Anschlag in Wien: Das "Alpha-Tier" von St. Pölten

16. Apr 2021 · Lesedauer 7 min

Kurz nach dem Anschlag in Wien klickten auch in St. Pölten die Handschellen – unter anderem für das "Alpha-Tier" der St. Pöltner Szene. Die Ermittlungsakten belegen eine jahrelange Radikalisierung und Vernetzung im In- und Ausland und geben Auskunft über eine "konspirative Wohnung", die erst drei Wochen nach der Verhaftung durchsucht wurde.

Vier Todesopfer, 23 zum Teil schwer verletzte Personen und eine Stadt in Angst und Schrecken. Ein Schrecken, den in den vergangenen Jahren zahlreiche europäische Metropolen – von Paris bis Berlin – erleben mussten. Am 2. November 2020 um 20 Uhr verübte ein Terrorist in der belebten Wiener Innenstadt ein islamistisch motiviertes Attentat. Mit einem Sturmgewehr schoss er wahllos in die Menge. Neun Minuten später war er "neutralisiert" – von Beamten der Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung (WEGA) erschossen.

Seitdem ermitteln die Behörden und suchen nach möglichen Mitwissern und Helfern – vor kurzem wurde eine weitere Person festgenommen. Zehn Verdächtige sitzen ein knappes halbes Jahr nach dem Anschlag in Österreich in Untersuchungshaft, einer in der Schweiz*. Die Vorwürfe lauten Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und in der Schweiz Beihilfe zum Mord. Die Ermittlungsakten, die PULS 24 vorliegen, zeugen von einer jahrelangen Radikalisierung und Vernetzung – national und international. Eine Hauptrolle dabei spielt St. Pölten. Seit Jahren landet die niederösterreichische Landeshauptstadt und das Umland mit Schlagzeilen rund um dschihadistische Gefährder in den Medien.

Bereits im Frühjahr 2017 wurden einige junge Männer festgenommen, sie wurden verdächtigt, in der Universitätsklinik St. Pölten Rekruten für die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) anzuwerben; 2018 wird eine damals 15-Jährige aus dem Mostviertel verhaftet – ein ausländischer Geheimdienst warnte die heimischen Behörden vor konkreten Überlegungen für einen Terroranschlag. Es sind zwei von vielen Beispielen mit einem gemeinsamen Nenner: Jahre später tauchen die selben Namen im Ermittlungsakt zum Terroranschlag in Wien auf. Sie waren teils nicht nur mit dem späteren Attentäter seit Jahren verbunden, sondern auch mit den deutschen und schweizerischen Dschihadisten, die sich im Juli 2020 in Wien trafen. Für alle Genannten gilt die Unschuldsvermutung.

Das "Alpha-Tier"

Einer der zentralen Verdächtigen aus St. Pölten ist ein 22-jähriger Mazedonier – er wurde 12 Stunden nach dem Anschlag, am 3. November 2020 um 8 Uhr, festgenommen. Bereits 2012 meldet die Schule, dir er besucht, eine HTL für Informatik, dem Verfassungsschutz radikalislamische Tendenzen bei ihm und einem weiteren Verdächtigen. Vier Jahre später nimmt er an einer Veranstaltung der Dawah-Gruppierung IMAN in der St. Pöltner Fußgängerzone teil, bei den Ermittlungen dazu wird das LVT Niederösterreich auf die salafistisch geprägte Organisation ANSAR aufmerksam – dessen Gründer und Betreiber zu dieser Zeit der nun in Haft sitzende Verdächtige war. Wenige Wochen später fällt er dem Verfassungsschutz als "führende Ansprechperson" für religiöse Fragen bei einer Gruppierung auf, die "vom Gebetsraum der Universitätsklinik St. Pölten aus versuchte, Rekrutierungen für die terroristische Vereinigung Islamischer Staat" durchzuführen. Im März 2017 wird er festgenommen, aber freigesprochen.

Noch im selben Jahr lernt er den späteren Attentäter in der "Mesdzid et Tewhid"-Moschee in der Wiener Murlingengasse kennen – die Moschee darf nach einer zeitweisen Schließung wieder öffnen. Sie halten Kontakt, der Attentäter besucht ihn regelmäßig in St. Pölten. Ebenfalls sucht der Verdächtigte Kontakt zu einem der zwei Deutschen, die beim Treffen im Juli 2020 observiert wurden – auch dieser wird ihn in St. Pölten besuchen; und zu einer 15-jährigen Mostviertlerin, die aufgrund von konkreten Hinweisen auf einen Terroranschlag damals in Haft sitzt. Mehr zu ihr hier.

2019 werden dem Verdächtigen Diebstähle nachgewiesen und spätestens da zeigt sich sein Weltbild. Gegenüber dem Deradikalisierungsverein DERAD sagt er, "dass wir in einem Darul Harb (Land/Gebiet des Krieges) leben würden und wir hier von den Kuffar (Nichtmuslimen) 'unser Recht' nehmen dürften". DERAD bescheinigt ihm eine "starke Ideologisierung und menschenverachtende Haltung". Außerdem scheine er das "Alpha-Tier" in der St. Pöltner Gruppe zu sein. Das würden auch Gespräche mit anderen zeigen.

