Fall Kellermayr schlägt im Ausland Wellen - Nehammer reagiert spät

02. Aug. 2022 · Lesedauer 5 min

Die deutschen Entertainer Joko Winterscheidt (43) und Klaas Heufer-Umlauf (38) haben an die österreichische Ärztin Lisa-Maria Kellermayr erinnert, die am Freitag Suizid beging. Auch deutsche Politiker äußerten sich - nun äußerte sich erstmals auch der österreichische Bundeskanzler.

Die deutschen Entertainer Joko Winterscheidt (43) und Klaas Heufer-Umlauf (38) widmeten ihre ProSieben-Sendung "Wer stiehlt mir die Show?" ihrer "langjährigen Wegbegleiterin", wie es zum Beginn der Show am Dienstagabend hieß. Kellermayr hatte sich im Kampf gegen Corona engagiert und war im Internet zum Hass-Objekt von Impfgegnern geworden. Der Suizid der 36-Jährigen vor wenigen Tagen hat die Debatte über Hass im Netz neu angefacht.

Joko und Klaas: Kellermayr oft zu Gast in Sendungen

Die Ärztin sei oft Gast in den Sendungen von Joko und Klaas gewesen, hieß es in dem auch bei Instagram veröffentlichten Beitrag der beiden Entertainer. Während der Corona-Pandemie sei sie engagiert "für die Notwendigkeit der Impfung" eingetreten und somit ins Visier von radikalen Corona-Leugnern und sogenannten Querdenkern geraten.

"Dr. Lisa-Maria Kellermayr war oft zu Gast in unseren Sendungen, kannte jede unserer Shows und nahm sich Urlaub, um unsere Produktionen besuchen zu können. Urlaub von ihrem Beruf als Ärztin in Österreich. Während der Covid-19-Pandemie tritt sie engagiert für die Notwendigkeit der Impfung ein. ... und gerät damit ins Visier von radikalen Coronaleugnern und 'Querdenkern'", hieß es in dem Gedenktext.

Auch Minister und Ärzte bestürzt

Auch Politiker und Ärzte in Deutschland haben sich über den Suizid von Kellermayr bestürzt gezeigt. Im Fokus steht dabei der Hass im Internet. "Jeden Tag wird in den sozialen Netzwerken zu Gewalt gegen mich aufgerufen", sagte Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

"Leute rufen regelmäßig - teilweise sogar mit Klarnamen - zu meiner Ermordung auf." Er werde deswegen besonders gut geschützt. "Die österreichische Kollegin dagegen musste den Schutz selbst bezahlen und konnte sich das nicht mehr leisten." Er verachte und verabscheue die Hetzer im Netz, die diese Frau in den Tod getrieben hätten.

Der Präsident der deutschen Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, meinte in der "Welt", der Tod der Ärztin führe "drastisch vor Augen, wohin die Verrohung des gesellschaftlichen Klimas führen kann". Auch in Deutschland sinke die Hemmschwelle. Ärztinnen und Ärzte erhielten Drohbriefe, würden verbal und körperlich angegriffen.

"Die Polizei muss angesichts der besorgniserregenden Zunahme digitaler Straftaten zügig handeln", forderte Jörg Radek, stellvertretender Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, in der Zeitung. Es fehle aber an entsprechenden Ressourcen, personell wie bei der Ausstattung.

Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken rief die Menschen dazu auf, Opfern von psychischer Gewalt beizustehen. Gerade Frauen seien häufig betroffen, sagte sie dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). "Im Kampf gegen diese Form der Gewalt müssen wir noch durchsetzungsfähiger werden."

Während sich in Deutschland etliche hochrangige Politiker klar äußerten, war in Österreich bis auf den Gesundheitsminister auch fünf Tage nach dem Tod nur Schweigen der Bundesregierung zu vernehmen. Erst am Mittwochnachmittag äußerte sich Bundeskanzler Karl Nehammer in einer schriftlichen Stellungnahme. 

Er hat den Angehörigen, Freunden und Patienten der verstorbenen Ärztin Lisa-Maria Kellermayr sein Mitgefühl ausgesprochen. "Wichtig ist, dass die Behörden weiter ermitteln, um jene auszuforschen, die Frau Dr. Kellermayr bedroht haben", betonte er in einer der APA übermittelten Stellungnahme, "Hass im Netz und persönliche Bedrohungen haben keinen Platz in unserer Gesellschaft".

"Es ist schrecklich, wenn ein Mensch aufgrund von Hass und persönlichen Bedrohungen keinen anderen Weg mehr sieht, als seinem Leben ein Ende zu setzen", so der Bundeskanzler weiter. Er begrüßte, dass "nun eine Obduktion stattgefunden hat, um Klarheit über die Umstände ihres Todes zu schaffen".

In Österreich rief Bundespräsident Alexander van der Bellen noch am Todestag Kellermayrs zu einem Ende des Hasses auf, legte sogar vor der Praxis in Seewalchen Blumen nieder. Auch Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne) kondolierte per Twitter. Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) und SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner zeigten sich ebenfalls betroffen.

Andere aus der ersten Reihe blieben allerdings lange Still: Weder Innenminister Gerhard Karner oder der oberösterreichische Landeshauptmann Thomas Stelzer (alle ÖVP) meldeten sich aktiv zu Wort. Einzig die oberösterreichische Gesundheitsreferentin LHStv. Christine Haberlander (ÖVP) bekundete in einer Aussendung nicht nur ihr Beileid, sondern forderte auch die Möglichkeit grenzüberschreitender Strafverfolgung für Hass-Delikte. Darüber hinaus gab es aber keine Wortspenden von Politikern in Regierungsfunktionen und keine Teilnahme an den zahlreichen Mahnwachen.

Stelzer sagte dann auf Anfrage gegenüber "Der Standard", er wisse zwar, dass es "schwierig ist für die Behörden, weil sich viele Radikale unter dem Deckmantel der Anonymität verstecken, aber da würde ich mir teilweise schon ein härteres und schnelleres Vorgehen erwarten".

Polizei weist Vorwürfe von sich

Polizei und Staatsanwaltschaft, die vor allem in Sozialen Medien heftig in der Kritik stehen, sie hätten zu wenig ermittelt bzw. Kellermayr zu wenig Schutz und Unterstützung geboten, wollen sich nicht konkret zu diesen Vorwürfen äußern. Man habe getan, was in dem Fall möglich war, hieß es. Das sagt auch die Oö. Ärztekammer, die der Ärztin - wie die Landespolizeidirektion Oberösterreich - zu mehr Zurückhaltung in der Diskussion geraten hatte. Außerdem wurde ihr von einem Funktionär mitgeteilt, dass ein Nachfolger für die Kassenarztpraxis schnell gefunden werde.

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Quelle: Agenturen / Redaktion / ddj / hos