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Masken-Lockerungen: Experten fordern Herbst-Planung ohne rosa Brille

24. Mai 2022 · Lesedauer 4 min

Für Herbst und Winter fordern Forscher der Plattform "Covid-19 Future Operations", darunter u.a. die Virologin Dorothee von Laer und Virologe Ulrich Elling, sorgfältige Vorbereitung. Kritik gab es für manche der Lockerungen ab Juni. Das Masken-Aus gehe zu weit - warum die Impfkampagne nicht vorangetrieben wird, stößt auf Unverständnis.

"Man muss auch auf den ungünstigen Fall vorbereitet sein", mahnte von Laer in Hinblick auf den Herbst.

Von Laer gegen Masken-Aus in Supermärkten

Das Ende der Maskenpflicht in den meisten Bereichen und das Aussetzten der Impfpflicht, sei durchaus vertretbar, da das Gesundheitssystem nicht überlastet sei. Von Laer hätte ein Beibehalten der Maskenpflicht in Apotheken und im lebenswichtigen Handel aber befürwortet, um vulnerable Gruppe leichter schützen zu können.

Elling warnt vor Masken-Aus in Öffis

Auch der Genetiker Ulrich Elling vom Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zeigte sich nicht ganz erfreut über die so weitgehenden Lockerungen. Die Zahlen würden über den Sommer hinweg wieder ansteigen, die Masken im Herbst voraussichtlich wieder notwendig. Fährt man jetzt etwa die in den Öffis die gut funktionierenden Maßnahmen herunter, stelle sich die Frage, ob die Bevölkerung dann wieder mitmache, so Elling: Das "Hin und Her" könne diese Disziplin durchaus wieder erodieren lassen.

An den Schulen sei es durchaus vertretbar, das Testregime nun zurückzufahren, so Elling. Gerade in dem Bereich stoße die Akzeptanz für eine Wiedereinführung von Eindämmungsmaßnahmen vermutlich auf viel Akzeptanz, glaubte Tanja Stamm von der Meduni Wien. Man werde die Masken im Herbst jedenfalls in vielen Bereichen voraussichtlich wieder brauchen, konstatierte auch Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien (IHS).

Impfkampagne fehlt

Gleiches gelte auch für eine höhere Impfquote. Verwundert zeigte sich Czypionka, dass sich in punkto Impfungen hierzulande gerade wenig tue: "Mir ist nicht ganz klar, warum man da nicht mehr daran arbeitet." Würde nämlich eines der ungünstigeren Szenarien eintreffen, die die Expertengruppe kürzlich in einem "Arbeitspapier" formuliert haben, hänge von der Immunisierungsrate sehr stark ab, wie rigide die Maßnahmen gestaltet werden müssen.

Worst-Case-Szenarien nicht unter den Tisch kehren

Vieles steht und fällt mit der weiteren Entwicklung des Virus selbst, der Immunität in der Bevölkerung, was vor allem den Schutz vor schwereren Krankheitsverläufen betrifft, dem Aufbau von Früherkennungssystemen zum Infektionsgeschehen oder der Test- und Spitalsinfrastruktur, heißt es in dem Papier, das mittlerweile zu einer wichtigen Diskussionsgrundlage der Politik und der Behörden wurde, so die Wissenschafter. In den günstigeren Szenarien, in denen entweder nur kleinere Wellen bzw. Winterwellen alle ein bis zwei Jahre auftreten, bräuchte es demnach nur sehr eingeschränkt Maßnahmen. Es gibt aber auch Modelle, in denen die Pandemie anhält, weil der SARS-CoV-2-Erreger selbst nochmals infektiöser, die Erkrankungen wieder schwerwiegender und der Immunschutz weniger wird. Diese dürfe man nicht unter den Tisch kehren, da die Pandemie sich schon öfters unerwartet entwickelt habe, betonte Elling.

Um die Situation möglichst im Auge zu behalten brauche man daher eine Art "Radar zur Früherkennung", sagte Arne Bathke von der Universität Salzburg. Man sollte sich hier auf nationale Abwassermonitoring-Programme, ein aktives Überwachungssystem für Covid-19-Fälle bei niedergelassenen Ärzte oder auch Untersuchungen von Zufallsstichproben in der Bevölkerung stützen. Weiters brauche es den Blick über Fachgrenzen hinweg in andere Länder und auf deren Strategien.

Starlinger lobt "gesamtstaatlichen Ansatz"

Dass Österreich nach nunmehr über zwei Jahren Pandemie zu einem Modus gelangt, in dem die Vorbereitung auf den Herbst besser läuft, glaubt Ex-Verteidigungsminister und Mitorganisator der "Future Operations Plattform", Thomas Starlinger. Es komme jetzt "ein gesamtstaatlicher Ansatz herein", so der Generalmajor. Das gelte hoffentlich auch für die Kommunikationsstrategie, die über weite Strecken von kurzfristigen und unklaren Botschaften dominiert war. Dass bei den heutigen Ankündigungen zu den bevorstehenden weiteren Lockerungen aber zumindest die Pandemie nicht wieder quasi abgesagt wurde, sei als Fortschritt anzusehen, so die Forscher.

Quelle: Agenturen / Redaktion / lam