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Papst betont Engagement der Kirche für Missbrauchsopfer

21. Jan. 2022 · Lesedauer 5 min

Nach der Veröffentlichung des Münchener Missbrauchsgutachtens hat sich Papst Franziskus für eine strenge Anwendung des Kirchenrechts im Kampf gegen Missbrauch in der Kirche ausgesprochen.

Die Staatsanwaltschaft in München untersucht 42 Fälle von Fehlverhalten kirchlicher Verantwortungsträger. Betroffen ist auch der emeritierte Papst Benedikt XVI. in seiner Zeit als Münchner Erzbischof. Benedikt habe als damaliger Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger in vier Fällen nichts gegen des Missbrauchs beschuldigte Kleriker unternommen, teilten die Gutachter am Donnerstag in München mit. In einer Stellungnahme bestritt Benedikt demnach seine Verantwortung "strikt", die Gutachter halten dies aber nicht für glaubwürdig. 

"Die Kirche treibt mit der Hilfe Gottes die Verpflichtung voran, den Opfern von Missbrauch durch unsere Mitglieder gerecht zu werden, indem mit besonderer Aufmerksamkeit und Strenge die vorgesehene kanonische Gesetzgebung angewandt wird", sagte Papst Franziskus am Freitag beim Empfang von Vertretern der Glaubenskongregation im Apostolischen Palast. Die vatikanische Behörde beschäftigt sich auch mit dem Thema Missbrauch.

Franziskus: "Gerechtigkeit wiederherstellen"

Franziskus nahm in seiner Ansprache nicht direkt Bezug auf das Gutachten zu sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising. Der Vatikan wolle das Gutachten noch genau studieren. Franziskus verwies in seiner Rede auf eine bereits passierte Anpassung, wodurch Kirchenvertreter, die jeglicher Art des Missbrauchs überführt werden, einfacher zur Rechenschaft gezogen werden können. "Dies allein kann nicht reichen, um das Phänomen einzudämmen, aber es bildet einen wichtigen Schritt, um Gerechtigkeit wiederherzustellen, den Skandal wiedergutzumachen und einen Täter zu ändern", erklärte der 85-Jährige weiter.

Staatsanwaltschaft befasst sich mit 42 Fällen

Die Staatsanwaltschaft München I untersucht derzeit 42 Fälle von Fehlverhalten kirchlicher Verantwortungsträger. Das vom Erzbistum München und Freising selbst in Auftrag gegebene WSW-Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass Fälle von sexuellem Missbrauch in der Diözese über Jahrzehnte nicht angemessen behandelt wurden und wirft den ehemaligen Erzbischöfen Friedrich Wetter und Joseph Ratzinger, dem heute emeritierten Papst Benedikt XVI., konkret und persönlich Fehlverhalten in mehreren Fällen vor. Auch dem aktuellen Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, wird formales Fehlverhalten in zwei Fällen vorgeworfen.

Hunderte Opfer

Von mindestens 497 Opfern und 235 mutmaßlichen Tätern sprechen die Gutachter, gehen aber von einem deutlich größeren Dunkelfeld aus. Besonders brisant ist die Rolle Ratzingers. Denn die Gutachter gehen davon aus, dass er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht die Wahrheit gesagt hat. Benedikt hatte immer wieder betont, an einer Sitzung im Jahr 1980 nicht teilgenommen zu haben, in der beschlossen wurde, dass ein Priester, der im Bistum Essen Buben missbraucht hatte, nach Bayern versetzt werden soll. Ratzinger war von 1977 bis 1982 Erzbischof von München und Freising. 

Deutsche Regierung fordert Aufarbeitung

Die deutsche Bundesregierung forderte unterdessen die katholische Kirche zu einer umfassenden und transparenten Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs auf. Das Gutachten sei ein wichtiger Schritt, dem weitere Schritte folgen müssten, sagte die Sprecherin von Kanzler Olaf Scholz (SPD). 

Ein Sprecher des Justizministeriums sagte, es handle sich nicht um rein innere Angelegenheiten der Kirche. Wo sich auch heute noch Anhaltspunkte für verfolgbare Taten ergeben, müssten die zuständigen Strafverfolgungsbehörden diese selbstverständlich ermitteln und konsequent verfolgen.

Feldkircher Bischof: Auch Papst Benedikt muss Stellung nehmen

Seitens der Österreichischen Bischofskonferenz zeigte sich der Feldkircher Bischof Benno Elbs tief betroffen über die Münchner Missbrauchsstudie. "Das tut weh", sagte der in der Bischofskonferenz für die Missbrauchsthematik zuständige Bischof den "Vorarlberger Nachrichten" (Freitagausgabe) - besonders, weil man in der Kirche inzwischen alles versuche, um geschehenen Missbrauch aufzuarbeiten und künftigen zu verhindern.

Die Anschuldigungen gegen die Verantwortlichen der Erzdiözese München und den emeritierten Papst Benedikt XVI. im Besonderen könne er nur schwer beurteilen, so Elbs. Wichtig sei seiner Meinung nach, "dass die Verantwortlichen Stellung nehmen", auch Papst Benedikt.

Ö: Kommission untersucht Missbrauchsfälle

Die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen sei in Österreich anders gelaufen als in anderen Ländern und offenbar auch in der Erzdiözese München-Freising, so Elbs: "Vor elf Jahren haben wir den Weg gewählt, dass Missbrauchsfälle von unabhängigen Instanzen untersucht werden." Damals wurde die unabhängige Opferschutzkommission unter Waltraud Klasnic geschaffen. Elbs: "Das Geschehene kann nicht wieder gutgemacht werden, aber wir können den Opfern helfen, über unabhängige Instanzen."

Als "guten Tag für die Betroffenen" bezeichnete unterdessen der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner die Missbrauchsstudie der Erzdiözese München. Die Studie zeige, "wie lange die Kirche gebraucht hat, den Ernst der Lage auch zu begreifen", sagte Zulehner am Donnerstagabend in der ZiB 2 des ORF: "Es ist ein Dokument der Versäumnisse und der Verspätung." Er unterstrich zugleich, dass die Kirche, respektive die Erzdiözese München selbst die Studie in Auftrag gegeben habe, weil sie um Aufarbeitung bemüht sei.

Im Blick auf Österreich betonte der Pastoraltheologe, dass Kardinal Christoph Schönborn sehr früh gehandelt habe. Auch auf der katholischen Fakultät in Wien habe es ein großes Symposium mit Fachleuten gegeben, "um genau auch diese strukturelle Seite bereits hinzuweisen".

Psychiater: Drei Promille der Missbrauchsfälle gehen auf Kosten der Kirche

Der Psychiater Reinhard Haller warnte unterdessen davor, die Missbrauchsdiskussion auf die Katholische Kirche einzuengen. "Es sind nicht alle Missbrauchsfälle pauschal der Kirche zuzuweisen", sagte Haller den "Vorarlberger Nachrichten" (Freitag). Haller ist Mitglied der Unabhängigen Opferschutzanwaltschaft (Klasnic-Kommission). Die Kirche als Institution habe sich immer klar gegen Pädophilie positioniert, "aber viele Mitglieder haben sich nicht daran gehalten". Es gebe Berechnungen, dass nur drei Promille aller Missbrauchshandlungen auf die Kirche zurückzuführen sind. Haller: "Man darf bei der Diskussion die anderen 99,7 Prozent nicht vergessen." Bei weitem nicht alle Priester und Ordensleute seien potenzielle Täter. Innerhalb der Täterschaft seien es häufig neurotische und sexuell unreife Menschen, so Haller.

Quelle: Agenturen / Redaktion / lam