Trauer und Bestürzung nach Tod von bedrohter Ärztin

29. Juli 2022 · Lesedauer 6 min

Die oberösterreichische Ärztin Lisa-Maria Kellermayr, die zuletzt wegen Morddrohungen von Impfgegnern ihre Praxis geschlossen hat, ist am Freitag tot in ihrer Ordination aufgefunden worden. Österreichweit trauern Menschen um die bekannte Medizinerin, in mehreren Städten wurden Trauerveranstaltungen angekündigt. Der Bundespräsident ruft zum Zusammenhalt auf.

Die Bestürzung nach dem Tod der bekannten Ärztin aus Oberösterreich ist groß. Am Freitagnachmittag haben sich Trauernde vor dem Gesundheitsministerium in Wien versammelt, um der verstorbenen Ärztin zu gedenken. Sie stellten dort Kerzen auf und hinterließen Briefe.

Am Montag ist zudem eine Gedenkveranstaltung für Kellermayr in Wien geplant. Daniel Landau, Organisator und Initiator von #YesWeCare, gab auf Twitter bekannt, eine Veranstaltung für 20 Uhr am Stephansplatz angemeldet zu haben. Auch in Wels, Linz und Graz sind ähnliche Veranstaltungen angekündigt.

 

Bundespräsident ruft zu Zusammenhalt auf

"Gestern Nacht hat eine engagierte Frau entschieden, nicht mehr weiterleben zu wollen", schreibt Bundespräsident Alexander Van der Bellen auf Twitter.

"Sie ist als Ärztin dafür eingestanden, Menschen zu heilen und vor Krankheiten zu beschützen. Sie hat sich für die Wissenschaft stark gemacht. Für Impfungen und für einen vorsichtigen Umgang mit der Pandemie. Aber manche Menschen hat das in Wut versetzt. Und diese Menschen haben ihr Angst gemacht, sie bedroht, zuerst im Internet und dann auch persönlich, direkt in ihrer Praxis. Beenden wir dieses Einschüchtern und Angst machen. Hass und Intoleranz haben in unserem Österreich keinen Platz. Finden wir am Ende immer einen Weg, friedlich miteinander zu leben. Stärken wir den Zusammenhalt", so der Bundespräsident.

Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne), dessen Rücktritt die Ärztin vor zwei Tagen noch gefordert hatte, reagierte ebenfalls bestürzt auf die Nachricht vom Tod Kellermayrs: Sie habe "ihr Leben der Gesundheit und dem Wohlergehen anderer gewidmet. Morddrohungen gegen sie und ihre Mitarbeitenden waren brutale Realität. Hass gegen Menschen ist unentschuldbar. Dieser Hass muss endlich aufhören", schrieb er auf Twitter. 

Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) reagierte ebenfalls per Tweet auf den Tod der Ärztin, dieser zeige uns, "dass wir Hass und Intoleranz in unserer Gesellschaft keinen Raum geben dürfen. Das respektvolle Miteinander und der soziale Zusammenhalt müssen einmal mehr angesichts dieses tragischen Ereignisses im Vordergrund stehen."

"Ohne die Umstände näher zu kennen, macht mich der Tod der Ärztin Lisa-Maria Kellermayr tief betroffen. Meine Gedanken sind bei ihrer Familie", schreibt SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner.

"Zutiefst schockiert" zeigt sich auch die Österreichische Ärztekammer von der Nachricht des Ablebens der Kollegin. Dieses tragische Ereignis würde in erschreckender Weise zeigen, welche Folgen Hass im Netz haben können, so Ärztekammerpräsident Johannes Steinhart in einer Aussendung. Schon seit Längerem sei das medizinische Personal in Spitälern und Ordinationen einer stetig steigenden Gewalt ausgesetzt.

Ärztekammer fordert Schutz

Der aktuelle tragische Fall zeige einmal mehr die Notwendigkeit von Unterstützung für die im Gesundheitswesen Tätigen, sowohl was den direkten Schutz betrifft als auch Angebote von Supervision und Krisenbewältigung im Falle von Bedrohungen. "Unsere Gedanken sind jetzt bei den Angehörigen und Freunden der Kollegin, denen ich namens der österreichischen Ärzteschaft meine tief empfundene Anteilnahme ausspreche", so Steinhart.

