Varoufakis über Inflation: Geringe Investitionen als "Krebsgeschwür"

14. Juni 2022 · Lesedauer 3 min

Yanis Varoufakis, ehemaliger griechischer Finanzminister, sieht "geringe Investitionen" der Vergangenheit als Hauptursache für die aktuell hohe Inflationsrate. Am Krieg in der Ukraine gibt er dem Westen eine Teilschuld - dieser habe "die Bedingungen" für einen Einmarsch geschaffen.

Den Ausgangspunkt für die aktuelle wirtschaftliche Krise – inklusive monatlich neuen Inflations-Rekorden – sieht Yanis Varoufakis, ehemaliger griechischer Finanzminister und Wirtschaftswissenschaftler, weder im Krieg in der Ukraine noch in der COVID-19-Pandemie. Vielmehr habe es seit der Finanzkrise 2008 "dreizehn vergeudete Jahre" gegeben.

Laut Varoufakis habe die Finanzpolitik der letzten Jahre wenig richtig gemacht. Der Wirtschaftswissenschaftler meint, dass man den Zentralbanken als Aufgabe gegeben hätte "Geld zu drucken". Dieses wurde an "Banker" weitergeben "in der Hoffnung, dass dieses Geld zu den Unternehmen durchsickern würde", welche dann in "Dinge investieren" würden, welche wichtig für die Gesellschaft seien. "Das ist nie geschehen", meint Varoufakis.

Globaler Kapitalismus als "kranker Patient"

Corona und Ukraine haben die schon triste Situation nur noch verschlimmert. " COVID-19 und Wladimir Putin waren also die Funken, die die Bombe zündeten, die wir 13 Jahre lang gebaut haben – um hier eine schreckliche Analogie aus dem Krieg zu verwenden", so der ehemalige Finanzminister.

Er sehe zwar nicht, dass wir auf eine Art Zusammenbruch des globalen Wirtschaftssystems zusteuern würden. Allerdings würde man den "Patienten" (den globalen Kapitalismus) und die "Nahtoterfahrung" von 2008 falsch behandelt. Man habe mithilfe des Zentralbankgelds "den Patienten ruhiggestellt" – "das Krebsgeschwür" – nämlich zu geringe Investitionen in das Gesundheitssystem, Bildung, den Energiewandel, usw. – habe allerdings "unter der Haut weitergearbeitet".

Russland "gedemütigt" 

Angesprochen auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine, meint Varoufakis, dass man "nicht ernsthaft sagen" kann, dass es "die Schuld der NATO war, dass Wladimir Putin" dort einmarschiert sei. Putin hätte die Wahl gehabt.

Varoufakis sieht allerdings auch, dass vor allem in den 1990er Jahren "die USA und die NATO das russische Volk" gedemütigt hätten. Für den ehemaligen Finanzminister habe man Russland aktiv verboten "sich dem Westen anzuschließen" und die damalige "sehr liberale, progressive Regierung (…) in den Bankrott getrieben".

Für Varoufakis haben die Entscheidungen des Westens also "die Umstände" geschaffen, welche den Einmarsch Russlands überhaupt erst ermöglicht hätten. Er möchte allerdings betonen, dass er sich selbst von Anfang an als Putin-Kritiker versteht.

Karfreitagsabkommen für den Donbass?

Der ehemalige Minister sieht selbst nur eine Möglichkeit, um den Konflikt beenden zu können: Die USA müssen gemeinsam mit der EU Selenskyj und Putin an einen Verhandlungstisch bringen. Die russischen Truppen müssten sich im Gegenzug für eine neutrale Ukraine zurückziehen. Investitionen für die Region müssen versprochen werden und eine "Lösung für das Donbass-Gebiet" gefunden werden. Varoufakis verweist hierbei auf das Karfreitagsabkommen um Nordirland. Dieses habe auf den britischen Inseln lange Zeit für Frieden gesorgt.

Das gesamte Interview als Transkript auf Deutsch und Englisch finden Sie hier: 

Jan ForoboskoQuelle: Redaktion / foj