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Rekord bei Arztbesuchen: Warum das Gesundheitswesen am Limit ist

23. Dez. 2022 · Lesedauer 5 min

Ein Allzeithoch bei den Arztbesuchen gab es laut PULS 24 Informationen vergangene Woche. Lange Wartezeiten und überlastetes Gesundheitspersonal sind die Folge. Warum das Gesundheitssystem ins Wanken gerät.

Ein ganz normaler Arztbesuch kann derzeit zu enormer Anstrengung werden. Stundelange Wartezeiten - auch in den Spitälern - sind keine Seltenheit. Corona, Grippewelle, aber auch Personalmangel bringen das Gesundheitssystem derzeit an seine Grenzen. Dazu kommt noch ein Mangel an Medikamenten.

Viruswelle: Neuer Rekord bei Arztbesuchen

"Die Arztpraxis ist überfüllt, dann kriegen die Patienten entweder keinen Termin oder müssen zu lange warten und ja, dann geht man ins Krankenhaus", sagt eine Krankenschwester im PULS 24 Interview. Sowohl niedergelassene Ärzte als auch Spitäler sind also vom Ansturm betroffen. Laut internen Zahlen von GECKO, die PULS 24 vorliegen, gab es vergangene Woche ein Allzeithoch bei den Arztbesuchen. Rund 3 Millionen E-Card-Steckungen wurden verzeichnet. Bis zu einem Drittel der Österreicher:innen war also vergangene Woche zumindest einmal beim Arzt. Am 12. Dezember wurde sogar ein "all-time-high" verzeichnet: 724.000 E-Card-Steckungen an einem Tag.

Offiziell bestätigt wurden die Zahlen bisher noch nicht. Das Gesundheitsministerium verwies an die Sozialversicherungen, eine PULS 24 Anfrage bei der ÖGK blieb unbeantwortet.

Viruswelle überfordert marodes System

Was ist da los? Zunächst wütet derzeit eine Grippewelle - ungewöhnlich früh, denn meist schießen die Zahlen erst im Jänner, nach den Weihnachtsfeiertagen, in die Höhe. Für ganz Österreich errechnete die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) zuletzt eine Inzidenz von 4.338 derartigen Infekten pro 100.000 Einwohner. In Wien sind die Infektionen in den vergangenen Wochen deutlich von 23.150 über 25.200 und nun auf 33.950 nach oben geschnellt. Gemessen an den seit 2009 online veröffentlichten Daten sind das neue Rekordwerte.

Weseslindtner über die Viruswelle

Virologe Lukas Weseslindtner erklärt im PULS 24 Interview, dass zur Influenzawelle noch eine RSV-Welle hinzukomme. Diese Viren können vor allem bei kleinen Kindern schwere Verläufe verursachen. Beide Wellen würden gleichzeitig auftreten und dazu kursieren noch weitere Erreger. Natürlich fallen dann auch im Gesundheitssystem kranke Mitarbeiter aus - was zusätzlich zu den vielen Patienten für volle Warteräume sorgt. 

"Derzeit gibt es Personalausfälle aufgrund der zahlreichen Erkältungskrankheiten in allen medizinischen Bereichen. Nachdem kaum mehr getestet wird, ist es schwer zu bestimmen, welchen Anteil Covid an den Krankenständen einnimmt", berichtet ein hochrangiger Intensivmediziner, der anonym bleiben möchte, gegenüber PULS 24. 

In Zukunft schlechtere Versorgung?

Die Virenwelle und die Krankenstände bringen für ihn das Fass zum Überlaufen. Es gebe aber auch im Gesundheitswesen selbst "viele Probleme". "Wir steuern aus meiner Sicht, aber auch aus der Sicht zahlreicher Kolleg:innen zukünftig in eine qualitativ deutlich schlechtere Gesundheitsversorgung", warnt der Intensivmediziner. 

Personalnot würde mittlerweile zu Triagen führen, sagte zuletzt Stefan Ferenci, Vizepräsident der Wiener Ärztekammer, im Gespräch mit PULS 24. Drei Viertel der Ärzt:innen in den Wiener Gemeindespitälern gaben in einer aktuellen Umfrage an, unter einer dauernden sehr hohen oder hohen Arbeitsbelastung zu leiden. 25 Prozent der Ärzt:innen können die gesetzlichen Ruhebestimmungen nicht einhalten. 

Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne) und Wiens Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) versuchten zu beruhigen - so dramatisch sei die Lage auch wieder nicht. 

Anders sieht das der hochrangige Intensivmediziner und nennt gegenüber PULS 24 systemimmanente Gründe: Personalmangel gebe es vor allem in den "Akutfächern" Chirurgie, Gynäkologie, Anästhesie und Intensivmedizin, aber auch in der Inneren Medizin und bei der Pädiatrie - sowie auch bei Landärzt:innen. Diese Fächer seien bei der "jungen Generation" nicht mehr attraktiv. Es bräuchte Reformen bei Ausbildung und Arbeitszeiten. 

Pflegemangel in Heimen und Spitälern

Erschwerend komme hinzu, dass es nicht nur an Ärzt:innen mangle, sondern auch an Pflegepersonal. "Der Pflegemangel ist real und wurde durch die Covid-19-Pandemie dramatisch verschärft", berichtet der Intensivmediziner. Es komme zu Situationen, in denen in der Nacht nur zwei Diplomfachkräfte auf mehr als 30 Betten kommen würden. "Von Seiten der Politik wurde hier über die Jahre eine entsprechende generelle Anpassung des Pflege- zu Bettenschlüssels versäumt". 

Eine ähnliche Situation gebe es in Pflegeheimen, was dazu führe, dass ältere Patient:innen im Spital bleiben müssen, weil sich in Heimen kein Bett finde. "Dies führt wiederum zum Mangel an Akutbetten in den Krankenhäusern".

So kommt es zu einer Situation, die für Patient:innen und Gesundheitspersonal unbefriedigend ist. Und mittlerweile haben zusätzlich auch Apotheken mit Problemen zu kämpfen. Bei immer mehr Medikamenten gibt es Lieferprobleme, sie sind dadurch gar nicht oder nur schwer zu bekommen. Die Grippewelle und Hamsterkäufe tun ihr Übriges. 

500 Medikamente nur schwer verfügbar

Das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) wies am Freitag auf seiner Internetseite rund 500 Arzneimittel aus, die in Österreich nicht bzw. nur eingeschränkt verfügbar sind. Der Pharmagroßhandel gab am Freitag bekannt, nun eine gleichmäßige Verteilung von Antibiotika an die heimischen Apotheken zu organisieren. "Wir versuchen, dass jede Apotheke etwas bekommt und dass wir nicht heute alles loswerden, sondern dass wir morgen oder auch in den Weihnachtstagen noch lieferfähig sind", hatte Andreas Windischbauer, Präsident des Verbands der Arzneimittelgroßhändler (Phago). 

Bezüglich etwaiger Lieferstopps bei Ibuprofen und Paracetamol wegen Chinas Corona-Welle beruhigte Phago zuletzt. Solche Pläne seien nicht bekannt. Man sei außerdem nicht nur von China abhängig.

Mehr dazu:

Eine politische Lösung für die Probleme des Gesundheitspersonal und ein Ende der Grippewelle sind derzeit aber noch nicht absehbar. Dazu kommt, dass laut Abwasseranalyse die Coronafälle seit Wochen wieder ansteigen. 

Quelle: Redaktion / koa