Sepp Blatter Michel Platini

Die fünf frechsten FIFA-Funktionäre und ihre Millionen-Skandale

18. Nov. 2022 · Lesedauer 8 min

Wie konnte die WM an Katar vergeben werden? Wohin verschwand das Geld, das die FIFA an Hurricane-Opfer zahlen wollte und wer verscherbelte WM-Tickets in großem Stil? Die FIFA-Führung. Unter dem "System Blatter" wurde Korruption groß geschrieben. PULS 24 hat die Top 5 der skrupellosesten Fußball-Funktionäre unter die Lupe genommen.

Das Business ums runde Leder ist milliardenschwer und die Top-Funktionäre griffen mit beiden Händen unverschämt in die Geldkassen, um sich die eigenen Taschen vollzustopfen. Das Resultat: Gekaufte Weltmeisterschafts-Vergaben, Freunderlwirtschaft, illegaler Schacher mit TV-Vergaberechten, Spendengelder, die sich ein Top-Funktionär selbst unter den Nagel riss oder ein Luxus-Apartment im Trump-Tower - nur für Katzen.

An der Spitze der FIFA stand von 1998 bis 2016 der Schweizer Sepp Blatter. Bei ihm sollen alle Fäden zusammengelaufen sein. Beweisen konnte man das freilich bisher noch nicht. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Rechtzeitig zur Fußball-WM in Katar ein "Best of" um die fünf schillerndsten Gestalten eines Systems, das Fußballfans das Geld aus der Tasche zieht und Strafverfolgungsbehörden an der Nase herumführt:

1.) 78 Mio. Geldstrafe - und noch immer nicht ausgeliefert

Jack Warner war bis 2011 FIFA-Vize-Präsident, Präsident der Nord-, Zentralamerikanischen und Karibischen Fußballkonföderation und Präsident der Caribbean Football Union. Ab 2010 war er in seiner Heimat, Trinidad und Tabago, auch Minister.

Jack Warner

Jack Warner: Lebenslang gesperrt, zu 78 Millionen Strafe verurteilt, immer noch frei

Hurrikan-Opfern die Spenden gestohlen

Zwei Anekdoten zeigen Warner in all seiner Pracht: Der Koreanische Fußballverband sammelte nach dem Erdbeben in Haiti Geld für die Betroffenen, die vor dem Nichts standen. Jack Warner soll 750.000 Euro, bestimmt für die Ärmsten der Armen, auf sein eigenes Konto umgeleitet haben, wie u.a. der "Guardian" berichtete.

Aber auch die eigenen Leute soll er ausgenommen haben: Die WM-Spieler seiner Heimat soll er 2006 um deren Siegesprämie in Millionenhöhe geprellt haben. Als sie sich darüber aufregten, bezeichnete er sie in aller Öffentlichkeit als "geldgierig".

Katar-WM: Skandale schon vor Anpfiff

Schon vor Anpfiff vor der WM in Katar folgt ein Skandal dem nächsten. Aber werden die Fußballfans das Event dieses Jahr auslassen?

Diese Vorfälle sind aber nur Peanuts im Vergleich zu dem, wofür die FIFA ihn 2021 schließlich lebenslang sperrte. Warner soll nämlich einer der Hauptverantwortlichen sein, dem die Welt zu verdanken hat, dass die Fußball WM 2018 nach Russland und 2022 nach Katar kam. Kurz nachdem Katar den Zuschlag als WM-Austragungsort bekam, sollen Warner und seine Familie fast zwei Millionen US-Dollar aus Katar erhalten haben, für die Vergabe an Russland sollen gerüchteweise gar fünf Millionen US-Dollar geflossen sein. 

Neben seiner lebenslangen Sperre wurde Warner in den USA unter anderem zu 79 Millionen Dollar Strafe wegen der Annahme von Schmiergeldern wegen der Vergabe von TV-Rechten verurteilt. Warner entzieht sich seit Jahren erfolgreich dem Zugriff der Behörden und kämpft in seinem Heimatland gegen eine Auslieferung an die USA. Nachdem 2015 in Europa einige FIFA-Granden verhaftet wurden, blieb der Blatter-Intimus in seiner Heimat Trinidad und Tobago wegen einer Millionen-Kaution auf freiem Fuß.

