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Erdbeben in Syrien: "Assad nutzt Nothilfe als politisches Instrument"

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Die humanitäre Hilfe in Syrien läuft nur schleppend voran. Woran das liegt und wie man die Helfenden am besten unterstützen kann, erklärt Anita Starosta von der Hilfsorganisation medico international.

Nach einem verheerenden Erdbeben an der Grenze zwischen Syrien und der Türkei wurden bereits über 21.000 Tote registriert. Expert:innen gehen davon aus, dass diese Zahl weiter steigen wird. Doch die Nothilfe läuft nur schleppend voran. Anita Starosta von der Hilfsorganisation medico international war selbst noch vor wenigen Tagen in Syrien. Im Gespräch mit PULS 24 schildert sie die angespannte Situation vor Ort. Schuld an der Lage haben auch Assad und Erdoğan, sagt sie und erklärt, welche Spenden wirklich ankommen.

Anita Starostamedico international

PULS 24: Das Erdbeben trifft in Syrien eine Region, die seit Jahren kriegsgeplagt ist. Wie ist die aktuelle Situation in den am stärksten betroffenen Gebieten im Nord-Westen?

Anita Starosta: Nord-Syrien ist seit über zehn Jahren Bürgerkriegsgebiet. Gerade in Idlib, aber auch in den umliegenden Provinzen ist seitdem viel zivile Infrastruktur absichtlich angegriffen und zerstört worden. Dazu zählen etwa Schulen und Krankenhäuser. Das ist jetzt deutlich spürbar.

Die Krankenhäuser sind überfüllt. Es gibt nicht genug Infrastruktur, Verletzte zu versorgen und es fehlen viele Mittel, um akut Hilfe zu leisten.

Wie groß sind die Schäden in Rojava, in den selbstverwalteten kurdischen Gebieten in Nord-Ost-Syrien?

Die Region wurde durch die erneuten türkischen Luftangriffe im November regelrecht verwüstet, zivile Infrastruktur wie Elektrizitätswerke, Ölfelder und Getreidesilos wurden getroffen.

Ich war bis vor fünf Tagen vor Ort und reiste einen Tag vor dem Erdbeben aus. Schon in dieser Zeit spürte ich, wie sehr die Luftangriffe die Situation das Leben vor Ort erschwert haben. Jetzt kommt das Erdbeben hinzu. Glücklicherweise ist die Region nicht so massiv betroffen wie der Westen des Landes oder die Gebiete in der Türkei. Aber es gibt dennoch erhebliche Schäden, beispielsweise in den kurdischen Stadtteilen Aleppos, die auch zu den Gebieten der Selbstverwaltung gehören oder auch in Shehba, wo zehntausende Flüchtlinge aus Afrin leben.  

Sie sprechen die Luftangriffe an. Auch in den vergangenen Tagen kam es zu Bombardierungen seitens der Türkei und des syrischen Regimes. Warum gehen diese Angriffe auch während der Bergungsarbeiten weiter?

Die Türkei hat aus den von ihren islamistischen Söldner-Truppen besetzten Gebieten die Region Tel Rifat mit Artillerie beschossen. Es gab auch Berichte, dass es in Ain Issa zu erneutem Beschuss kam. Das hört sich perfide an, aber ist Alltag in der Region. Dass Kriegshandlungen nicht eingestellt werden, ist ein schreckliches Signal. Es wundert allerdings nicht, wenn man weiß, wie Völkerrecht und Menschenrechte in der Region seit Jahren missachtet werden.

Am Donnerstag ist der erste UN-Hilfskonvoi über den Grenzübergang Bab al-Hawa in Syrien angekommen. Warum hat das so lange gedauert?

Das hat mehrere Gründe. Zum einen wurde die Straße dieses Grenzübergangs teilweise vom Erdbeben zerstört und war zeitweise nicht passierbar. Aber es gibt auch – nicht erst seit dem Erdbeben – die grundsätzliche Frage, wie Hilfslieferungen nach Nord-Syrien gelangen. Es gibt derzeit nur einen offenen Grenzübergang, über den internationale UN-Hilfe gebracht werden kann. Damit werden die drei Millionen Binnenflüchtlinge versorgt, die in der Region leben.

Die Frage dieses Grenzübergangs ist ein hochpolitisches Thema. Seine Öffnung wird im UN-Sicherheitsrat halbjährlich beschlossen, Russland droht regelmäßig mit einem Veto. Es müssten jetzt natürlich mehrere zusätzliche Übergänge geöffnet werden.

Was wurde mit den ersten UN-Hilfskonvois geliefert?

Das waren keine Transporte aufgrund des Erdbebens, sondern Hilfstransporte, die vor dem Erdbeben organisiert wurden und die Flüchtlingslager erreichen sollten. Sie saßen dann fest. Vor Ort bräuchte es jetzt Bergungsgerät, medizinische Notversorgung und konkrete Hilfe für die Opfer und die vielen, die ohne Unterkunft sind.

Der Grenzübergang führt nach Idlib. Wer kontrolliert diesen Teil des Landes?

