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Giftiges Genussmittel: Alkoholmythen im Faktencheck

14. Nov. 2022 · Lesedauer 7 min

Vom Feierabendbier bis zum Verdauungsschnaps: Alkohol ist in Österreich tief in der Kultur verankert. PULS 24 hat nachgefragt, was an den Mythen rund um das Genussmittel dran ist und klärt die Frage: Ab wann ist es zu viel?

Über kein anderes Genussmittel ranken sich so viele Mythen, wie um Alkohol. Egal ob es ich um das Achterl Wein handelt, das gut für das Herz-Kreislauf-System sein soll oder das Bier als Elektrolyt-Lieferant: "Solche Mythen halten sich einfach hartnäckig und beruhigen", erklärt die klinische Psychologin Ute Andorfer vom Anton-Proksch-Institut.

Dabei sind es genau diese Mythen, die eben oft nicht der Wahrheit entsprechen, wie sie im PULS 24 Interview erklärt. Denn "Alkohol per se ist nicht gesund".

Hier geht es zur aktuellen Podcast-Folge zum Thema:

Alkohol giftig für Körper

"Alkohol ist ein Zellgift, das wir in verdünnter Form zu uns nehmen. Aber in Wirklichkeit ist es für unseren Körper giftig", erklärt die Gesundheitspsychologin. Dennoch ist dieser in vielen Kulturen verankert und wird auch in Österreich im Lebensmittelgesetz als Genussmittel klassifiziert. "In Maßen genossen kommt unser Körper schon damit zurecht, das Zuviel ist halt immer das Problem", meint Andorfer.

Empfohlen wird laut der Psychologin entweder ein viertel Liter Wein oder ein großes Bier - also ein halber Liter - oder ein doppelter Schnaps pro Tag als Maximum. Zusätzlich sollte an zwei Tagen in der Woche kein Alkohol getrunken werden, "damit sich die Leber erholen kann", so Andorfer.

Ute AndorferIrene Petzwinkler

Ute Andorfer ist klinische Psychologin und Verhaltenstherapeutin am Anton-Proksch-Institut.

Die bekanntesten Alkoholmythen im Überblick:

  • Wein ist gut für das Herz-Kreislauf-System: 

Laut Ute Andorfer handelt es sich beim klassischen "Glaserl Wein pro Tag" um einen Mythos. Wissenschaftliche Studien dazu würden nur belegen, "dass im Alkohol gewisse Stoffe drinnen sind, die durchaus gut sind für den Menschen. Im Rotwein wären das eben die Flavonoide", so die klinische Psychologin.

Flavonoide sind natürliche Stoffe, die entgiftend wirken und die Zellen schützen. Neben anderen Stoffen können sie auch den Krankheitsverlauf bei Krebs beeinflussen. Flavonoide sind unter anderen in manchen Teesorten, Äpfeln und eben in Trauben und damit auch in Wein enthalten. Nun müsste man laut Andorfer jedoch "relativ viel Rotwein trinken pro Tag", um die heilsame Wirkung dieser Stoffe nutzen zu können. "Und das ist dann giftiger als sozusagen der Mensch die guten Eigenschaften der Flavonoide nutzen kann", ergänzt sie im Interview.

  • Bier liefert Elektrolyte:

Umgangssprachlich werden Elektrolyte als Mineralstoffe zusammengefasst. In Bier sind Mineralstoffe wie etwa Magnesium und auch Kalium enthalten, somit enthält Bier auch Elektrolyte. Allerdings besitzt Bier auch eine harntreibende Wirkung und ist entwässernd. Dadurch "müssen wir relativ schnell auf die Toilette und die Elektrolyte aus dem Bier sind schneller in der Kanalisation verschwunden, als der Körper sie aufnehmen kann", erklärt die Expertin.

  • Schnaps unterstützt die Verdauung:

Subjektiv kann es durchaus sein, dass hochprozentiger Alkohol gegen Völlegefühl hilft, meint auch Ute Andorfer. In Wirklichkeit tue man seinem Magen-Darm-System dadurch allerdings keinen Gefallen. Der Alkohol unterstütze nicht die Verdauung oder sorge auch nicht für Entlastung. Im Gegenteil, dieser sei laut Andorfer für das Magen-Darm-System nur "eine zusätzliche Belastung".

  • Vor dem Trinken viel essen, damit der Alkohol verspätet wirkt:

Auch die sogenannte "gute Unterlage" ist laut Ute Andorfer ein Mythos. Man müsse sich den Körper wie ein Gefäß vorstellen, in dem alles verarbeitet wird, was hineinkommt. So kann übermäßiges Essen oder fettiges Essen vor dem Alkoholkonsum zwar dafür sorgen, dass der Alkohol langsamer im Blut aufgenommen wird – der Grad der Alkoholisierung ändere sich dennoch nicht.