Warner sieht sich selbst als Opfer. "Die Medien hassen mich. Ich werde nie einen fairen Prozess bekommen", sagte er Ende Oktober 2022 in einem seltenen Interview der "Daily Mail". 

Chuck Blazer Sepp Blatter

Mr. 10 Prozent Chuck Blazer, dahinter "Oberboss" Sepp Blatter, der ihm auf die Schulter klopft. 

2.) Geläuterter "Mister 10 Prozent"?

Chuck Blazer war von 1990 bis 2011 Generalsekretär des Kontinentalverbandes von Nord- und Zentralamerika sowie der Karibik (CONCACAF) und des Exekutivkomittees der FIFA. Weil er bei jedem Deal mitschnitt und so Millionen abzweigte, hatte er den Spitznamen "Mister 10 Prozent". Sein Geld verpulverte er unter anderem für ein Appartement im Trump-Tower, das er nur für seine Katzen gemietet hatte. 

Mit FBI-Wanzen in FIFA-Sitzungen

Dann ging Blazer jedoch einen Deal mit den Behörden ein, gab zu, Schmiergeld angenommen zu haben, und wurde zum Whistleblower und FBI-Spitzel. Er ging verwanzt in Meetings und schnitt sie mit. Seiner Mithilfe ist es unter anderem zu verdanken, dass Langzeit-FIFA-Boss Sepp Blatter schließlich abtrat. 2013 gestand Blazer offiziell seine Verfehlungen, 2015 wurde er unter anderem wegen Korruption lebenslang von der FIFA-Ethikkommission gesperrt, 2017 verstarb er mit 72 Jahren. 

Jerome Valcke

Freunderlwirtschaft und Ticket-Korruption: Jerome Valcke

3.) "Budweiser Bill" Valcke

"Alko­ho­li­sche Getränke sind Teil des FIFA World Cup, also wird es sie auch geben", tönte die damalige Nummer Zwei im Weltfußballverband und rechte Hand Sepp Blatters Jérôme Valcke vor der WM in Brasilien. Alkohol war zu dieser Zeit in den Stadien verboten - weil es immer wieder zu Todesopfern unter den Zuschauern gekommen war. Valcke berief sich auf das WM-Rah­men­ge­setz, das übrigens auch in Katar wieder unterzeichnet wurde. Brasilien erließ die "Budweiser Bill", benannt nach dem FIFA-Sponsor und US-Bierhersteller. Alkohol wurde zugelassen. 

Die FIFA hat ein Alkoholproblem. Daneben wurde Valcke 2022 aber auch für passive Bestechung und für das fälschen von Urkunden bei einem Deal um die Vergabe von TV-Rechten für die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 zu Preisen weit unter dem Marktwert in der Schweiz zu elf Monaten bedingter Haft verurteilt. Die FIFA-Ethikkommission sperrte ihn für sechzehn Jahre und acht Monate und brummte ihm eine Geldstrafe von rund einer Million Euro auf.

Er verkaufte WM-Tickets unter der Hand weiter, zahlte hochrangigen Funktionären unerlaubte Bonuszahlungen aus und drehte krumme Dinger bei der Verlängerung von Arbeitsverträgen. Nebenbei behinderte er noch FIFA-Untersuchungen. Auch seine Familienmitglieder sollen zu Lasten der FIFA profitiert haben. 

Nettes Detail am Rande: Ex-FIFA-Boss Sepp Blatter holte Valcke 2007 als Generalsekretär, nachdem er erst wenige Monate zuvor wegen eines für die FIFA kostspieligen Managementfehlers entlassen worden war. 

Michel Platini

Alles nur ein Komplott gegen ihn: Michel Platini

4.) Von Blatters Wunschnachfolger zum Erzfeind

Er hätte nach Sepp Blatter der nächste FIFA-Boss werden sollen, stattdessen laufen seit Jahren Gerichtsverfahren gegen ihn und Blatter will ihm inzwischen die Schuld an der WM-Vergabe an Katar in die Schuhe schieben: EX-UEFA-Chef Michel Platini. Blatter soll dem Franzosen 2011 rund zwei Millionen Euro zugeschanzt haben, die im Nachhinein durch eine "mutmaßlich fiktive Rechnung" für Beratungstätigkeit - zusätzlich zu einem Vertrag über mehrere hunderttausend Franken - belegt werden sollte. Die Ermittler vermuteten freilich, dass es sich um Schmiergeld für Blatters Sieg bei seiner Wiederwahl 2011 gehandelt haben soll.  

