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Terror-Anklage: Anschlag trotz gescheitertem Flucht-Plan

04. Aug. 2022 · Lesedauer 6 min

Eineinhalb Jahre nach dem Terroranschlag in der Wiener Innenstadt liegt nun eine Anklage gegen sechs mutmaßlich Beteiligte vor. Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass sie das Attentat mitvorbereitet haben. Und die Anklage zeigt, wie besessen der Attentäter von seinen Plänen war. Weitere Verdächtige fehlen aber.

Vier Tote, 19 Schwerverletzte und zahlreiche Personen mit leichteren Verletzungen und psychischen Folgen. Das ist die traurige Bilanz des islamistisch motivierten Terroranschlags am 2. November 2020 in der Wiener Innenstadt. 

Eineinhalb Jahre später wurde von den Ermittlern nun eine - nicht rechtskräftige - Anklage gegen sechs Männer fertiggestellt. Sie liegt PULS 24 vor. Fünf der Angeklagten befinden sich bereits in Untersuchungshaft. Allen wird vorgeworfen, den Anschlag "ermöglicht, erleichtert oder in einer anderen Weise gefördert" zu haben. Es gilt die Unschuldsvermutung. 

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Die Anklage zeichnet ein neues Bild vom Anschlag und seiner Vorbereitung: So glauben die Ermittler etwa - wie vom "Standard" am Mittwoch zuerst berichtet - nicht länger, dass der Angeklagte bei der Aufnahme des Bekennervideos alleine war.

Der Attentäter soll von einem der nun Angeklagten in die Slowakei begleitet worden sein, wo versucht wurde, Munition zu kaufen. Ein anderer habe bei der Auswahl des Anschlagziels unterstützt. Wieder ein anderer Angeklagter soll bei der Vorbereitung der Waffen geholfen und ein anderer möglicher Mittäter soll den eigentlichen Waffen- und Munitionskauf organisiert haben.

Die Tat wurde alleine begangen - bei der Vorbereitung sollen zumindest sechs weitere Personen eingeweiht und beteiligt gewesen sein - so zumindest der Vorwurf. 

Nach Terror in Wien: Sechs Personen angeklagt

Die Anklage zeigt aber auch auf, wie besessen der Attentäter selbst von seinen Anschlagsplänen gewesen ist. Eine Fluchtmöglichkeit nach dem Attentat gab es nicht, das eigentliche Ziel hatte geschlossen. Dennoch wurde der Terroranschlag verübt. 

Schon 2018 wollte der spätere Attentäter zum ersten Mal nach Syrien ausreisen, um sich der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) anzuschließen. 2019 wurde er wegen der Verbrechen der terroristischen Vereinigung und der kriminellen Organisation verurteilt. Ein ehemaliger Mithäftling gab an, dass der spätere Attentäter schon im Gefängnis Anschlagspläne für Wien äußerte. 

Dennoch wurden der spätere Attentäter und ein nun wieder mitangeklagter 23-Jähriger 2019 aus der Haft entlassen. "Beide hielten auch nach ihrer Entlassung aus der Strafhaft sowohl im Wege sozialer Medien als auch in Form persönlicher Treffen regen Kontakt zu anderen Personen aus der radikal-islamistischen Szene", heißt es in der Anklage. 

Attentat trotz gescheiterter Flucht-Pläne?

Im Frühling 2020 - also rund ein halbes Jahr vor dem Anschlag - kontaktierte der 23-Jährige einen Mittelsmann, der wiederum einen Dokumentenfälscher in Italien beauftragte, für den Attentäter eine ID-Karte mit falscher Identität herzustellen.

Nach dem Anschlag im November 2020 wurde der Mittelsmann in U-Haft genommen. Im Oktober 2021 wurde sein Fall am Linzer Landesgericht verhandelt - er wurde schließlich freigesprochen. Eine Terrorverbindung konnte ihm nicht nachgewiesen werden und weil er im Kosovo war, als er beauftragt wurde, sind Österreichs Gerichte für die Dokumentenfälschung nicht zuständig, wie der "Standard" damals berichtete.

Die Anklage in Oberösterreich ging damals davon aus, dass der Attentäter wieder IS-Anschlusspläne hegte und deshalb die gefälschten Dokumente in Auftrag gegeben und auch schon 1.400 Euro dafür bezahlt hatte.