  • Durch viel Bewegung wird man schneller nüchtern:

"Auch das ist leider ein Mythos", bestätigt Andorfer. Alkohol wird in der Leber verarbeitet und diese schaffe nicht mehr als 0,1 Promille pro Stunde abzubauen, so die klinische Psychologin. Diesen Prozess könne man nicht beschleunigen, weder durch Sport noch durch Nahrungsmittel, wie etwa koffeinhaltigen Getränken. Bei einem Alkoholstand von 1 Promille dauert es demnach 10 Stunden, bis man wieder nüchtern ist

  • Alkoholisiert schläft man besser:

Ähnlich dem Mythos rund um Sport und Alkohol, kann die Leber auch durchs Schlafen nicht den Alkoholabbau beschleunigen. Was hingegen stimmt: Alkohol hat eine schlafanstoßende Wirkung. Das bestätigt auch die Expertin. Zur Ruhe komme man dennoch nicht, da die Leber das Gift im Körper abbauen will. Dafür muss das Organ gut durchblutet werden, wodurch das Herz schneller schlägt.

  • Alkohol hält warm:

Ähnlich dem Mythos rund um den Verdauungsschnaps, spendet Alkohol nur subjektiv betrachtet Wärme. Tatsächlich steigt die Körpertemperatur durch Alkohol jedoch nicht merkbar an. Glühwein und Co. weitet die Hautoberfläche aus, was laut Andorfer den Körper insgesamt schneller abkühlen lässt. Dies kann schwerwiegende Folgen haben, da Betroffene die Kälte oft nicht wahrnehmen. Schlimmstenfalls könnten bei kalten Temperaturen im Freien dann auch Erfrierungen drohen, wie die Expertin bestätigt.

  • Alkohol tötet Gehirnzellen:

"Der Mythos, der eben kein Mythos ist, ist der, dass Alkohol Gehirnzellen absterben lässt", erklärt Ute Andorfer im PULS 24 Interview. Prinzipiell sterben im menschlichen Gehirn täglich bis zu 70.000.000.000 Gehirnzellen ab, allerdings bilden sich täglich auch wieder neue. Der Konsum von Alkohol tötet daher nur zusätzlich Gehirnzellen. Laut Andorfer handelt es sich bei einem leichten bis mittelschweren Rausch um 20.000 bis 30.000 Gehirnzellen.

Alkohol und Psyche oft im Wechselspiel

Neben der Menge spiele auch die Psyche eine Rolle beim Alkoholkonsum. "Immer dann, wenn ich trinke, um mich zu verändern, also wenn der Alkohol eine andere Funktion bekommt, dann ist es eigentlich schon Missbrauch. Dann wäre es schon an der Zeit darüber nachzudenken: Warum trinke ich denn?", erklärt die Expertin im Interview. Bei der Kombination aus psychischer Erkrankung und Alkoholsucht sei der Alkohol nur "die Spitze des Eisbergs" und werde eher zur Selbstmedikation herangezogen.

Letzteres bedeutet, dass Betroffene Alkohol unter anderem konsumieren, um sich beispielsweise Mut anzutrinken oder sich besser zu fühlen. "Deswegen wäre es ja auch wichtig, Menschen besser und mehr aufzuklären", betont die Verhaltenspsychologin. "Die Sucht wächst in der Heimlichkeit und was hilft gegen die Heimlichkeit: Zu lernen, über diese Dinge zu reden und sich nicht zu genieren oder sich nicht zu schämen es anzusprechen", führt sie im Interview weiter aus.

Fast jeder Zehnte gefährdet

Laut Andorfer sind in Österreich 330.000 Menschen alkoholabhängig und ca. 870.000 Menschen gefährdet, eine Alkoholsucht zu entwickeln. Inwiefern die Corona-Pandemie Einfluss auf den Alkoholkonsum der Österreicher:innen genommen hat, könne man laut der Psychologin noch nicht sagen.

Tendenziell dauere es zwölf Jahre, bis Betroffene sich Hilfe suchen. Dabei entsteht eine Sucht in diesem Fall nicht von einem Tag auf den anderen, sondern entwickle sich über Jahre hinweg. "Wenn es übermäßig, regelmäßig wird mit dem Alkohol, dann ist es schon gefährlich", erklärt Andorfer. Umso mehr rät sie zu einem überlegten und verantwortungsvollen Umgang mit diesem Genussmittel.

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Angela PerkonigQuelle: Redaktion / pea