Der ungarische GrenzzaunCSABA SEGESVARI / AFP

"Hotspot" der Balkanroute - wo es keine Gewinner gibt

17. Dez. 2022 · Lesedauer 8 min

Vor der ungarischen EU-Außengrenze spielen sich in Serbien Elend, Gewalt und Kriminalität ab. Eine Situation, in der es keine Gewinner gibt. Eine PULS 24 Reportage aus Nordserbien.

Ein Video zeigt eine Gruppe von Menschen, die in den frühen Morgenstunden im Licht vereinzelter Laternen durch die Straßen des serbischen Grenzdorfs Horgoš laufen. Zumindest ein Schuss ist zu hören.

Später wird die serbische Polizei einen verwundeten 20-Jährigen finden. Er soll zwei Kugeln in die Brust bekommen haben.

Es dürfte einen Konflikt zwischen zwei Schlepper-Gruppen gegeben haben, der mit Waffen ausgetragen wurde. Afghanen und Marokkaner sollen laut serbischen Behörden beteiligt gewesen sein. Fünf weitere Verdächtige wurden verhaftet.

Solche Vorfälle gibt es in der nordserbischen Grenzregion zu Ungarn, der Wojwodina, schon öfters. Direkt in einem Ortsgebiet aber bisher noch nicht. Was folgt, ist eine große Polizeiaktion, die die Lage für alle Beteiligten einschneidend verändert.

Gestrandet vor der EU-Grenze

Im Szelevény-Wald, an der Grenze zu Ungarn rund um die Ortschaften Subotica, Horgoš und Sombor übernachten zahlreiche Schutzsuchende in inoffiziellen Camps. Teils schlafen sie unter widrigsten Umständen in verlassenen Abbruchhäusern oder Fabrikshallen, teils im Wald.

Mit dem Ziel, in die EU zu kommen, stranden sie hier vor dem etwa vier Meter hohen ungarischen Grenzzaun. Stacheldraht, teils sogar zwei Zaunreihen hintereinander, halten viele von ihnen auf. Ein legales Weiterkommen gibt es für die Schutzsuchenden hier nicht. Sie erzählen von Pushbacks und Gewalt. Sie sind auf die Schlepper angewiesen. Tausende Euro zahlen sie ihnen auf ihren Reisen.

AbdurahmanPULS 24

Abdurahman aus Syrien lebt in einem inoffiziellen Camp in Serbien.

"Unser aller Problem ist Ungarn. Wenn Ungarn die Route öffnen würde, könnten wir ohne Geld weiterkommen. Aber Ungarn macht Probleme", sagt der junge Syrer Abdurahman, den PULS 24 in einem der inoffiziellen Camps trifft. Er will in die Niederlande. Syrien sei "zerstört".

Mehr zur Situation der Schutzsuchenden:

Bis das gelingt, harrt er wie so viele andere in der serbischen Grenzregion aus. Tausende waren es, die hier noch vor kurzem in inoffiziellen und offiziellen Camps auf eine Möglichkeit zu Grenzübertritt warteten. Nichtregierungsorganisationen sprechen gegenüber PULS 24 vom neuen "Hotspot" auf der Balkanroute.

Nach der Schießerei hat die serbische Polizei allerdings zahlreiche der inoffiziellen Camps in den Wäldern geräumt. Automatische Schusswaffen von Schleppern wurden dabei sichergestellt. Viele Schutzsuchende seien in Bussen in offizielle Camps, die von der Regierung betrieben werden, im Süden Serbiens gebracht worden, schildern Nichtregierungsorganisationen.

Taxis warten vor dem offiziellen Camp in SuboticaPULS 24 / Konstantin Auer

Taxis warten vor dem offiziellen Camp in Subotica

Die offiziellen Camps im Norden sind zu voll. Im Camp bei der Kleinstadt Subotica müssen Menschen in Zelten schlafen. Vier Inder wärmen sich vor dem Areal an einem Feuer. Die Nacht sei kalt gewesen, sagen sie. Wie genau die Situation im Camp ist, können wir nicht beurteilen. Der Einlass wird PULS 24 verwehrt, eine Anfrage im Vorhinein nicht beantwortet.

Gemischte Gefühle in Subotica

Über die schlammige Straße, die zum "Aufnahmezentrum" führt, fahren zahlreiche Taxis. Am Parkplatz warten sie auf Schutzsuchende, es ist ein Kommen und Gehen. Die Taxis werden für die kleinsten Wege gebraucht, das Camp liegt rund 3,5 Kilometer außerhalb des Zentrums inmitten von Feldern.

