"Der Vogel ist befreit": Turbulente Zeiten für Twitter nach Musk-Übernahme

28. Okt. 2022 · Lesedauer 5 min

Nach monatelangem Hin und Her hat Tesla-Gründer Elon Musk den Kurznachrichten-Dienst Twitter nun doch gekauft. Eine turbulente Zukunft und ein tiefgreifender Umbau von Twitter sind damit vorprogrammiert. Erste Warnungen gibt es aus Europa.

Es glich einer On-Off-Beziehung, was sich in den letzten Monaten zwischen dem Hightech-Milliardär und Tesla-Gründer Elon Musk und dem Kurzbotschaften-Dienst Twitter abgespielt hat. Zu flirten begann Musk bereits im April, als er für knapp 2,9 Milliarden Dollar (aktuell 2,9 Milliarden Euro) 73,5 Millionen Twitter-Aktien gekauft hatte. Er wurde damit zum größten Twitter-Aktionär.

Es folgten Annäherungen und Auseinandersetzungen zwischen Musk und Twitter, indem der Kurznachrichtendienst sogar eine Klage wegen Vertragsbruchs gegen Musk einbrachte. Der Prozess war für den 28. Oktober anberaumt. Einen Tag davor machte Musk den Sack zu und kaufte Twitter. Der Kaufpreis lag demnach bei den ursprünglich vereinbarten 44 Milliarden Dollar.

"Der Vogel ist befreit", erklärte der "Chief Twit".

Wenig Nutzer:innen und maue Geschäftszahlen

Bereits seit langem kämpft Twitter mit Problemen. So hat es nicht annähernd so viele Nutzer:innen wie andere große Online-Plattformen und enttäuscht immer wieder mit seinen Geschäftszahlen. Langfristig strebt Musk eine Milliarde Twitter-Nutzer:innen an. Im Sommer lag die Zahl der täglich aktiven Nutzer:innen nach Unternehmensangaben bei rund 238 Millionen. Musk hat angekündigt, Twitter zu neuer Größe führen zu wollen. Twitter sei "lange Zeit dahingedümpelt, hat aber ein unglaubliches Potenzial", sagte er kürzlich.

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Abgang von Börse?

Erreicht werden soll das offenbar damit, dass Twitter von der Börse genommen wird, so der Wille von Musk. Unter anderem dürfte er auch auf einen Ausbau des kostenpflichtigen Angebots Twitter Blue setzen. Er scheint aber grundsätzlich anzustreben, Twitter zu einer App mit viel mehr Funktionen auszubauen, mit denen sich Geld gewinnen lässt, darunter womöglich einer Bezahlfunktion.

Anfang Oktober erklärte Musk, der Kauf von Twitter sei ein Schritt hin zur Schaffung von "X, der Alles-App". Vorbild könnte die chinesische App WeChat sein, die als sogenannte Super-App zahlreiche Funktionen in sich vereint.

Chefitäten und Mitarbeiter:innen müssen gehen

Umbauarbeiten gab und wird es auch beim Personal geben. Musk feuerte unter anderem Twitter-Chef Parag Agrawal, Finanzchef Ned Segal und Chefjuristin Vijaya Gadde. Überraschend kommt dieses radikale Vorgehen für Experten nicht: "Musk wird Direktoren einsetzen, die ihm wohlgesonnen sind, er wird ein neues Management einsetzen", hatte etwa der Jusprofessor Adam Badawi von der Universität Berkeley prophezeit. Nach Informationen des Finanzdienstes Bloomberg will Musk zunächst selbst den Chefposten übernehmen. Erst mit der Zeit könnte er den Job an jemand anderen abgeben.

Neben Chefitäten dürfte es auch einem großen Teil der Belegschaft an den Kragen gehen. Die "Washington Post" berichtete kürzlich, Musk wolle nach einer Übernahme von Twitter fast drei Viertel der Mitarbeiter:innen kündigen - von 7.500 sollen 2.000 übrigbleiben.

Trump vor Rückkehr auf Twitter?

Mit der Musk-Übernahme von Twitter befürchten Kritiker:innen, dass der streitbare Multi-Milliardär die Moderation von Inhalten etwa im Kampf gegen Hassbotschaften und Falschinformationen auf ein Minimum zurückfahren wird. Das dürfte angesichts des Kahlschlags bei den Mitarbeiter:innen auch schwierig sein.

Werbekund:innen befürchten mit Blick auf kostenpflichtige Angebote, dass sich Musk von der Einnahmequelle Werbung verabschieden könnte, heißt es im "Wall Street Journal". Musk erklärte außerdem, dass er Werbung hasse. Im Jahr 2021 machte Werbung 89% des gesamten Umsatzes (5,08 Milliarden Dollar) aus.

Nicht unwahrscheinlich ist es, dass der frühere US-Präsident Donald Trump auf Twitter zurückkehren könnte. "Ich bin sehr froh, dass Twitter jetzt in vernünftigen Händen ist und nicht mehr von linksradikalen Spinnern und Verrückten geführt wird, die unser Land wirklich hassen", schrieb Trump auf der von ihm mitgegründeten Social-Media-Plattfrom "Truth Social" am Freitag anlässlich der Musk-Übernahme.

Der Kurzbotschaften-Dienst hatte Trumps Konto nach der Kapitol-Erstürmung vom 6. Jänner 2021 und angesichts von Befürchtungen vor weiterer Gewalt gesperrt.

Kanye West als Freund

Erst kürzlich veröffentlichte der für Provokationen bekannte Musk auf Twitter eine Bildmontage, die ihn, Trump und den umstrittenen Rapper Kanye West als die drei Musketiere mit gekreuzten Degen zeigt. West geriet wegen antisemitischer Ausfälle in Verruf - mehrere Unternehmen beendeten die Zusammenarbeit, so zum Beispiel Adidas oder Balenciaga

Später löschte Musk das Bild wieder. Solche Tweets nähren aber Befürchtungen, dass Twitter zu einer Plattform werden könnte, in der sich Rechtspopulist:innen und Rechtsradikale frei austoben können. Musk selbst beteuerte am Donnerstag, Twitter solle nicht zu einer "anarchischen Hölle werden, in der alles ohne Konsequenzen gesagt werden kann".

Warnungen und Appelle aus Europa

Appelle zum künftigen Kurs von Twitter kommen bereits aus Europa. So hat die EU den US-Milliardär gewarnt, dass das von ihm übernommene Online-Netzwerk Twitter sich auch in Zukunft an EU-Regeln wird halten müssen. EU-Industriekommissar Thierry Breton verwies am Freitag auf erst kürzlich endgültig verabschiedete neue Regeln für Online-Plattformen, mit denen unter anderem gegen Hassbotschaften und Falschinformationen vorgegangen werden soll.

Die deutsche Regierung will die Entwicklung bei Twitter "sehr genau" beobachten. "Wir sagen auch, dass eine solche Plattform auch aufgrund der Wirkung, die sie hat, in unsere Öffentlichkeiten hinein, einer besonderen Verantwortung zukommt", sagte Regierungssprecher Steffen Hebestreit am Freitag in Berlin.

Man werde in den nächsten Wochen und Monaten die möglichen Veränderungen beobachten, um dann eigene Schlüsse zu ziehen. Diese Schlüsse könnten auch sein, sich die Frage zu stellen, ob man auf dieser Plattform weiter präsent bleiben wolle oder nicht, sagte Hebestreit und ergänzte: "Damit möchte ich nicht drohen oder das in Aussicht stellen, sondern sagen, diese Fragen schließen sich natürlich an."

Maximilian SperaQuelle: Redaktion / msp