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Ein Jahr Krieg in der Ukraine: Krieg als Umweltkatastrophe

Die Kampfhandlungen beschränken sich auf das Gebiet der Ukraine, aber die Umweltschäden und deren Auswirkungen halten nicht an den Landesgrenzen. Hoffnungen auf eine beschleunigte Energiewende oder Reparationszahlungen von Russland an die Ukraine könnten illusorisch sein.

Seit einem Jahr befindet sich die Ukraine im Krieg mit Russland. Neben den tausenden Toten des Krieges und dem Leid gibt es auch stille Kollateralschäden.

Verschmutzung, Gifte, aus für "Kornkammer"

Auch wenn die Kampfhandlungen in der Ukraine irgendwann enden, werden deren Auswirkungen nicht stoppen. Gerechnet wird mit einem Anstieg an Treibhausgasen, Vergiftung des Grundwassers, daraus resultierende Schäden an Pflanzen und Tieren und einer Störung des ökologischen Gleichgewichts durch die Zerstörung der ukrainischen Wälder.

Die Ukraine ist die "Kornkammer" Europas, mit den ausbleibenden Ernten ist auch eine Verstärkung von Hungerkrisen eine von Experten befürchtete Folge des Krieges. Vor allem Ostafrika spürt das: Das Welternährungsprogramm warnt seit Beginn des Krieges davor, dass die Lebensmittelteuerung aus dem Ukraine-Krieg bereits vulnerable Gruppen besonders trifft. 65 Prozent der Getreide-Exporte aus der Ukraine gehen an sogenannte Entwicklungsländer. 

Durch den anhaltenden Krieg kann auch weniger Getreide produziert werden. Die Europäische Union rechnet mit einem Einbruch von 22 Prozent der Anbaufläche. Zum Vergleich: Vor dem Krieg wurden in der Ukraine 17 Millionen Hektar bewirtschaftet. Das entspricht der Fläche von Österreich und Tschechien. Ein Einbruch von 22 Prozent bedeutet, dass eine Fläche so groß wie Belgien nicht mehr bewirtschaftet wird.

APA/APA/AFP/YASIN AKGUL

Vergiftung des Lebensraums

Direkte Folgen sind auch die Gefahr von Austritt radioaktiver Substanzen, durch Beschuss von den ukrainischen Atomkraftwerken Chernobyl und Saporischschja. Sowie starke Luftverschmutzung mit giftigen Gasen und Smog, die direkte Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen haben können.

Wie schwer sich der Krieg auf die Umwelt auswirken wird, das ist laut Organisationen wie dem Umweltprogamm der Vereinten Nationen (UNEP) noch nicht absehbar. Aktuell können keine Proben in der Kriegsgebieten genommen werden.

Wim Zwijnenburg, Projektmanager der niederländischen Friedensorganisation "Pax for Peace" warnte im vergangenen Juni etwa vor giftigen Gasen, die durch Beschuss einer Chemiefabrik freigesetzt wurden.

Umwelt-Reparationen

In der Schweiz dokumentiert die NGO Zoï Environment Network Zerstörung in der Ukraine mit Folgen für die Umwelt. Aktuell werden diese auf eine Schadenssumme von 47,76 Milliarden Euro geschätzt. Dokumentiert wird dies auch, damit die Ukraine Russland auf Umwelt-Reparationszahlungen verklagen könnte.

Derartiges ist schon einmal passiert: Im Golfkrieg 1990/91 musste der Irak an Kuwait zahlen. Astrid Sahm, Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, glaubt nicht an den Erfolg einer derartigen Klage. Im Fall des Iraks wurden die Reparationen durch den UNO-Sicherheitsrat ermöglicht, das sei diesmal ausgeschlossen, weil Russland als Veto-Mitglied dies verhindern würde.

Lebensfeindliche Umgebung

Den Vorwurf der Ukraine, dass Russland Umweltverbrechen begehe, bewertet Sahm jedoch als durchaus berechtigt: "Russland nimmt die Umweltfolgen bewusst in Kauf, um lebensfeindliche Umstände für die Bevölkerung herbeizuführen."

Umweltschäden KriegePULS 24

Umweltschäden Kriege

Einzelne Kriege können so viele Emissionen verursachen wie ganze Länder. Bis jetzt werden die Emissionen des Ukraine-Krieges auf zirka 82 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente geschätzt. Das ist mehr als die Gesamtemissionen Österreichs im Jahr 2021. Als umweltschädlichste Kriege gelten der Irakkrieg 2003 und der Golfkrieg 1991.

Umdenken in der Energiepolitik?

Im März erklärte der Autor Nathaniel Rich (Losing Earth: The Decade We Almost Stopped Climate Change) gegenüber der APA, er denke, dass der Krieg in der Ukraine neue Impulse in der weltweiten Klimapolitik setzen werde. Dass mehr heimische Energiequellen erschlossen werden, sieht er als etwas Positives. 

Österreich an Russlands Leine

Wie schnell Österreich den Ausbau erneuerbarer Energien umsetzen will, das lässt sich 2023 noch nicht abschätzen. Die Bekenntnisse gibt es: So soll der "Misthaufen zum Kraftwerk werden", wie es Klimaschutzministerin Leonore Gewessler ausdrückte. Heimisches Biogas soll bis 2030 7,7 Prozent des derzeit verwendeten Erdgases ersetzen. Das "Erneuerbare-Gase-Gesetz" ist derzeit in der Begutachtung. Österreich wolle sich von der Abhängigkeit von russischem Gas lösen.

Im März 2022, kurz nach dem Beginn des Krieges, wurden Förderungen für 240 Umweltprojekte genehmigt - "Mit jeder Sonnenstrom-Anlage" würde man der Unabhängigkeit näher kommen, so Gewessler damals.

Die Abhängigkeit von russischem Öl und Gas wurde mit dem Ukraine-Krieg zu einem akuten Problem. Davon war besonders Österreich betroffen, im Dezember lag der Anteil der russischem Gas-Importe bei 71 Prozent. Die "Gasleine" zu Russland, wie Gewessler es bezeichnete, sei noch nicht gekappt. 

ribbon Zusammenfassung
  • Die Kampfhandlungen beschränken sich auf das Gebiet der Ukraine, aber die Umweltschäden und deren Auswirkungen halten nicht an den Landesgrenzen.
  • Hoffnungen auf eine beschleunigte Energiewende oder Reparationszahlungen von Russland an die Ukraine könnten illusorisch sein.