Balkanroute: Gefangen vor den Toren der EU

Eine PULS 24 Reportage aus Nordserbien.

Einer der Fahrer erzählt, er sei früher Lkw-Fahrer gewesen. Durch die langen Staus und die strengen Kontrollen an der Grenze zu Ungarn sei ihm das aber zu anstrengend geworden. Als Taxifahrer macht er im Zentrum Suboticas nur "ein kleines Geschäft", sagt er. Darum fahre er nun die Schutzsuchenden vom Camp ins Zentrum, wo sie einkaufen können. Freude hat er dabei aber nicht: "Sie haben nicht unsere Kultur", schimpft er.

Angekommen im Zentrum, am Hauptplatz von Subotica, einer Stadt mit rund 100.000 Einwohnern, bekommt man vom Leid, von der Gewalt in den umliegenden Wäldern und verlassenen Gebäuden wenig mit. Die Einwohner gehen einkaufen, sitzen in den zahlreichen Cafés in den herausgeputzten Jugendstilgebäuden.

Der Stadtplatz von SuboticaPULS 24 / Konstantin Auer

Am Stadtplatz von Subotica

Subotica, zu K.u.K.-Zeiten noch Maria-Theresiopolis genannt, ist die zweitgrößte Stadt der Wojwodina. Die Stadt ist nur zehn Kilometer von der ungarischen Grenze entfernt und multikulti wie kaum eine andere Stadt in Serbien. Hier leben die meisten selbstdeklarierten Jugoslawen neben Serben, Kroaten, Ungarn, Roma, Donauschwaben und Bunjewatzen.

Es gibt ein Franziskanerkloster, eine katholische Kathedrale, orthodoxe Kirchen und eine frisch renovierte Synagoge, eine der größten am Balkan. Es gibt Fachhochschulen und ein Industriezentrum. Hier produzieren unter anderem Swarovski und Siemens.

In letzter Zeit merke man weniger, sagt eine Frau, die am Hauptplatz gerade ihren Einkauf erledigt. "Es gab diese Schießerei, dann wurden sie umgesiedelt." Die Einwohner Suboticas seien aber wütend und hätten Angst, sagt sie.

Eine Frau in SuboticaPULS 24

"Die Einwohner sind auch schon geladen und haben Angst", sagt diese Frau in Subotica.

"Angst haben die Menschen schon, wirklich", meint auch eine ältere Dame, die gerade in ein Handygeschäft gehen will. Die Schießerei habe viel dazu beigetragen und es seien zu viele Schutzsuchende, sagt sie. "Sie sind bis hierhergekommen und jetzt? Sie sollten sich nicht hier so anhäufen".

Eine ältere Dame in SuboticaPULS 24

Ein Mann, der sich gerade mit einem Freund am Platz unterhält, sieht das anders: "Wir haben keine Probleme mit ihnen. Alles ist in Ordnung. Sie greifen niemanden an." Die Schutzsuchenden würden "ihrem Weg nachgehen" und ohnehin nicht in Serbien bleiben.

Ein Mann am Stadtplatz von SuboticaPULS 24

"Wir haben viele Migranten in Subotica. Wir haben keine Probleme mit ihnen", sagt dieser Mann.

Ein älterer Herr, der sein Fahrrad über den Platz schiebt, ist auch der Meinung: Eine "Sünde" sei es, dass die Polizei die Menschen "aufsammelt" und sie "einfach mitnimmt". Jemand, der vor dem Krieg flieht, sollte nicht "tyrannisiert" werden. Auch er weiß, dass die Flüchtlinge gar nicht Serbien bleiben wollen: "In Serbien haben sie auch nichts, die Bedingungen sind schlecht", meint er. "Sie lassen sie dort in Horgoš in Abbruchhäusern leben. Sie schlafen im Freien".

Ein Mann am Stadtplatz von Subotica.PULS 24

"Hier in Serbien bleiben sie nicht so einfach. In Serbien haben sie auch nichts, die Bedingungen sind schlecht", sagt dieser Mann.

Die Stimmung ist gekippt

Vertreter von Nichtregierungsorganisationen, die in Nordserbien Schutzsuchende versorgen oder beraten, schildern in Gesprächen mit PULS 24, dass die Stimmung gekippt sei. 2015 wären noch viele Bewohner der Grenzregion hilfsbereit gewesen. Subotica gilt innerhalb Serbiens als relativ liberal.

