Abdalrhman AlkhlafPULS 24 / zVg

Flüchtlingswelle 2015

10 Jahre nach der Flucht: Altenbetreuer und Staatsbürger

Heute, 09:17 · Lesedauer 5 min

Vor 10 Jahren, im Jahr 2015, kamen Tausende Geflüchtete nach Österreich. Der heute 32-jährige "Abd" kam damals aus Syrien, heute ist er Staatsbürger und arbeitet in einem Pflegeheim. Er erzählt, wie ihm das gelang und wie schwierig sein Weg war.

Das Erste, das Abdalrhman Alkhlaf, der sich meist als "Abd" vorstellt, sah, als er im Mai 2015 nach Österreich kam, waren Windräder. 

Er saß mit zwei weiteren Männern im Kofferraum eines Schleppers. 12 Personen waren insgesamt in dem Auto, das ihn über die Grenze von Ungarn brachte. 

Als plötzlich Blaulichter hinter dem Auto auftauchten, gab der Schlepper Gas, nur um später abrupt abzubremsen – die Polizei raste vorbei. Sechs der Geflüchteten konnten so in einen nahen Wald entkommen. "Abd" war einer von ihnen.

"Ich dachte, Österreich sei ein Ort in Ungarn"

"Ich dachte, Österreich sei ein Ort in Ungarn", erklärt er die anfängliche Angst, aufgehalten zu werden. Heute lacht er darüber. 

Zehn Jahre später erinnert sich der gebürtige Syrer noch genau, wie die Geflüchteten – wahrscheinlich irgendwo im Burgenland – im Gebüsch ausharrten, bis sie von einem Hubschrauber und Hunden aufgespürt wurden.

Abdalrhman AlkhlafPULS 24 / zVg

Abdalrhman Alkhlaf abei einer Pause während der Flucht.

Die Polizisten hätten ihn aufgeklärt, dass er nicht mehr in Ungarn sei und dass er nicht einfach nach Schweden weiterreisen dürfe, wo er Verwandte hat.

Die Beamten kauften Pizza und Cola für die Geflüchteten, die zu diesem Zeitpunkt zwei Tage nicht gegessen hatten. Da hat "Abd" akzeptiert, dass er nicht weiterdarf und fühlte sich willkommen. "Alle waren freundlich und nett."

Nun, zehn Jahre später, ist der heute 32-Jährige österreichischer Staatsbürger. Nach Schweden will er heute nicht mehr, dort müsste er "wieder bei null anfangen", sagt er. 

 "Man wollte mich zwingen, gegen Brüder zu kämpfen"

Bei null angefangen hat Abdalrhman Alkhlaf in seinem Leben schon oft. Er wurde in Homs geboren, das im Bürgerkrieg vollkommen zerstört wurde. Auf Fotos auf seinem Handy zeigt er die Ruinen. 

Die Familie ging zunächst nach Damaskus, flüchtete dann in den Libanon. Dort wohnte sie in einem Gebiet, das von der islamistischen Hisbollah kontrolliert wurde. Es herrschte Chaos, sagt Abdalrhman heute. 

Als sein Vater dort bei einem Arbeitsunfall starb, ging die Familie zurück nach Syrien. Obwohl "Abd" studierte, sollte er dort zum Militär eingezogen werden. "Man wollte mich zwingen, gegen Brüder zu kämpfen", sagt er. Er floh in die Türkei.

Dort arbeitete er einige Monate als Maurer für 5 bis 6 Euro am Tag, die er dann für die Miete in einem Zimmer mit 12 anderen Personen ausgab. Die Familie beschloss, ihm mit der Lebensversicherung des Vaters die Flucht nach Europa zu ermöglichen. 

Als Nichtschwimmer stieg er auf ein klappriges Schlauchboot in Richtung Griechenland. Der Rettungsreifen wurde ihm gestohlen, das Boot wurde glücklicherweise erst am Ziel kaputt. "Da waren auch Frauen und Kinder", erinnert er sich an die bangen Stunden.

Abdalrhman AlkhlafPULS 24 / zVg

"Abd" als Friseur.

Über die Balkanroute kam er schließlich nach Österreich, zunächst nach Traiskirchen, dann nach mehreren Zwischenstationen in ein Geflüchtetenquartier im oberösterreichischen Frankenmarkt. 

2016 bekam "Abd" Asyl – als einer der ersten im Heim. Er zog aus und ging nach Wien, wo er zunächst in einem Barbershop arbeitete, später machte er selbst einen auf. Heute arbeitet er in einem Pflegeheim und unterstützt die Senior:innen in ihrem Alltag, hilft ihnen beim Aufstehen, beim Anziehen und bei den Medikamenten. Momentan macht er die Ausbildung zum Heimhelfer. 

"Danke! Guten Tag! Und Mahlzeit!"

"Am Anfang wusste ich nicht, was ich mache sollte – ich hatte keine Freunde, keine Wohnung, keine Arbeit", sagt er. Die größte Herausforderung war für ihn die Sprache: "Ich wollte erklären, wie ich mich fühle, aber ich konnte es nicht." Seine ersten Worte auf Deutsch waren: "Danke! Guten Tag! Und Mahlzeit!", erinnert er sich. 

Für die B1- und B2-Prüfungen brauchte er ein paar Anläufe, wie auch für den Führerschein. "Die Sprache macht mich fertig", sagt er. "Aber ich bin ein Kämpfer, ich bin motiviert. Wenn etwas heute nicht klappt, dann eben morgen."

Die Prüfung über die österreichische Geschichte, die er für die Staatsbürgerschaft machen musste, sei hingegen kein Problem gewesen. Die Staatsbürgerschaft wurde ihm im Vorjahr verliehen. 

Abdalrhman sagt, dass er dankbar sei, dass Österreich ihm "Freiheit gegeben" habe, dass es hier "viele Möglichkeiten" gebe. Nicht ohne Stolz sagt er, dass er nur wenige Monate Sozialleistungen vom Staat bekommen habe. 

Ihm hätten immer wieder auch Freiwillige geholfen, welchen er ebenfalls dankbar sei. Etwa beim Erlernen der Sprache, bei der Wohnungs- und Jobsuche. Er hoffe, dass er das eines Tages zurückgeben könne. 

Papierkram und Sorgen über Kleinigkeiten

Zwei Dinge stoßen bei ihm in Österreich allerdings auf ein wenig Unverständnis: Der viele Papierkram und: "Die Österreicher machen sich über alle Kleinigkeiten große Sorgen. Wir sind froh, wenn die Familie zu essen hat."

Seit "Abd" in Österreich ist, konnte er seine Mutter in der Türkei und in Ägypten treffen. Bald wolle er sie erstmals in Damaskus besuchen, erzählt er. Die Situation hat sich geändert: Diktator Assad ist nach Russland geflohen. 

Ob er überlege, jemals zurückzukehren? "Mal schauen, wie sich das Land wirklich entwickelt …" Auch in Syrien müsste er wieder bei null anfangen. 

Momentan sei er einfach froh, hier zu sein: "Ich hoffe, dass wir Österreich nicht zur Last fallen, dass wir einen guten Eindruck hinterlassen", sagt er. 

Zusammenfassung
  • Vor 10 Jahren, im Jahr 2015, kamen Tausende Geflüchtete nach Österreich.
  • Der heute 32-jährige "Abd" kam damals aus Syrien, heute ist er Staatsbürger und arbeitet in einem Pflegeheim.
  • Er erzählt, wie ihm das gelang und wie schwierig sein Weg war.