Das Gebiet steht unter der Kontrolle von islamistischen Rebellen, einem Nachfolger der al-Nusra-Front. Die Türkei hat auch ihre Einflussgebiete und deckt die Rebellen damit. Gleichzeitig verhindert sie bis heute, dass es einen humanitären Korridor für die drei Millionen Binnenflüchtlinge gibt, die in Idlib leben.

Nicht zuletzt deshalb haben die Menschen in Idlib bereits vor dem Erdbeben unter humanitär katastrophalen Bedingungen gelebt. Sie hätten gar nicht mehr dort sein dürfen, aber wurden regelrecht eingesperrt.

Kommen die Hilfslieferungen über den Grenzübergang Bab al-Hawa nur in Idlib an?

Ja, über diesen Grenzübergang erreicht Hilfe Idlib – inzwischen sind erste Transporte dort eingetroffen. Es gibt Hilfe, die auch in den Regime-Gebieten angekommen ist. Russland und der Iran waren die ersten. Es gibt auch Zusagen von UN und EU im syrischen Regime-Gebiet Unterstützung zu leisten, die UN ist seit Jahren ein humanitärer Akteur in Syrien. Diese Hilfe wird über Damaskus kontrolliert und verteilt.

Die Erfahrung, die wir aus den letzten Jahren der humanitären Hilfe in Syrien haben ist, dass Assad nur mit regierungsnahen Organisationen arbeitet. Ein Großteil der Gelder fließt auch in die Regime-Strukturen. Assad nutzt humanitäre Hilfe als politisches Instrument. Hilfsgelder ans Regime werden niemandem helfen außer Assad.

Inwiefern passiert das?

Der Vorwurf ist, dass Assad versucht, alle internationale Hilfe über Damaskus, über die von ihm kontrollierten Gebiete abzuwickeln. Das bestätigen unsere Projektpartner seit Jahren. Syrien ist ein Land mit großen Hilfszusagen, es geht um Millionen, die da fließen.   

Was bedeutet das für die anderen Gebiete?

Rojava in Nord-Ost-Syrien ist da ein gutes Beispiel für die verheerenden Konsequenzen. Anfang 2020 ist dort der einzige UN-Hilfsübergang auf ein Veto von China und Russland im UN-Sicherheitsrat geschlossen worden. Es gelangt seitdem keine internationale UN-Hilfe mehr nach Rojava, obwohl sie dringend benötigt wird.

In Rojava befinden sich riesige Flüchtlingslager. Seitdem der Grenzübergang geschlossen ist, sind diese Lager darauf angewiesen, dass Damaskus Hilfsgüter zu ihnen durchlässt. Das war während der Corona-Pandemie ein riesiges Problem. Transporte kamen nur verzögert oder gar nicht an. Dabei gibt es in den selbstverwalteten Gebieten Nord-Ost-Syriens Strukturen, die unabhängig arbeiten und direkt unterstützt werden könnten. Das wird von Assad gezielt verhindert, er versucht so die Kontrolle über die Region zu behalten – auf Kosten derjenigen, die abhängig von humanitärer Hilfe sind.

Ihre Organisation medico international sammelt vor allem Geldspenden. Warum sind Geldspenden sinnvoller als Sachspenden?

Wir machen seit Jahren die Erfahrung, dass lokale Hilfsorganisationen am besten wissen, wo sie das Benötigte organisieren können. Sie wissen, wo es Decken gibt, wo es Medizin gibt, wie man sich versorgen kann.

Gut koordinierte und gut abgesprochene Hilfstransporte sind sicher sinnvoll, aber die Erfahrung zeigt, dass es in der akuten Phase von Katastrophen darauf ankommt, die Kräfte vor Ort zu unterstützen. Wir sehen auch jetzt in der Türkei, dass zivile Hilfstransporter abgewiesen oder konfisziert werden. Häufig sind die Transportkosten außerdem erheblich. Es ist nachvollziehbar, dass Leute helfen wollen und so das Gefühl bekommen, etwas Gutes zu tun, aber das ist nicht immer das sinnvollste.

Wie werden die Gelder vor Ort eingesetzt?

Medico international hat in allen drei betroffenen Gebieten Projektpartner. Das sind zivile unabhängige Organisationen und Nothelferinnen, die wir seit Jahren unterstützen.

In Idlib ist das ein Frauenzentrum, wo Frauen-Empowerment gemacht wird. Die Organisation arbeitet aber auch in Flüchtlingslagern. In Rojava unterstützen wir den Kurdischen Roten Halbmond seit fast zehn Jahren. Das ist die zentrale Nothilfe-Organisation dort. In der Südost-Türkei sind es zivilgesellschaftliche Initiativen, die in den letzten Jahren oft kriminalisiert und zum Teil verboten wurden. Mit den noch vorhandenen Strukturen organisieren sich die Leute vor Ort jetzt selbst und gehen etwa in die Dörfer rund um Diyarbakir oder leisten Hilfe in der stark betroffenen Provinz Maraş.

ribbon Zusammenfassung
  • Die humanitäre Hilfe in Syrien läuft nur schleppend voran.
  • Woran das liegt und wie man die Helfenden am besten unterstützen kann, erklärt Anita Starosta von der Hilfsorganisation medico international.