Doch je länger die Situation an der Grenze zu Ungarn ungelöst bleibt, desto schlechter würde die Stimmung werden. Die Schießerei heizte die Stimmung zusätzlich an. Nicht alle unterscheiden zwischen Schutzsuchenden und Schleppern. Rechtsextreme Gruppierungen würden die Situation ausnutzen, sagt etwa Nikola Popović, Rechtsberater bei HCIT, einer serbischen Partnerorganisation von UNHCR, dem Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen. Es habe schon Demonstrationen gegeben, in den sozialen Medien würden Lügen kursieren.

Anrainer hätten Flüchtlingshelfer deswegen schon kritisiert, dass sie Geld an die Schutzsuchenden verteilen würden, was nicht stimmt. Während des Höhepunkts der Corona-Pandemie hieß es, Ausgangssperren würde es nur geben, damit Migranten angesiedelt werden können. "Es findet sich immer wer, der das glaubt", sagt Popović.

Vučić vertritt seine eigenen Interessen

"SNS verkauft Serbien an Migranten", ist als Graffiti bei der Ortseinfahrt nach Sombor zu lesen. SNS ist die Serbische Fortschrittspartei von Präsident Aleksandar Vučić. Der verfolgt in Sachen Migration vor allem seine eigenen Interessen.

Während sich Vučić, der Serbien immer autoritärer regiert, als Ungarn 2015 den Zaun an der Grenze baute, noch "schockiert" zeigte, gibt er nun gemeinsam mit Viktor Orbán und Karl Nehammer den Hardliner. Sein ehemaliger Innenminister und nunmehrige Chef des Geheimdienstes, Aleksandar Vulin, bezeichnete Flüchtlinge schon als "Abschaum" und ließ im Sommer in der Nähe von Subotica zahlreiche Schutzsuchende verhaften. Sie mussten sich in Gras setzen und ihre Arme hinter dem Kopf verschränken, umstellt wurden sie von einer schwer bewaffneten Antiterroreinheit.

Berichte gibt es auch über das brutale Vorgehen der serbischen Polizei an der Südgrenze. Dorthin, an die Grenze zu Nordmazedonien, wollen Vučić, Orbán und Nehammer nun die "Verteidigungslinie" verlegen.

Die serbische Regierung betonte immer wieder, dass man nicht "der Parkplatz" für Schutzsuchende werden wolle. Dass sich Schutzsuchende registrieren oder gar einen Asylantrag im Land stellen, scheint nicht erwünscht. Nur 175 Menschen stellten im Jahr 2021 laut UNHCR Asylanträge in Serbien. 76 Prozent wurden abgelehnt. Im November verzeichneten die EU-Staaten rund 27.000 irreguläre Grenzübertritte, 15 Prozent mehr als im gleichen Monat 2021. Der westliche Balkan sei nach wie vor die aktivste Migrationsroute.

Geschenke in der Kosovo-Frage

Dazu kommt, dass Vučić Staaten, die den Kosovo nicht als eigenen Staat anerkennen, mit Visa-Erleichterungen belohnte. So kamen etwa Menschen aus Indien, Burundi, Tunesien und Guinea-Bissau über Belgrad in die EU. Nach Druck aus der EU wurde die Visafreiheit für Tunesier und Burunder mittlerweile gestoppt, Indien soll im Jänner folgen.

Dass das die Situation in Serbien verändern wird, glauben hier die wenigsten. Die Personen, die nach der Schießerei in den Süden gebracht wurden, könnten schon bald wieder in Richtung Norden aufbrechen. So sei das auch in der Vergangenheit passiert, sagen Vertreter von Nichtregierungsorganisationen. 

Man wisse gar nicht, wem man die Schuld an der Situation geben sollte: Serbien, der EU oder Ungarn, sagt Nikola Popović. Auch am Stadtplatz in Subotica ist man sich da nicht sicher: "Wer das regeln könnte, damit es in Ordnung wird, weiß ich nicht", sagt die Frau vor dem Handyshop. "Es ist definitiv niemandem egal, seine Heimat zu verlassen, seine Stadt oder sein Dorf. Das liegt nicht an uns. Das sind Sachen, die wir nicht beeinflussen können. Die Leute bemühen sich, mit der Situation hier klarzukommen", sagt eine andere. Es ist eine Situation, in der es keine Gewinner gibt - weder die Schutzsuchenden, noch die EU, noch die Einwohner der Grenzregion.

Konstantin Auer, Aida MujanovicQuelle: Redaktion / koa