APA - Austria Presse Agentur

Terror in Wien: Planquadrat, Covid-Anzeige und eine Machete hinter der Reklametafel

25. März 2021 · Lesedauer 4 min

Der Attentäter hatte nach seiner Haftentlassung mit einschlägig vorbestraften Verdächtigten Kontakt. Auch ist er bei einem Planquadrat und wegen Verstoß gegen Covid-Maßnahmen polizeilich aufgefallen.

Rund um den Terroranschlag von Wien am 2. November 2020 verdichten sich die Puzzleteile langsam zu einem Gesamtbild. Der Ermittlungsakt, der PULS 24 vorliegt, liefert zahlreiche Hinweise auf mögliche weitere Täter bzw. Mitwisser, die sich nach derzeitig bekanntem Ermittlungsstand freilich noch nicht festmachen lassen. Aber auch immer mehr Ermittlungs- und Schlampigkeitsfehler werden immer sichtbarer. Der Attentäter wurde in den Monaten vor der Tat nicht nur mehrere Tage bei einem Treffen mit einschlägig vorbestraften Dschihadisten aus dem Ausland in Wien observiert, sondern fiel neben dem versuchten Waffenkauf in der Slowakei auch der österreichischen Polizei mehrmals auf – in Begleitung eines weiteren einschlägig vorbestraften Verdächtigen (V1).  

Machete hinter der Reklametafel

Der Attentäter und V1 hatten 2018 Pläne, sich in Syrien der Terrormiliz “Islamischer Staat” (IS) anzuschließen, beide leisteten den Treueschwur. Mehrmals kauften die beiden Tickets, ließen sie aber verfallen. Der Attentäter reiste schließlich am 1.9.2018 aus und wurde in der Türkei verhaftet, V1 wollte es ihm einen Monat später gleichtun, wurde aber vorher am 22.9.2018 in seiner Wohnung verhaftet. Beide wurden zu Haftstrafen verurteilt, saßen die Strafe in unterschiedlichen Haftanstalten ab und wurden beide im Dezember 2019 vorzeitig aus der Haft entlassen – für V1 gab es übrigens keine Auflagen, sich beim Deradikalisierungsverein DERAD zu melden. "Wir waren wieder normal befreundet und hatten wieder Kontakt", wird V1 später erzählen.   

Zuvor, im März 2019, schrieb V1 in einem Brief an den späteren Attentäter die Ortsangabe eines Verstecks. Der Brief wurde abgefangen und die Örtlichkeit kontrolliert. Gefunden wurde an diesem Tag nichts. Fünf Tage nach dem Anschlag, am 7.11.2020, kontrollierte das LVT erneut den Ort und fand diesmal eine Machete hinter einer Reklametafel.   

Planquadrat

Wie gut die beiden wieder befreundet waren, ist auch polizeilich belegt. Im Februar wurden sie im Rahmen eines Planquadrats kontrolliert. Durch die Abfrage wurde die Polizei automatisiert darauf hingewiesen, dass sie das BMI/BVT verständigen und eine Weisung einholen soll. "Es folgte eine fernmündliche Verständigung des BVT-JD – keine Maßnahmen." Spätestens damit musste aber dem BVT bekannt sein, dass die beiden einschlägig Vorbestraften wieder Kontakt miteinander hatten. Mit den beiden wurde an diesem Tag auch ein weiterer Verdächtigter (V2) kontrolliert.  

Covid-19-Maßnahmen

Ein paar Wochen später fiel der Attentäter in Begleitung von V2 und einem weiteren Mann erneut bei der Polizei auf. Sie hatten gegen die Covid-19-Maßnahmen verstoßen und bekamen eine Anzeige. Ob erneut das BVT informiert wurde, ist unklar. Dazu findet sich im Akt kein Eintrag.  

Allerdings findet sich dort ein Schlampigkeitsfehler. In einer kurzen Zusammenfassung wird in diesem Zusammenhang auch V1 genannt, in der Anzeige des Abends selbst eine andere Person.  

Tattag

Am Tattag trafen sich der Attentäter, V1 und V2 in der Nähe der Wohnung des Attentäters. Man habe ein Buch zurückgeben wollen, erzählen V1 und V2 unisono später. Gegen Mittag sei das gewesen, vielleicht auch Nachmittag. Zehn Minuten habe es gedauert. Das widerspricht der Funkzellen-Auswertung ihrer Mobiltelefone. Demnach befanden sich der Attentäter und V2 zwischen 15 und 16 Uhr im selben Funkzellenbereich, zudem will ein Zeuge die beiden erkannt haben.  

Nur Stunden später tötete der Attentäter vier Menschen in der Wiener Innenstadt, weitere wurden teils schwer verletzt. V1 und V2 erkannten den Attentäter laut eigener Aussage und meldeten sich freiwillig und gemeinsam noch in der Tatnacht bei der Polizei. Zuvor bekam V1 allerdings noch Kurznachrichten eines weiteren Verdächtigten: "Bereite dich vor" und "Razzia dix (sic!)". 

PULS 24/Screenshot
Mathias MorscherQuelle: Redaktion