Doch obwohl der Fälscher in Italien festgenommen wurde und die ID-Karte nie beim späteren Attentäter ankam, geht die neue Anklage der Staatsanwaltschaft Wien nun davon aus, dass die Dokumente für Fluchtpläne nach dem Anschlag genutzt werden hätten sollen. Das wird dem 23-Jähigen nun unter anderem vorgeworfen.

Der 23-Jährige habe gewusst, dass der Attentäter, "die gefälschten Dokumente sowohl für eine neuerliche Ausreise unter falschem Namen ins Kriegsgebiet nach Syrien zur Unterstützung des Islamischen Staates benötigen würde und auch, dass ihm diese - im Falle des Scheiterns seiner Ausreisepläne – auch zur Erleichterung seiner Flucht ins Ausland nach Verübung des geplanten Anschlags dienlich sein würden", heißt es in der Anklage. Der Fluchtplan scheitere an den fehlenden Dokumenten - dennoch fand der Anschlag statt.

Punz: "Täter hatte im Gefängnis schon Anschlagspläne"

Beim Bekennervideo nicht alleine

Der 23-jährige soll es auch gewesen sein, der gemeinsam mit einem weiteren Angeklagten - einem 21-Jährigen - beim späteren Attentäter war, als dieser am Tag des Anschlags sein Bekennervideo aufnahm. Das sollen vor allem Rufdaten belegen. Die Angeklagten gaben bisher an, nur ein Buch vorbeigebracht zu haben.

Das Bekennervideo wurde bereits am 3. November auf IS-nahen Social-Media-Kanälen unter der Überschrift "Tötung und Verletzung von 30 Kreuzrittern durch einen Soldaten des Kalifats in der Stadt Wien in Österreich" veröffentlicht. Für die Staatsanwaltschaft Wien ist daher "zweifelsfrei belegt (...), dass der Attentäter im Vorfeld tatkräftig durch die Angeklagten in der ideologischen und logistischen Vorbereitung des Anschlags unterstützt wurde".

Am gleichen Tag soll der 23-Jährige nämlich auch das in der Wiener Innenstadt befindliche Lokal "Le Salzgries Paris" auf seinem Handy gesucht haben, während der Attentäter versuchte, das Lokal telefonisch zu erreichen. Das französische Lokal war wegen des anstehenden Lockdowns geschlossen - sollte aber laut Anklage eigentliches Ziel des Angriffs sein, weil in der französischen Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" im Herbst 2020 erneut Mohammed-Karrikaturen veröffentlich wurden. Das Ziel hatte geschlossen - dennoch fand der Anschlag statt.

Auch für den Terror-Experten Nicolas Stockhammer von der Donau-Uni-Krems bestätigt die Anklage, dass es sich bei dem Anschlag von Wien um eine "Einzeltäter-Plus-Struktur" gehandelt habe. In der Durchführung war der Angeklagte allein, im Vorfeld habe er aber "Support von einer Zelle" bekommen, sagt er im PULS 24 Interview.

Wann der Prozess gegen die sechs Angeklagten stattfindet, ist noch nicht klar - ihre Anwälte haben zwei Wochen Zeit, um die Anklage zu beeinspruchen. Fest steht jedenfalls, dass mehr als 20 Zeugen geladen werden sollen. 

Weitere Prozesse könnten folgen

Fest steht aber auch, dass es noch weitere Prozesse geben wird. So wird etwa ein Slowene, der die Waffen nach Wien gebracht haben soll, extra verhandelt. Im aktuellen Prozess wird er als Zeuge geladen sein. Ihm konnte wohl nicht nachgewiesen werden, dass er wusste, wofür die Waffen verwendet werden.

Ebenso nur als Zeuge geladen ist ein separat angeklagter 24-jähriger Nordmazedonier, in dessen Wohnung in St. Pölten "Jihadisten-Treffen" im Vorfeld des Attentats stattgefunden haben sollen. Auch der Attentäter soll daran teilgenommen haben. 

Stockhammer sieht die separate Anklage des 24-Jährigen als Anhaltspunkt für dessen "außergewöhnliche Rolle" - er habe zur Radikalisierung der anderen beigetragen und könnte auch "taktisch dargelegt haben, wie die Tat auszuführen sei". 

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Konstantin AuerQuelle: Redaktion / koa