Alles nur ein Komplott

2022 versuchten Platini und sein Anwalt im Prozess von den Umständen der eigentlichen Zahlung abzulenken. Sie redeten von einem angeblichen Komplott. Die Zahlung habe in der FIFA jahrelang niemand beanstandet, argumentierten sie - bis 2015 als Platini sich um die Nachfolge Blatters bewerben wollte. Statt Platini trat 2016 der damalige, ebenfalls umstrittene UEFA-Generalsekretär Gianni Infantino die Nachfolge von Blatter an. Platini zeigte ihn deshalb im April an.

Blatter "verlogen"

Von der Freundschaft zwischen Blatter und Platini ist inzwischen nichts mehr übrig. "Es reicht. Seit fünf Jahren stellt Sepp Blatter die gleichen verlogenen und unbegründeten Behauptungen auf. Ich dachte, dass das Älterwerden zu Weisheit und Wahrheit führt. Was er behauptet, ist absolut falsch", richtete Platini seinem ehemaligen Mentor 2021 über die Medien aus. 

Sepp Blatter

Sepp Blatter: 18 Jahre lang FIFA-Boss, bei ihm liefen alle Fäden zusammen.

5.) Sepp Blatter: Der Fisch fängt beim Kopf zu stinken an

Sepp Blatter war fast 20 Jahre lang "Mr. FIFA". Ihm wird vorgeworfen, sich schon 1998 die Stimmen für seine erste Wahl zum FIFA-Boss gekauft zu haben. Diese Vorwürfe wiederholten sich bei jeder seiner Wiederwahlen. Seine Vertrauten waren zu diesem Zeitpunkt schon einer nach dem anderen verhaftet worden, während an Blatter lange nichts hängen blieb. Er selbst wurde 2015 trotzdem wiedergewählt. Die Stimmberechtigen profitierten jahrelang von seiner Führung, bis er 2016 selbst zurücktrat.  Jede WM-Vergabe unter seiner Führung war von Korruptionsvorwürfen überschattet. Beweisen ließen sich die Vorwürfe gegen ihn noch nicht. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Einzige wegen knapp zwei Millionen Euro kam er dann doch vor Gericht. Eine im Vergleich lächerliche Summe, die er an Platini widerrechtlich gezahlt haben soll (siehe oben). Ein "Gentlemen's Agreement" nannte Blatter die Vereinbarung, die er mit Platini mündlich abgeschlossen haben soll. Die späte Zahlung begründete Blatter damit, dass die FIFA zum Zeitpunkt der Beratungen nicht genügend Geld zur Verfügung gehabt habe, um zu bezahlen. Deshalb sei das Geld später geflossen.

2022 wurde Blatter in der Schweiz freigesprochen. Die Schweizer Justiz will sich das aber nicht gefallen lassen und das erstinstanzliche Urteil aufheben lassen. Der Prozess gegen Blatter und Platini wird fortgesetzt. Selbsterkenntnis oder Reue sucht man bei Blatter vergebens. "Katar ist ein Irrtum", erblödete er sich nicht, zwei Wochen vor Start der WM zu sagen, um die Vergabe öffentlich Platini in die Schuhe zu schieben. 

"Sympathisches" Detail am Rande: Blatter ist der Mann, der Frauenfußball attraktiver machen wollte, indem er die Sportlerinnen in kürzere Hosen stecken wollte. Das habe immerhin auch bei den Beachvolleyballerinnen geklappt.

Pro und Contra: Korrupt, kaputt, Katar – Sollen wir die Fußball-WM boykottieren?

Die WM in Katar ist schon vor Beginn gezeichnet von negativer Berichterstattung: Tote Arbeiter, homophobe Aussagen der Veranstalter, gekaufte Fans und eine geschobene Vergabe. Darüber diskutieren der ehemalige Nationalteam-Kapitän Marc Janko, Sänger Roman Gregory, Ex-Bundesliga Vorstand Georg Pangl, Amnesty International-Geschäftsführerin Annemarie Schlack und PR-Experte Andreas Neubauer.

Marianne LamplQuelle: Redaktion / lam