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Energiesparen: Was wir von Japan lernen können

06. Aug. 2022 · Lesedauer 4 min

Mit der Reaktorkatastrophe von Fukushima stand Japan vor großen Herausforderung bei der Stromversorgung. Nur ein bespielloses Programm zum Energiesparen konnte Stromausfälle verhindern.

Es ist der 11. März 2011 als um 14.46 Uhr die Erde vor der Ostküste Japans zu beben beginnt. Ein Tsunami war die Folge - 22.000 Japaner:innen wurden getötet, 470.000 mussten evakuiert werden. Als weitere Folge des Erdbebens kam es im Kernkraftwerk Fukushima zu einer Kernschmelze.

"Ohne Maßnahmen kommt es zu Desaster"

Tokyo Electric Power Co., der Betreiber von Fukushima, verlor circa 40 Prozent an Kapazität zur Energiegewinnung - eine Lösung musste her. Mit "Setsuden", zu deutsch "Energie sparen", begann ein beispielloses Projekt zum Energiesparen. In den Monaten nach der Katastrophe wurden in Einkaufszentren die Rolltreppen abgeschaltet, die Fließbandfertigung auf eine Minimum reduziert und die berühmten Pachinko-Spielhallen geschlossen.

In der Bevölkerung war man sich einig: "Wir müssen etwas tun, ansonsten kommt es zu einem Desaster", erinnert sich Koichiro Tanaka von Institut für Energiewirtschaft in Japan gegenüber "Reuters". Auch großer sozialer Druck spielte eine Rolle, meint Tanaka.

Licht aus - Thermostat rauf

Tatsächlich war der durch den Super-GAU verursachte Blackout der Startschuss einer groß angelegten Energiespar-Kampagne. Tausende Energiespar-Expert:innen besuchten Schulen, Unternehmen und Haushalte, um Bewusstsein für die Versorgungskrise zu schaffen.

Die staatlichen Behörden gingen mit gutem Beispiel voran: In öffentlichen Gebäuden der japanischen Hauptstadt wurde die Hälfte der Beleuchtung, Rolltreppen und Aufzüge abgeschaltet. Schichtarbeit wurde eingeführt, um die Arbeit besser aufzuteilen. Unternehmen setzen ebenfalls eigene Maßnahmen, um Energie zu sparen - Licht und leerlaufende Aufzüge beispielsweise wurden abgeschaltet. Thermostate wurden raufgedreht, Mitarbeiter:innen gebeten, bei hohen Temperaturen leichtere Kleidung zu tragen. Der "Cool Biz"-Kampagne der Regierung sollte damit Rechnung getragen werden.

Der Autohersteller Nissan reorganisierte die Schichtarbeit, um die Belastung des Stromnetzes zu verringern. Die Einzelhandelskette Lawson Inc. wechselte von klassischen Glühbirnen zu LEDs und brachte Solarpanele auf den Dächern ihrer Filialen an. Big Camera, die größte Elektronikkette des Landes deaktivierte fast 90 Prozent der Fernseher in ihren einzelnen Zweigstellen. Die sonst so grellen und flackernden Neon-Schilder wurden abgeschaltet, Öffnungszeiten beschränkt, die Beleuchtung der Geschäfte reduziert - Tokio versank im Halbdunkel.

Hat es was gebracht?

Studien und Statistiken zu dem Schluss, dass 2011 um sechs Prozent weniger Strom verbraucht wurde als 2010. Wenngleich aufgrund geplanter Stromunterbrechungen, nicht alle Sparmaßnahmen freiwillig waren, so gehen Forscher:innen davon aus, dass gerade das kollektive Stromsparen Stromausfälle verhindern konnte. Robert Lindner, Politikwissenschaft an der Kyushu Universität, sieht in einem Artikel einen großen Erfolg der freiwilligen Sparmaßnahmen. Außerdem waren die Maßnahmen nachhaltig, so war der Stromverbrauch auch in den Jahren nach dem Super-GAU unter dem Wert von 2010.

Was macht Österreich?

Auch im Mai dieses Jahres rief die japanische Regierung Bevölkerung und Unternehmen zum Energiesparen auf - 15 Prozent sollen zu Spitzenzeiten eingespart werden. Derart prononciert gibt man sich in Österreich nicht. Energieministerin Leonore Gewessler (Grüne) sprach sich beispielsweise gegen Tempo 100 aus und setzt beim Energiesparen grundsätzlich auf Freiwilligkeit. Eine Energiespar-Kampagne soll es erst im Herbst geben. Auch Kanzleramtsministerin Karoline Edtstadler (ÖVP) plädierte angesichts der Energiekrise unlängst dafür, dass die Menschen Eigenverantwortung "mit Leben erfüllen".

Österreicher:innen setzen auf Freiwilligkeit

Ob diese "Strategie" aufgeht, wird sich wohl erst im Herbst bzw. Winter zeigen. Eine Umfrage des Linzer market-Instituts kommt jedenfalls zu dem Schluss, dass 28 Prozent der Österreicher:innen künftig im Winter die Raumtemperatur um ein bis zwei Grad senken wollen. Viele Befragte sind übrigens der Meinung, die vorgeschlagenen Maßnahmen bereits jetzt umzusetzen - 51 Prozent geben an, einzelne Räume im Winter bzw. Sommer nicht zu heizen bzw. zu kühlen. 42 Prozent würden Autofahrten schon jetzt reduzieren, 40 Prozent kürzer und kälter duschen. Fast drei Viertel (73 Prozent) sprechen sich zudem für die Freiwilligkeit bei den Maßnahmen aus.

Maximilian SperaQuelle: Redaktion / msp