Stockhammer: Islamistische Bedrohung geht in Österreich von 30 Personen aus

04. Aug. 2022 · Lesedauer 3 min

Nicolas Stockhammer erklärt die Rollen der Unterstützer des Attentäters von Wien. Ein Mann aus St. Pölten gelte als Mastermind und es könne weitere Unterstützer geben. Die größte islamistische Bedrohung in Österreich gehe laut dem Terrorismusexperten von 30 Personen aus. Die Aussicht für die nächsten drei bis fünf Jahre sehe er "pessimistisch".

Der Terroranschlag in der Wiener Innenstadt, der vier Tote und 19 Schwerverletzte forderte, liegt eineinhalb Jahre zurück, nun liegt die Anklage gegen sechs mutmaßlich Beteiligte vor und eine weitere gegen einen siebenten vor.

Terrorismusexperte Nicolas Stockhammer sagt im Interview mit PULS 24 Chronik-Chefreporterin Magdalena Punz, dass er von Anfang an von einer "Einzeltäter-Plus-Struktur", also von einem Attentäter mit Unterstützung mehrerer Gleichgesinnter, überzeugt gewesen sei. "Hier reden wir von echten Terroristen."

Stockhammer: "Mastermind" A.G. aus St. Pölten

In der Planung und Strukturierung des Terroranschlags habe der verstorbene Attentäter eindeutig Unterstützung gehabt, so der Terrorismusexperte. Unter den Angeklagten sei laut Stockhammers Einschätzung jener mit nordmazedonischem Hintergrund "das ideologische Mastermind". Der tschetschenisch-stämmige "dürfte bei der Waffenbeschaffung eine wesentliche Rolle" und die anderen unterstützende Rollen übernommen haben.

A.G., mit nordmazedonischem Hintergrund aus St. Pölten, werde extra angeklagt, weil er die Radikalisierung des Wiener Attentäters sehr unterstützt haben dürfte. Er könnte auch vor der Tat ausgeführt haben, wie der Anschlag auszuführen sei.

"Definitiv Fehler" der Polizei

Spätestens beim versuchten Munitionskauf in der Slowakei sei laut Stockhammer "definitiv, eindeutig" klar gewesen, dass A.G. und der spätere Attentäter die Masterminds gewesen seien. "Da war klar, dass eine transnationale Vernetzung im Hintergrund ist". Bei der Polizeiarbeit "sind definitiv Fehler passiert". Stockhammer schlägt sogar vor, nach dem Prozess das Verhalten der Behörden noch einmal zu untersuchen und neu zu beurteilen.

Bedrohung geht von 30 Personen aus 

Stockhammer schließt nicht aus, dass es weitere Mitwisser und potenzielle Unterstützer gibt. Auf die dschihadistische Szene angesprochen meint Stockhammer "eine manifeste Bedrohung geht von 30 Personen aus in Österreich". Etwa 100 hätten das Potenzial "sich zu diesen 30 dazuzugesellen und dann gibt es einen erweiterten Kreis von 300" die im islamistischen Segment von Aktivisten zu Gewaltbereiten werden könnten.

Der tote Attentäter würde laut dem Extremismusforscher zum Kreis der 100 zählen. Es sei immer schwierig festzustellen, wann die Schwelle zur Gewaltbereitschaft überschritten wird. "Das muss der Verfassungsschutz mit einer sehr engen Überwachung bewerkstelligen, die, wie wir wissen, so nicht erfolgt ist."

"Terrorismus lebt": Schlechte Aussichten für drei bis fünf Jahre

Die islamistische Terrorgefahr in Österreich sei "gleichbleibend hoch" zum 2. November 2020, dem Tag des Terror-Anschlags von Wien. Die Pandemie sei von Dschihadisten für beendet erklärt, Afghanistan sei ein Nährboden für Radikalismus und in mehreren afrikanischen Ländern sei die politische Lage instabil. "Der Terrorismus lebt und es nur eine Frage der Zeit, bis das auch überschwappt nach Europa. Ich bin pessimistisch, was die nächsten drei bis fünf Jahre angeht."

Marianne LamplQuelle: Redaktion / lam