APA - Austria Presse Agentur

Karl Stirner spielt "Zither mit Nebengeräuschen"

24. März 2021 · Lesedauer 4 min

"schichten 2_codex corporis" heißt das neue Album von Karl Stirner, und sein Cover ist ebenso mysteriös wie die auf der CD festgehaltenen Klangwelten. Was nach einem großen Wasservogel beim Start aussieht, sei in Wirklichkeit "ein Weidenkatzerl auf menschlicher Haut", erklärt der Musiker das von Klára Beneš fotografierte Motiv. Das Geheimnis von Musikstücken mit Titeln wie "pollen", "pilze", "gamelan blues" oder "schmetterling-western" lässt sich aber nicht so einfach lüften.

Karl Stirner ist Zither-Spieler - doch alle gängigen Klischees, von der Volksmusik bis zu Anton Karas, sind bei ihm fehl am Platz. Er hat zwar durchaus seinen Platz in jener weitläufigen zeitgenössischen Szene, die dem Wienerlied in den vergangenen Jahren neues Leben eingehaucht hat, doch ist dieser Platz nicht im Zentrum. Der 50-jährige Wiener ist Avantgarde und kein Heuriger-Musiker, auch nicht im "elektronischen Wienerlied-Duo" mit Sebastian Seidl. "Ich bin vom Brotberuf Komponist. Ich liebe mein Publikum. Deswegen überfordere ich es", sagt er beim coronakompatiblen Treffen mit der APA bei der Hundezone eines Parks in Wien-Ottakring.

Was man auf seinem bei "non food factory" erschienenen jüngsten Tonträger hört, sind Klangflächen, auf denen es gluckert und hallt, knackt und kratzt. Manche Tonräume scheinen sich ins Weltall zu öffnen, obwohl Stirner erzählt, dabei "Prozessen mit dem Elektronenrastermikrokop nachgespürt" zu haben. Zu hören sei "Zither mit Nebengeräuschen", die er im Tonstudio bearbeitet habe: "Es sind ich und die Zither, Zithertöne und Körpergeräusche, in meinem Soundlabor im Sequenzer fertigkomponiert. Es ist ein reines Studioprojekt. Ich wüsste nicht, wie ich das live spielen könnte." Davon ist aber derzeit ohnedies nicht die Rede.

Stirner hat bei Ivan Eröd, David Babcock und Kurt Schwertsik am Konservatorium Zither, Schlagzeug und Komposition studiert. Seine Berufung hat er u.a. als Komponist von Film- und Bühnenmusik gefunden. Als solcher war er u.a. am Burgtheater engagiert und hat seit einigen Jahren am Hamakom Theater Nestroyhof seine "Theaterheimat" gefunden. Coronabedingt liegen viele Theaterprojekte derzeit auf Eis. Mit Ingrid Lang, jener Regisseurin, mit der er als begleitender Musiker in den vergangenen Jahren von Pasolinis "Orgie" bis zu Albert Drachs "Kasperlspiel vom Meister Siebentot" einige Produktionen erarbeitet hat, konnte er dennoch ein neues "Herzensprojekt" starten: "Sie ist nämlich auch Liedtexterin und Sängerin." Der erste Tonträger des Bandprojekts "Woschtog", an dem auch Sebastian Seidl (synths, keys, electronics) und Johannes Wakolbinger (drums) mitarbeiten, soll in Kürze erscheinen.

Karl Stirner ist ein Tiefschürfer und kein Raunzer. Er "will nicht immer in die Corona-Ecken". Obwohl er zweifellos pekuniär schon bessere Zeiten gekannt hat, hebt er lieber hervor, dass er - verglichen mit anderen - seine Situation durchaus als luxuriös empfinde: Auch dank des eigenen Gartens im Waldviertler Domizil könne er die Lebenshaltungskosten minimieren, dank der digitalen Möglichkeiten könne er in den verschiedensten Bereichen aktiv sein. "Nur Jammern ist nicht gesund. Aber ich versteh' die Leute. Bei vielen KollegInnen ist das Live-Spielen ein Nahrungsergänzungsmittel. Ohne dem werden sie krank. Ich hab' Glück: Mich hält Komponieren fokussiert. Und statt dass ich mich ständig über inkompetente Rotzpipn in der Politik aufrege, die glauben, sie könnten die Kultur umbringen, achte ich lieber auf meine Psychohygiene und suche nach neuen Formaten."

Neben "Woschtog", das es neben den Soloalben "schichten 1+2" und Stirner & Seidls Vinyl "the greatest hits" bald in Stirners Webshop (https://www.facebook.com/stirnerhub/shop ) geben wird, hat Karl Stirner dank eines Covid-Stipendiums der Stadt Wien noch ein weiteres Projekt gestartet: "Was siehst du?" Dazu hat er 90 Minuten Soundscape "ausschließlich mit Sounds, bei denen man kein Instrument erkennt", erarbeitet. "Ich schick' das Menschen und frag sie, was sie dabei sehen." Außerdem hat er in den vergangenen Wochen 110 Vierzeiler geschrieben, die "ich nicht beschreiben kann", die ihm aber zum Teil buchstäblich im Traum zugeflogen sind. Projekte wie diese, die aus dem Inneren entstehen und nicht nach Verkaufbarkeit schielen, nennt Karl Stirner "das Resultat meines Wahrhaftigkeitstrainings": "Irgendwann hab ich gedacht: Ich lass' die ganze Gefälligkeitsbemühung, das Liag'n und Verbiag'n. Ich möchte schau'n, ob es auch ohne geht. Es is' wie's is'." Und es ist gut so.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

Quelle: Agenturen