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Teuerung: Was tun, wenn das Geld ausgeht?

22. Aug. 2022 · Lesedauer 4 min

Mit Pandemie und Teuerung kam für viele auch die finanzielle Not. Wenn Banken, Freunde und Bekannte nicht mehr helfen und Kredite nicht mehr zurückbezahlt werden können, ist die Schuldenberatung oft die erste Anlaufstelle. Doch was passiert dort eigentlich?

Die Teuerung ist für immer mehr Menschen "akut existenzbedrohend", warnte die österreichische Schuldnerberatung vergangene Woche. Im ersten Halbjahr 2022 stieg die Zahl der Erstkontakte bei der Beratungseinrichtung im Vergleich zum Vorjahr um 10,5 Prozent. Im selben Zeitraum wurden rund 34 Prozent mehr Privatkonkurse eröffnet. PULS 24 hat nachgefragt, wie die Schuldenberatung Betroffenen helfen kann.

Wann soll man spätestens zur Schuldenberatung?

"Immer, wenn es zu Problemen kommt", sagt Clemens Mitterlehner, Geschäftsführer der ASB Schuldenberatungen GmbH, im PULS 24 Interview. Steht etwa eine Exekution bevor, könne diese vielleicht - und auch der Privatkonkurs abgewendet werden. Gleichzeitig betont Mitterlehner: "Zu spät ist es nie". Die meisten würden "Jahre unter einer drückenden Situation" leben, bevor sie Hilfe suchen.

An die Schuldenberatung wenden sich Menschen, wenn sie aus einer Situation aus eigener Kraft nicht mehr heraus wissen: Wenn man nicht mehr weiß, wie man seine Zahlungen tätigen soll, wenn die Kontoüberzug immer größer wird, wenn man Mahnungen in Kauf nimmt, um andere Mahnungen zu decken und sich am Ende Lebensmittel oder auch Schulsachen für die Kinder nicht mehr leisten kann, schildert Mitterlehner. 

Was kann die Schuldenberatung tun?

Wie beim Arzt werde man bei der Schuldenberatung zuerst gefragt: "Wo tut's denn weh?" Bei einem Termin wird zuerst die Situation analysiert, erklärt Mitterlehner. "Gefährliche Schulden" hätten dabei Priorität: Die Mietschulden seien etwa wichtiger als Kredite - schließlich drohe der Wohnungsverlust. Offene Strafen müssen bezahlt werden, weil sonst Haftstrafen verhängt werden können. 

Schließlich werden Einkommen und Ausgaben zu Papier gebracht und gegenübergestellt. Man schaut sich an, wo Optimierungen möglich sind - auf welche Abos oder Versicherungen etwa verzichtet werden kann. Das Durchschnittseinkommen der Personen, die sich an die Schuldenberatung wenden, liege bei 1.200 Euro - die durchschnittlichen Schulden bei rund 60.000 Euro. "Oft hilft nur der Privatkonkurs", sagt Mitterlehner. 

Wie funktioniert ein Privatkonkurs?

"Es gibt eine realistische Chance", betont Mitterlehner. Wichtig sei ihm, dass die Lösungsvorschläge "machbar und leistbar" sind - denn scheitert ein Konkurs, wird man gesperrt. "Das muss beim ersten Mal klappen". 

Grundsätzlich gibt es zwei Modelle: Ein Zahlungsverfahren mit einer monatlichen Summe oder ein Abschöpfungsverfahren auf drei Jahre. Bei Letzterem liege die Erfolgsquote laut Mitterlehner bei 90 Prozent, zum Zahlungsverfahren sei keine Quote bekannt - das erhebe die Justiz nicht.

Was sollte man zum Termin mitbringen?

Die Beratung und gerichtliche Vertretung bei den staatlich anerkannten Schuldenberatungen ist kostenlos. "Man darf auch ohne Unterlagen kommen", betont Geschäftsführer Mitterlehner. Nützlich wäre aber ein Überblick über die Schulden: Mahnungen etwa, oder gar Listen mit Gläubigern, Bürgen oder Mithaftungen. Auch Kontoauszüge und Einkommensnachweise würden helfen. Schon nach der ersten Beratung seien viele erleichtert, weil es schon einen Plan gebe, so Mitterlehner.

Warum benötigen nun mehr Menschen Schuldenberatung?

"Zu uns kommen alle Gesellschaftsschichten", sagt Mitterlehner. Bei jedem Zweiten, der zur Schuldenberatung komme, habe es eine Einkommensverminderung - etwa durch Arbeitslosigkeit - gegeben. Jeder Fünfte ist selbstständig und hat persönliche Haftungen an seinem Unternehmen. 

Während der Pandemie wurden Stundungen staatlich verordnet - das hat viele Menschen gerettet. Nun laufen diese Maßnahmen aus, darum kommt es zu höherer Nachfrage. Die Teuerung selbst habe "noch nicht so den großen Effekt", sagt Mitterlehner. Das werde erst "im nächsten Jahr ein Thema", im Moment würden viele noch mit Krediten durchkommen. Aber: "Es wird immer enger", warnt Mitterlehner, der von der Politik "schnelle und direkte Maßnahmen" und "weniger Gießkanne" fordert.

Einmalzahlungen wären zwar "besser als nichts", würden aber schnell verpuffen. Außerdem sollte das Existenzminimum - also jener Betrag, der nicht gepfändet werden darf - erhöht werden, so Mitterlehner.

Welche anderen Stellen können helfen?

Für finanzielle Soforthilfen in Notsituationen rät Mitterlehner, sich auch an Sozialeinrichtungen wie die Caritas, die Diakonie oder die Volkshilfe zu wenden. Bei Sozialmärkten können Bedürftige einkaufen gehen, auch bei drohenden Delogierungen würde es Hilfsorganisationen geben. Die lokalen Stellen der staatlichen Schuldenberatung würden die jeweiligen Angebote vor Ort kennen, so Mitterlehner.

Konstantin AuerQuelle: Redaktion / koa