APA/ROLAND SCHLAGER

Verdacht auf Menschenhandel: Borealis unter Druck

05. Aug. 2022 · Lesedauer 4 min

Auf einer Baustelle der OMV-Chemietochter Borealis in Belgien sind zahlreiche Arbeiter mutmaßlich Opfer von Menschenhandel geworden. Bereist seit Mai soll Borealis davon gewusst haben. Ein Baustopp wird nun verlängert.

Insgesamt seien bisher 174 Menschen in dem Zusammenhang identifiziert worden, teilte die zuständige Staatsanwaltschaft in Antwerpen am Mittwoch mit. Die Anzahl möglicher Opfer könne sich im Laufe der Ermittlungen noch ändern, hieß es. Borealis macht ein Subunternehmen, das mit Arbeiten beauftragt war, für die Missstände verantwortlich.

Baustopp verlängert

Die Borealis will den vorübergehenden Baustopp in Kallo (Nordbelgien) nun verlängern, um "genügend Zeit für Untersuchungen" zu haben, teilte das Unternehmen am Donnerstag mit. Borealis macht ein Subunternehmen, das mit den Arbeiten beauftragt war, für die Missstände verantwortlich.

Borealis untersuche diese Angelegenheit "mit höchster Priorität" und arbeite eng mit den belgischen Behörden zusammen. Die Wiederaufnahme der Projektarbeiten erfolge schrittweise. "Borealis verurteilt jede Art von Menschenrechtsverletzung. Deshalb haben wir uns entschieden, den Bau unseres Megaprojekts in Kallo vorübergehend zu stoppen, bis alle zusätzlichen Compliance-Maßnahmen in Kraft sind", hieß es am Donnerstag seitens des Unternehmens.

Sechst Tage Arbeit - 650 Euro Gehalt

Belgische Medien hatten bereits vergangene Woche über den Fall berichtet. Die Anzahl der möglichen Opfer war jedoch zunächst viel geringer. Die belgische Nachrichtenagentur Belga schrieb, die Arbeiter hätten sechs Tage die Woche zu einem Lohn von bis zu 650 Euro im Monat arbeiten müssen - meist ohne Arbeitserlaubnis.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen mutmaßlicher Verstöße gegen belgische Arbeitsgesetze. Mehrere Arbeiter hätten den vorläufigen Status von Opfern des Menschenhandels erhalten, hieß es. Sie kommen demnach unter anderem aus der Türkei und den Philippinen und können nun eine Bescheinigung erhalten, um weiter in Belgien arbeiten zu können.

Die Betroffenen stammen aus Bangladesch, von den Philippinen und aus der Türkei, bestätigte Pieter Wyckaert, Arbeitsinspektor in Antwerpen, laut einem Bericht des flämischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks VRT NWS.

Arbeiter in Heimatländern angeworben

Klaus Vanhoutte, Direktor der belgischen NGO Payoke, die sich mit Menschenhandel beschäftigt, sprach gegenüber VRT vom "historisch gesehen größten Fall von Menschenhandel in Belgien" und von einem der größten derartigen Fälle in ganz Europa. Die Arbeiter seien in ihren Heimatländern mit dem Versprechen angeworben worden, im Ausland als Rohschlosser oder Schweißer gut bezahlt zu werden.

Borealis verwies in einer Stellungnahme gegenüber der APA auf "strenge Richtlinien" und "verschiedene Schutzklauseln", die den Verträgen des Konzerns mit Geschäftspartnern und Auftragnehmern zugrunde liegen, um ein "ethischen und gesetzeskonformes Verhalten" sicherzustellen. Borealis habe nicht ahnen können, dass sich das verantwortliche Unternehmen IREM-Ponticelli nicht an die grundlegenden Sozialgesetze halten würde, hieß es weiter.

Unregelmäßigkeiten bereits im Mai

Berichten von VRT NWS und "The Brussels Times" zufolge, war Borealis bereits im Mai über Missstände auf der Baustelle informiert worden. Demnach seien dem ehemaligen belgischen Arbeitsinspektor und Ex-Richter Ebe Verhaegen Unregelmäßigkeiten in den Dokumenten eines Arbeiters aus der Ukraine und 50 weiteren Kollegen aufgefallen. Er habe daraufhin Beschwerde bei der zuständigen Behörde eingereicht und Borealis informiert.

Das Ausmaß des Sozialbetrugs und die Möglichkeit des Menschenhandels habe sich aus dieser "informellen Mitteilung" im Mai nicht ableiten lassen, schrieb Borealis in ihrer Stellungnahme an die APA. Am 27. Juli habe Borealis einen dreitägigen Baustopp für die betroffene Baustelle verhängt und den Vertrag mit IREM-Ponticelli ausgesetzt, bis die Untersuchungen der Sozialinspektion abgeschlossen seien. Der Baustopp sei am 1. August verlängert worden.

NGO fordert "umfassende Aufklärung"

Die österreichische NGO Südwind sieht unterdessen Handlungsbedarf auch in Österreich: "Die Republik Österreich als Miteigentümerin darf sich in diesem Fall nicht in Stillschweigen üben", sagte Geschäftsführer Konrad Rehling laut einer Aussendung am Mittwoch. Finanzministerium und ÖBAG seien verpflichtet, "für eine umfassende Aufklärung zu sorgen und strenge Regelwerke für menschenrechtskonforme Arbeitsbedingungen aufzubauen".

Quelle: Agenturen / Redaktion / msp