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Olympia: Unpolitische Spiele gibt es nicht

07. Dez 2021 · Lesedauer 5 min

Die Olympischen Spiele in Peking 2022 sind in aller Munde. Zuletzt ließ die USA mit dem diplomatischen Boykott aufhorchen. Zudem sorgt der Fall Shuai Peng für Kritik am IOC. Dass Olympische Spiele ins politische Kreuzfeuer geraten, ist aber keine Seltenheit, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt.

Die Olympischen Spiele in Peking sind schon 2008 wegen der eklatanten Menschenrechtsverletzungen durch die chinesische Regierung umstritten gewesen. Nun verkündeten die USA aus Protest gegen den "Genozid" gegenüber den Uiguren und anderen Menschenrechtsverletzungen keine diplomatischen oder offiziellen Vertreter zu den Olympischen Winterspielen 2022, die von 4. bis 20. Februar in Peking stattfinden, zu entsenden. Die chinesische Regierung reagierte scharf.

Dennoch kam es schon öfter zu einer Verquickung von Politik und Sport bei den Olympischen Spielen. Der Höhepunkt diesbezüglich war sicher Olympia 1936 in Berlin. Das Nazi-Regime missbrauchte die Sportveranstaltung dazu, der Welt die Überlegenheit der arischen Rasse demonstrieren zu wollen. Deutschland gewann zwar die meisten Medaillen, doch ausgerechnet der schwarze US-Leichtathlet Jesse Owens wurde mit viermal Gold der erfolgreichste Wettkämpfer der Spiele.

Terrorattacken in München 1972 und Atlanta 1996 

36 Jahre später endete der Versuch Deutschlands, durch "Heitere Spiele" in München einen Kontrapunkt zur Nazi-Propagandashow 1936 zu setzen, mit der größten Tragödie der olympischen Geschichte. Eine Geiselnahme von israelischen Sportlern durch palästinensische Terroristen im Olympischen Dorf endete mit 17 Toten. IOC-Präsident Avery Brundage musste Kritik einstecken, weil er die Spiele nicht abbrechen ließ. Er lasse sich die Spiele nicht von Terroristen zerstören, sagte er. Bis Atlanta 1996, als eine von einem Rechtsextremisten gelegte Bombe zwei Menschen im Olympia-Park der US-Stadt tötete, sollte München der einzige Terroranschlag in der Olympia-Geschichte bleiben.

Olympische Spiele ohne politische Zwischenfälle sind an einer Hand abzuzählen. Schon bei Olympia 1908 in London reisten irische Sportler heim, weil sie nicht unter der britischen Flagge antreten wollten. In Tokio (1964) wurde Südafrika wegen des Systems der Rassentrennung ausgeschlossen und sollte erst in Barcelona (1992) wieder zugelassen werden. In Mexiko (1968) ließ IOC-Präsident Brundage zwei schwarze US-Leichtathleten heim schicken, die sich bei der Siegerehrung mit hochgestreckter Faust als Unterstützer der militanten afroamerikanischen "Black-Panther"-Bewegung zu erkennen gaben.

Ein beliebtes Mittel politischer Artikulation ist der Olympia-Boykott, der sich oft nicht gegen das Austragungsland, sondern gegen andere Teilnehmerländer richtete. China und Taiwan etwa blieben den Spielen bis 1984 gemeinsam oder abwechselnd fern, weil sie einander nicht anerkennen. In Melbourne 1956 protestierten Ägypten, Libanon und der Irak gegen die Suez-Krise und Spanien, die Niederlande und die Schweiz gegen die Niederschlagung des Ungarn-Aufstands durch die Sowjetunion. 28 afrikanische Staaten boykottierten Olympia 1976 in Montreal wegen Kontakten der neuseeländischen Rugby-Mannschaft mit Südafrika.

Boykott des Westens in Moskau 1980 

Der größte Boykott in der Olympia-Geschichte wurde 1980 in Moskau durchgeführt. Damals blieben 65 westliche Staaten unter Führung der USA den Spielen fern, um gegen den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan zu protestieren. Vier Jahre später revanchierte sich die Sowjetunion und verweigerte mit 18 verbündeten Staaten eine Teilnahme an den Spielen in Los Angeles. Nordkorea, Kuba und Äthiopien boykottierten Olympia 1988 in Seoul und das ein Jahr später gestürzte afghanische Taliban-Regime untersagte seinen Sportlern im Jahr 2000 die Reise nach Sydney. Für iranische Sportler gilt die - inoffizielle, weil mit den IOC-Regeln nicht vereinbare - Anordnung der Regierung, nicht gegen Israelis anzutreten.

Als die Olympischen Winterspiele 2014 im russischen Sotschi stattfanden, kündigte der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck an, die Spiele wegen "rechtsstaatlicher Defizite" sowie "Behinderung kritischer Medien" in Russland nicht besuchen zu wollen. Auch US-Präsident Barack Obama und sein Vize Joe Biden, der französische Präsident Francois Hollande, der britische Premier David Cameron sowie die Regierungschefs von Kanada, Belgien, Luxemburg und die litauische Präsidentin blieben den Spielen an der russischen Schwarzmeerküste fern.

Am deutlichsten wurde die Abhängigkeit der Olympischen Spiele von der Politik in Kriegszeiten. Während im antiken Griechenland zu Olympia die Waffen schwiegen, gilt in der Neuzeit das Gegenteil. Zum Olympia-Termin ruhen nicht die Waffen, sondern die Sportler. Kriegsbedingt mussten die Olympischen Spiele 1916, 1940 und 1944 abgesagt werden. Mehr noch, bei den ersten Spielen nach den Weltkriegen (1920 bzw. 1948) wurde jeweils "Siegerjustiz" geübt: Die Sportler der im Krieg unterlegenen Staaten mussten daheimbleiben.

Olympische Spiele auch mit positiver Signalwirkung

Nicht immer aber sind die Olympischen Spiele ein Spielball der Politik. Manchmal übernehmen sie selbst eine politische Vorreiterrolle. So galt die Zuerkennung von Olympia 1988 an Seoul als entscheidend für die friedliche Ablöse des autoritären Regimes in Südkorea. Den Machthabern blieb angesichts von Massendemonstrationen kurz vor den Spielen nichts anderes übrig, als demokratische Wahlen zuzulassen. Und während Nord- und Südkorea offiziell noch immer im Kriegszustand sind, bilden die Sportler der beiden Staaten schon seit Sydney 2000 ein gemeinsames Olympia-Team. Ein Höhepunkt waren dabei die Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang im Jahr 2018, als die Schwester des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un, Kim Yo-jong, zur Eröffnungszeremonie anreiste und dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in die Hand reichte. Es war das erste Mal seit Ende des Krieges, dass eine Angehörige der nordkoreanischen Herrscherfamilie offiziell in den Süden gereist war.

Seit Melbourne 1956 gibt es auch die Tradition, dass die Olympia-Teilnehmer bei der Abschlussfeier nicht nach Nationen getrennt, sondern bunt gemischt einmarschieren. Die Idee stammt vom australischen Sportler John Wing. Sein frommer Wunsch lautete damals: "Während der Spiele wird es nur eine Nation geben. Kriege, Politik und Staatszugehörigkeit werden vergessen."

Quelle: Agenturen / mpa