APA/dpa/Daniel Karmann

Konflikt mit China: Wie sehr die Welt an Taiwans Industrie hängt

04. Aug. 2022 · Lesedauer 5 min

Neben militärischen Manövern bringt China Taiwan auch mit wirtschaftlichen Sanktionen in Bedrängnis. Eine Eskalation könnte die Weltwirtschaft empfindlich treffen. Auch Chinas Militärmanöver könnten für Probleme bei Lieferketten sorgen.

Bis zuletzt hat sich Taiwan mit Kommentaren zum Besuch der demokratischen US-Spitzenpolitikerin Nancy Pelosi zurückgehalten. Gebracht hat es offenbar wenig. Während des Besuchs von Pelosi waren mehr als 20 chinesische Militärflugzeuge in die Luftverteidigungszone Taiwans geflogen, wie Beamte in Taipeh mitteilten. China erklärte daraufhin, dass die Militärübungen, die bis zu 20 Kilometer an die Küste Taiwans heranreichen, zum Schutz von Chinas Souveränität "notwendig und legitim" seien. Am Donnerstag startete China dann ein Militärmanöver rund um die Insel.

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Erste Wirtschaftssanktionen erlassen

Doch nicht nur militärisch versucht China Taiwan in die Mangel zu nehmen - auch wirtschaftliche Sanktionen wurden verhängt. Bereits am 1. August stoppte China die Einfuhren von mehr als 100 taiwanesischen Lebensmittelunternehmen nach Festland-China.

Am Mittwoch erließ die Regierung in Peking weitere Sanktionen: China wird den Export von Sand nach Taiwan einstellen, teilte das chinesische Handelsministerium mit. Dieser wird unter anderem in der Bauindustrie verwendet. Außerdem sei die Einfuhr von Zitrusfrüchten, gefrorenen Makrelenfilets und gekühltem Fisch der Sorte Haarschwanz aus Taiwan ab Mittwoch untersagt, erklärte der chinesische Zoll.

Wie lange die Beschränkungen aufrecht bleiben und ob es bei diesen Sanktionen bleibt, ist unklar. Möglicherweise sind diese Sanktionen erst der Anfang. Für Taiwans Wirtschaft könnte das dramatische Folgen haben, denn China ist der größte Handelspartner Taiwans.

Die Welt braucht Taiwans Halbleiter

Während Taiwan zu einem gewissen Grad von China abhängig ist, so hängt die Weltwirtschaft auch an Taiwan. Einer Studie der Marktforscher von "Trendforce" zufolge liefen im vergangenen Jahr 64 Prozent der weltweiten Auftragsfertigungen von Halbleitern über Firmen aus Taiwan. Halbleiter sind etwa in Smartphones, Computern, Autos oder medizinischen Geräten verbaut - ohne sie geht gar nichts.

So sitzt in dem südostasiatischen Land unter anderem der weltweit drittgrößte Halbleiterhersteller Taiwan Semiconductor Manufacturing (TSMC). Der Konzern produziert Chips unter anderem für Apple, Qualcomm und AMD. Aber auch auch Autokonzerne wie Audi, VW oder Ford finden sich unter den Kunden. Doch auch China selbst ist auf Halbleitern aus Taiwan angewiesen.

Bereits während der Pandemie wurde die Abhängigkeit von Taiwan deutlich. Aufgrund von Versorgungs- und Lieferengpässen konnten Halbleiter nicht geliefert werden. Das wiederum führte dazu, dass manche EU-Staaten die Produktion um ein Drittel herunterfahren mussten, weil die Computerchips knapp waren.

Mögliche Störungen durch Militärübungen

Die aktuell von China durchgeführten Militärübungen könnten die bereits gestörten Lieferketten zusätzlich belasten, wie der Analyst Sebastian Hou im Gespräch mit "Bloomberg" erklärt. "Wenn Taiwan vom chinesischen Militär in den nächsten Wochen abgesperrt wird, ist es wahrscheinlich, dass die Exporte per Schiff beeinträchtigt werden", so Hou.

Denn durch die Taiwanstraße zwischen China und der Insel fährt fast die Hälfte aller Containerschiffe weltweit, wie eine Auswertung der Finanznachrichtenagentur Bloomberg für die ersten sieben Monate des Jahres ergab. Diese Schiffe haben enorm wichtige Güter an Bord: Halbleiter etwa und elektronische Geräte, sowie auch Gas.

Wirtschaft auf Eskalation nicht vorbereitet

Droht nun eine Eskalation zwischen China und Taiwan hätte das katastrophale Folgen, warnt der Ökonom Max Zenglein im Interview mit dem "Spiegel". "Wenn es zum scharfen Konflikt Chinas mit Taiwan käme, dann gingen die Probleme weit über einen Chipmangel hinaus. Die komplexen wirtschaftlichen Verflechtungen, die Europa mit China hat, wären genauso betroffen, wichtige Transportrouten im südchinesischen Meer ebenfalls. Die EU-Staaten, die USA, aber auch die Unternehmen wären gezwungen, sich zu positionieren."

Auf eventuelle Wirtschafts-Sanktionen gegen China seien die Unternehmen weltweit nicht eingestellt, so Zenglein weiter. Auch die Abhängigkeit von Taiwan und China lasse sich nicht "ohne Schäden über Nacht zurückdrehen". Vielmehr müssten sich die betroffenen Unternehmen "risikoresistent" aufstellen, diese Debatte sei bisher aber "nicht mit der nötigen Geschwindigkeit und Ernsthaftigkeit vorangetrieben worden."

Trotz dieser großen Abhängigkeit dürfe sich der Westen aber nicht von "China entkoppeln". "Gerade diese gegenseitigen wirtschaftlichen Abhängigkeiten können dazu beitragen, dass man einen kühlen Kopf behält", hofft Zenglein.

Taiwan wichtiger Handelspartner Österreichs

Auswirkungen hätte eine Eskalation wohl auch auf Österreich, zählt es neben China, Japan und Südkorea doch zu den wichtigsten Handelspartnern in Fernost. Die wichtigsten Exportgüter aus österreichischer Sicht stellen traditionell Maschinen und Anlagen dar. Besonders die Ausfuhr von "Spezialmaschinen" ist 2021 mit einem verzeichneten einen Zuwachs von 18,1 Prozent auf über 236 Millionen Euro gestiegen. Ein großer Teil entfällt hierbei auf die Lieferungen von Maschinen für die taiwanesische Halbleiterindustrie.

USA und EU wollen eigene Chipproduktion stärken

Viele Unternehmen habe unterdessen bereits damit begonnen, ihre eigene Chipproduktion zu stärken. Der US-Senat beschloss vorige Woche ein Gesetz zur Förderung der Halbleiterfertigung. Ziel von US-Präsident Joe Biden ist die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit gegenüber China und anderen Ländern. Das Gesetz soll die Preise senken, Arbeitsplätze schaffen und "unsere Abhängigkeit von importierten Chips verringern", teilte Biden mit.

Auch die EU will die Chipproduktion fördern. Mit dem "Chips Act" will die EU-Kommission bis zum Jahr 2030 insgesamt 43 Milliarden Euro an öffentlichem und privatem Geld aufbringen und in Produktionsstandorte etablieren. Damit sollen die technische Souveränität, die Wettbewerbsfähigkeit und die Widerstandsfähigkeit gestärkt werden. 

Maximilian SperaQuelle: Redaktion / msp