwicklung bei Anhalten dieses Trends" sei nicht ausgeschlossen, hieß es damals.

Am 27. Oktober unterstrich Simulationsforscher Popper die Warnungen des Konsortiums und betonte, dass im Dezember und Jänner noch die Grippe-Fälle hinzukommen würden.

Erst am 5. November verkündete die Regierung schließlich die nun geltende 2G-Regel. Die Impfrate liegt österreichweit momentan bei nur 63,06 Prozent. Warnungen von Experten hätte es genug gegeben. Die Corona-Dynamik kam nicht überraschend.

Selbst Alexander Schallenbergs Vorgänger als Bundeskanzler, Sebastian Kurz (ÖVP), rechnete schon am 14. Juli im PULS 24 Interview - auch wenn er davor vom Ende der Pandemie gesprochen hatte - mit hohen Infektionszahlen im Herbst. Die Corona-Dynamik kann also selbst für die Regierung nicht überraschend gekommen sein. Die Schuld sucht man nun aber bei den Ländern und bei der FPÖ.

Kanzler Kurz rechnet mit "massiven" Anstieg der Corona-Infektionen

Konstantin AuerQuelle: Redaktion / koa