APA - Austria Presse Agentur

Cybergrooming und -mobbing: "Jeder kann zum Opfer werden"

02. Sept 2021 · Lesedauer 5 min

Cybermobbing und Cybergrooming sind für viele Kinder traurige Realität. Jeder vierte Jugendliche ist schon einmal Opfer von sexueller Belästigung in Online-Chats geworden oder von Cybermobbing betroffen gewesen. Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier klärt im PULS 24 Interview auf, was man unter diesen Begriffen versteht und wie man sich davor schützen kann.

Rund ein Viertel der unter 18-Jährigen haben bereits Erfahrungen mit Cybergrooming gesammelt, das zeigt eine repräsentative Studie des Instituts für Jugendkulturforschung aus dem Jahr 2018. Ebenso haben ein Viertel der Befragten angegeben, schon mal von Cybermobbing betroffen gewesen zu sein. Für Bernhard Heinzlmaier, Jugendforscher und Mitbegründer des Instituts für Jugendkulturforschung seien diese Zahlen "bestürzend".

Dennoch seien diese Themen nach wie vor mit einem Tabu besetzt. Dabei sei gerade die offene Kommunikation eine wichtige Präventionsmaßnahme, sagt der Jugendforscher.

"Prinzipiell ist es wichtig bei all diesen Dingen regelmäßig darüber zu sprechen und offen zu sein", meint Heinzelmaier im PULS 24 Interview. Besonders beim Thema Cybergrooming sei es wichtig, dass Sexualität nicht tabuisiert wird. Wenn diese Themen für das Kind peinlich sind, dann werde es auch nicht auf die Eltern zugehen, erklärt der Experte.

Auch Lehrer seien "ganz wichtige Vertrauenspersonen". Generell rät Heinzlmaier aber zu professioneller Hilfe, wie etwa die Kinder- und Jugendanwaltschaft in Wien. Diese können helfen, wann auch immer Eltern das Gefühl haben das Thema nicht allein bewältigen zu können.

Diese Stellen können helfen:

Cybergrooming: Mädchen "überdurchschnittlich betroffen"

Beim sogenannten Cybergrooming – der sexuellen Belästigung im virtuellen Raum – werden die Kinder von den Tätern aus der Öffentlichkeit herausgezogen, "um sie für sich zu haben. Der Missbrauch findet daher abseits der Öffentlichkeit statt", sagt Heinzlmaier. Dabei passiert der Missbrauch selbst zumeist nur online – zu einem Treffen zwischen Täter und Opfer kommt es hier nur selten.

Laut dem Experten sind vor allem Mädchen von dieser Art der sexuellen Belästigung betroffen – nämlich 40 Prozent der Studienteilnehmer. Bei den Buben sollen bereits 15 Prozent der Befragten solche "unguten Erlebnisse" gehabt haben.

Laut Heinzlmaier liege dieses asymmetrische Verhältnis zum einen an den klassischen Rollenbildern und zum anderen an der Kommunikation. Die jungen Männer würden "eher versuchen das mit sich selbst auszumachen", sagt der Jugendforscher. Sie würden "nicht so offen darüber sprechen. Mädchen sind zudem früher in der Lage zu abstrahieren, vom Konkreten ins Allgemeine zu gehen und prinzipiell ihr Innenleben auszudrücken".

In einem PULS 4 Spezial diskutieren Experten und Betroffene über Cybergrooming und -mobbing.

Kontaktaufnahme via online Chats

Die Cybergroomer kommen über die sozialen Netzwerke - wie etwa WhatsApp, Instagram, Snapchat bis hin zu Facebook – mit den Kindern in Kontakt. "Großer Schwerpunkt sin auch Computer-Games, vor allem die Chatfunktionen in den Spielen", erklärt der Experte im Interview. Daher sei es wichtig, dass Eltern "sich die Zeit nehmen ab und an mit dem Kind das auch gemeinsam zu machen und sich die Funktionen auch erklären zu lassen", sagt Heinzlmaier.

In ihrem Online-Experiment berichtet PULS 4 Reporterin Claudia Sandler über ein Computerspiel, in dem Kinder häufig sexuell belästigt werden.

Die Täter seien laut dem Jugendforscher meist fremde Personen. "Die Anbahnung erfolgt meistens über gemeinsame, persönliche Interessen, die der Täter meist mit dem Kind teilt oder so tut, als würde man sie teilen", erklärt er gegenüber PULS 24. Ziel sei es das Vertrauen der Jugendlichen zu gewinnen. Dann ändert sich das Gesprächsthema: Der Täter spricht sexuelle Themen an, fragt die Kinder nach Nacktfotos oder schicken diese selbst zu.

"Die meisten wehren diese Aktionen ab", so Heinzlmaier. Herrscht jedoch ein Mangel an Zuwendung durch die Eltern, "kompensieren die Kinder das in den sozialen Medien. Das ist die gefährlichste Voraussetzung. Dadurch öffnet sich einfach die Tür für Leute, die versuchen, sich in die Gefühlswelt der Jugendliche einzuschleichen".

"Jeder kann zum Opfer werden"

Im Gegensatz zum Cybergrooming, findet Cybermobbing über die Öffentlichkeit statt. "Da drangsaliert man jemanden mit totaler Transparenz", erklärt der Experte. Dennoch müsse man hier differenzieren, denn nicht alles sei gleich Mobbing. "Wenn einer einen blöden Spruch ablässt, wie etwa: Du bis blöd. Dann hat das noch nichts mit Mobbing zu tun. Die Qualität ist die Nachhaltigkeit", führt er weiter aus.

Typisch für Mobbing ist, dass sich die verbalen Angriffe steigern und häufen, bis das Opfer "ständig damit konfrontiert ist". Online äußert sich die über respektlosen Äußerungen oder Beleidigungen auf allen Kanälen, bis hin zum "klassischen Nacktfoto, das wirklich überall ist und von dem alle wissen". Die Folgen reichen von Depressionen bis hin zu suizidären Gedanken.

Michaela Horn setzt sich gegen Mobbing ein. Horns Sohn hat sich mit 13 Jahren aufgrund von Cybermobbing das Leben genommen.

Die Studie des Instituts für Jugendkulturforschung zeigt, das Cybermobbing "häufig was mit der Schule zu tun hat. Die Schule ist die wichtigste soziale Einrichtung. Hier entstehen Freundschaften und kommen Gleichaltrige zusammen. As diesen Gruppen heraus entsteht Mobbing", so der Mitbegründer des Instituts.

Daher sei es wichtig auch in den Schulen Präventionsmaßnahmen zu setzen und Aufklärungsarbeit zu betreiben. Eltern sollten auch auf das Verhalten ihrer Kinder achten: "Wenn das Kind eine Krankheit vortäuscht, still wird oder Angst hat in die Schule zu gehen. Dann sind das meistens Alarmzeichen". Man sollen auf jeden Fall sich auf die Seite des Mobbingopfers stellen, denn diese würden sich oftmals allein fühlen.

Laut Heinzlmaier sei es wichtig zu verstehen, dass "jeder zum Opfer werden kann. Vor allem durch die sozialen Medien, wo jeder Zugriff hat und über Teil-Öffentlichkeit verfügt".

Angela PerkonigQuelle: Redaktion / pea