"Traurig und fassungslos"

Die oberösterreichische Gesundheitslandesrätin LHStv. Christine Haberlander (ÖVP) bekundete in einer Aussendung nicht nur ihr Beileid, sondern forderte auch rasche Schritte, "denn Hass, Intoleranz und Gewalt sind nie die Antwort, sondern stets die hässliche Seite der Gesellschaft. In einem vereinten Europa sollte auch eine Strafverfolgung für Delikte dieser Art grenzüberschreitend möglich sein. Vielmehr noch, sie müssen möglich sein".

"Ich bin traurig & fassungslos über das Ableben von Fr. Dr. Kellermayr. Ihre Hingabe für den Arztberuf & die Kraft, die sie zuletzt aufbringen musste, beeindruckten mich zutiefst. Gleichzeitig bin ich beschämt über alle, die nicht nur tatenlos zusahen, sondern Öl ins Feuer gossen", schreibt der Arzt und Musiker Marco Pogo. 

Massiven Bedrohungen ausgesetzt

Am Freitag hatten zunächst die "Oberösterreichischen Nachrichten" über den Tod von Lisa-Maria Kellermayr berichtet. Die Ärztin aus Seewalchen sprach sich öffentlich immer wieder für die Corona-Schutzimpfung und deren Wirksamkeit aus. Zudem berichtete sie wiederholt öffentlich über aktuelle Erkenntnisse im Umgang mit Covid-19 aus ihrer Praxis. Von Gegnern der Corona-Maßnahmen und der Impfung, aber auch aus der rechtsextremen Szene wurde sie deshalb bereits seit Monaten belästigt und bedroht.

Kellermayr hatte auch gegenüber PULS 24 berichtet, dass sie immer wieder auch Morddrohungen "aus der Covid-Maßnahmengegner- und Impfgegner-Szene" ausgesetzt gewesen sei. Sie habe rund 100.000 Euro für Schutzmaßnahmen ausgegeben, sagte sie. 

Die Polizei leitete zwar Ermittlungen gegen unbekannte Täter ein - bisher wurden diese allerdings nicht ausfindig gemacht. Die Polizei ließ die Ordination bestreifen - sicher fühlte sich die Ärztin dadurch nicht. Die Staatsanwaltschaft Wels hatte im Juni das Ermittlungsverfahren gegen einen deutschen Verdächtigen eingestellt - mit der Begründung, man sei nicht zuständig, sondern deutsche Behörden. Eine Hacker-Aktivistin machte allerdings zwei Deutsche ausfindig, die Droh-E-Mails verfasst haben sollen.

Ordination geschlossen

Zu der Zeit schloss Kellermayr ihre Ordination zunächst vorübergehend, schließlich verkündete sie die endgültige Schließung. Man könne Arbeitsbedingungen "wie wir sie die letzten Monate erlebt haben", niemandem zumuten, begründete sie den Schritt.

Am Freitag wurde die Ärztin in der Ordination tot aufgefunden, die Polizei schließt Fremdverschulden aus. Die Staatsanwaltschaft Wels geht von Suizid aus, man habe mehrere Abschiedsbriefe gefunden, über deren Inhalt man nicht sprechen wolle. Eine Obduktion wurde nicht angeordnet. 

Vorwürfe gegen die Polizei

Die Journalistin Ingrid Brodnig twitterte neben Beileidswünschen: "Auch die Exekutive soll das eigene Handeln oder Nicht-Handeln in diesem Fall aufklären müssen."

Die Polizei war im Zuge der Ermittlungen in die Kritik geraten, zu wenig getan zu haben. Ein Sprecher der Landespolizeidirektion Oberösterreich wies dies gegenüber der APA zurück: Man sei seit November in ständigem Austausch mit der Ärztin gewesen und habe versucht, ihr Schutz zu bieten. Man habe "alles getan, was möglich ist", sowohl was Sicherheit als auch was die Ermittlungen betreffe. Letztere seien noch im Laufen.

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Quelle: Agenturen / Redaktion / koa