Einen Monat nach dem DERAD-Gespräch nimmt der als hochintelligent beschriebene Informatiker – er habe sich selbst Arabisch beigebracht – mit seinem blauen Ford Focus Kombi im Juli 2020 am internationalen Dschihadisten-Treffen in Wien teil, holt die deutschen Teilnehmer auf Bitte des späteren Attentäters vom Flughafen ab und wird die nächsten Tage mit ihnen verbringen. Deutsche und Schweizer Ermittler halten es für möglich, dass bei diesem Treffen der Anschlag geplant wurde. Auch, dass die spätere Tatwaffe übergeben wurde. Einen Tag nach dem Treffen wird der Attentäter in die Slowakei fahren und explizit nach Munition für eine AK-47 fragen.

PULS 24/Faksimile

P13 der Verdächtige St. Pöltner, P14 der spätere Attentäter beim Dschihadisten-Treffen in Wien.

Konspirative Wohnung

Ab August 2020 – der Verdächtige wird später September aussagen – ist er Mieter einer Genossenschaftswohnung in der St. Pöltner Birkengasse, gemeldet bleibt er bei seinen Eltern. Laut den Nachbarn gehen ständig nur Männer ein und aus, auch die Übergabe von Geld wollen sie beobachtet haben. Die Fenster seien immer geschlossen, die Jalousien unten gewesen.

Durchsucht wird die "konspirative Wohnung" am 23. November 2020, der Verdächtige sitzt zu diesem Zeitpunkt bereits knapp drei Wochen in Untersuchungshaft. Vorgefunden werden "zahlreiche islamische Schriften", eine Tafel an der Wand und drei Matratzen auf dem Boden. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Verdächtige dort Islam lehrt, er selbst wird von Arabisch-Unterricht berichten und auch sagen, dass der spätere Attentäter öfter in der Wohnung gewesen ist.

PULS 24/Faksimile

Der "Schlafraum" in der "konspirativen Wohnung".

Aber auch nach Wien fährt der Verdächtige regelmäßig. Zuletzt am Samstag oder Sonntag – genau weiß es der Verdächtige offenbar nicht mehr – vor dem Anschlag. Dort trifft er erneut den Attentäter, der via Telegram um ein Treffen bat, in der "Almadina"-Moschee. Man habe über "Inkasso-Angelegenheiten" und "irgendwas im Keller" gesprochen. Der Attentäter hatte zuvor bei der Polizei gemeldet, das bei ihm im Keller eingebrochen wurde. Am Montag darauf wird der Attentäter vier Menschen töten und viele weitere teils schwer verletzen.

Herablassend

Während der Verdächtige bei den eigentlichen Vernehmungen eine "leise gesprochene Ausdrucksweise" an den Tag legt, bemerken die Ermittler danach eine "markante Wesensveränderung". In "teils herablassender Art" teilt er mit, "dass die Polizei ihre Ressourcen verschwenden würde, da 'die Deutschen' nichts mit dem (…) Terroranschlag zu tun hätten", heißt es im Ermittlungsakt. Auch "'die Schweizer' hätten mit der ganzen Sache überhaupt nichts zu tun", über sich selbst oder "sonstige Personen verlor der Beschuldigte hier kein Wort".

Netzwerk

Ob er vom Anschlag wusste, selbst in die Planung involviert oder gar der Kopf dahinter war, ist Teil der Ermittlungen. Die Behörden verweisen auf laufende Ermittlungen. Die Spur nach St. Pölten und die radikale Einstellung der Szene ist seit Jahren bekannt. Das bestätigt auch Moussa al Hassan Diaw von DERAD gegenüber PULS 24: "Es gibt dort einen Kern, der eine extremistische Ideologie vertritt und in der Vergangenheit deswegen auch schon straffällig geworden ist." Sie seien verurteilt worden, hätten Strafen ausgefasst, waren teilweise auf Bewährung und hätten "ihre ideologische Einstellung eigentlich noch nicht abgelegt", erklärt Diaw.

Von einem Netzwerk geht auch Terrorismus-Experte Nicolas Stockhammer aus. "Wir haben ja gesehen, dass der spätere Attentäter beim versuchten Munitionskauf in der Slowakei auch nicht alleine war", sagt er gegenüber PULS 24. Stockhammer ist auch "relativ überzeugt, dass er auch zum Tatort gebracht wurde". Diese Frage ist bisher ungeklärt. Dass der Attentäter zumindest Teil "einer international agierenden und strukturierten Terrorzelle" gewesen sein könnte, stellte hingegen bereits die Untersuchungskommission zum Anschlag fest. Die Ermittlungsakten zeugen zumindest von einem losen Netzwerk. Die Theorie von einem "einsamen Wolf" wird laut Insidern auch im BVT bezweifelt.

*Hinweis: In einer früheren Version des Artikels ist von zwei Verdächtigen, die in der Schweiz in Haft sitzen, die Rede. Am Freitagnachmittag wurde PULS 24 von der Schweizer Staatsanwaltschaft darüber informiert, dass einer der beiden Verdächtigen "unter der Auflage von Ersatzmassnahmen durch das zuständige Zwangsmassnahmengericht" aus der Untersuchungshaft freigelassen wurde. Die Zahl wurde dementsprechend geändert.

Dominik Schaden, Magdalena Punz, Mathias MorscherQuelle: Redaktion