APA - Austria Presse Agentur

Anschlag in Wien: Mostviertlerin heiratete Schweizer Verdächtigen per Telefon

01. Apr 2021 · Lesedauer 4 min

Im Zuge der Ermittlungen rund um den Terroranschlag in Wien, rückt die Szene in St. Pölten und dem dortigen Umland immer mehr in den Fokus. Ermittelt wird auch gegen eine junge Frau, die als 15-Jährige bereits in Haft saß und mit einem Schweizer Verdächtigen "verheiratet" war.

Nur Stunden nachdem am 2. November 2020 ein Terrorist in Wien vier Menschen tötete und zahlreiche weitere teils schwer verletzte, wurden in Niederösterreich einige Verdächtige verhaftet oder zumindest befragt. Insgesamt sitzen derzeit noch neun Verdächtige laut der Staatsanwaltschaft Wien in Untersuchungshaft, zwei weitere in der Schweiz, keiner in Deutschland. Ermittelt wird auch gegen eine junge Frau, die – wie die meisten anderen – seit Jahren den Behörden bekannt und mit weiteren Verdächtigen vernetzt ist. Für sie und alle Genannten gilt die Unschuldsvermutung.

Bereits 2018, als 15-Jährige, bekundet sie in einer einschlägigen Telegram-Gruppe Sympathien für die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) und spricht mit anderen Anhängern über etwaige Attentatspläne in Österreich. Ein ausländischer Geheimdienst informiert die heimischen Behörden, zwei Tage später sitzt sie in Untersuchungshaft. Dort bekommt sie Post von einem derzeit in Wien in Haft sitzenden Verdächtigen aus St. Pölten. Sie solle weiter an ihrem Glauben festhalten, schreibt er und schickt ihr laut eigener Aussage auch mehrmals 100 Euro. Ein psychiatrisches Gutachten attestiert ihr damals Reifeverzögerung und damit Schuldunfähigkeit, das Verfahren wurde eingestellt.

Heirat via Telefon

Sie bleibt der einschlägigen Szene verbunden. Im Frühling 2020 wird ihr von einer Freundin ein möglicher Ehepartner vorgeschlagen. Es handelt sich dabei um einen Schweizer, der als Verdächtiger im Terroranschlag in Wien in Schweizer Haft sitzt. Mehr dazu hier. Die NZZ ändert für die Berichterstattung seinen Namen und nennt ihn "Arber" – ihm wird Beihilfe zum Mord vorgeworfen.

Bei der Vernehmung wenige Tage nach dem Anschlag äußert sich die mittlerweile 18-Jährige dazu folgendermaßen: "Sie sendete mir ein Bild von ihm. Grundsätzlich wollte ich ihn nicht heiraten. Aber bei der Hochzeit geht es ja nicht nur um mich, sondern um Gottes Willen und deshalb beschloss ich schon der Hochzeit zuzusagen. Nach islamischem Recht habe ich ihn übers Telefon geheiratet." Ihr männlicher Vormund habe ihr das erlaubt "und danach im Telefonat führten wir dies durch. Für uns waren wir verheiratet."

Nachdem "Arber" mit einem weiteren Schweizer – er sitzt ebenfalls in Haft – im Juli 2020 an dem internationalen Dschihadisten-Treffen in Wien teilnahm, besuchte er seine Ehefrau in Niederösterreich. Das erklären sowohl er als auch die Verdächtige bei ihren Aussagen. Im Observationsprotkoll heißt es dazu am 20. Juli 2020, dass die Verfolgung des Audi A3 mit Zürcher Kennzeichen bei Stockerau abgebrochen wird: "Wird nicht weiter unter Kontrolle gehalten". Er sei allein gekommen, der zweite Schweizer sei nicht dabei gewesen. "Er kam wegen mir, um mich zu sehen", sagt sie, "nach ein bis zwei Monaten haben wir uns wieder getrennt bzw. scheiden lassen". Das sei eher von ihm aus gewesen. "Er bzw. Allah wollten es so." Wichtig ist ihr zu betonen, "dass ich nie mit ihm intim wurde".

Über das Dschihadisten-Treffen in Wien wisse sie nichts, den Attentäter kenne sie nur vom "Hörensagen. Ich glaube aus sozialen Netzwerken. Vielleicht bereits in Verbindung mit dem Attentat. Vielleicht habe ich ihn aber schon vorher irgendwann gehört."

Kontakt zum Attentäter

Einen persönlichen oder telefonischen Kontakt mit dem Attentäter verneint sie anfangs. Auf ihrem Handy findet sich allerdings die Adresse des Täters. Daraufhin erklärt sie, sie habe ein Buch über den Islam via Shpock bestellt. Sie habe das Geld via Post geschickt und etwa zwei Wochen vor ihrer Befragung habe ihr Bruder die Post übernommen. "Er gibt es mir nicht, weil er nicht möchte, dass ich so etwas lese." Es sei Zufall, dass sie ausgerechnet beim Attentäter ein Buch bestellte.

Gespräche mit Männern?

In der Vernehmung erklärt die Verdächtige auch, dass sie nicht mit Männern spreche. Die Ermittler fragen sie, wie sie dann trotzdem in Kontakt mit dem Attentäter kam? "Er hatte als Profilbild ein kleines Mädchen mit Kopftuch. Deshalb dachte ich nicht weiter. Später bekam ich seinen Namen und ich wollte dann nicht abbrechen, um das Buch zu erhalten." Das Kuvert und das Buch stellen die Ermittler sicher, weitere Kontakte zu dem Attentäter können laut den Ermittlungsakten bisher nicht festgestellt werden. Bei Fragen nach Details verweisen die Behörden auf laufende Ermittlungen.

Insgesamt belegen die Ermittlungsakten eine jahrelange Radikalisierung und Vernetzung der dschihadistischen Szene im In- und Ausland. Der Großteil der Verdächtigen war den Behörden seit Jahren einschlägig bekannt, ebenso ihre radikale Einstellung.

Mathias MorscherQuelle: Redaktion