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Verheerende Energiekrise: Moldau droht ein harter Winter

13. Nov. 2022 · Lesedauer 5 min

Moldau befindet sich aktuell in der schlimmsten Energieversorgungskrise seit der Unabhängigkeitserklärung von 1991.

Das ärmste Land Europas ist auf EU-Unterstützung angewiesen, um durch den Winter zu kommen. Russland reduzierte die Gaslieferungen, Transnistrien stellte die Stromlieferungen ganz ein. Die Energiekosten sind explodiert, die Inflation auf über 30 Prozent gestiegen, das Land massiv unter Druck. Hilfe kommt in dieser schwierigen Situation auch aus Österreich.

Concordia: Winter-Nothilfe geschnürt

Die größte Nichtregierungsorganisation in der ehemaligen Sowjetrepublik, die österreichische Hilfsorganisation Concordia, bietet 56 soziale Dienste an 46 Orten an. "Für den Winter braucht es Unterstützung, deshalb haben wir die Winter-Nothilfe geschnürt", berichtete Vorstandsvorsitzende Ulla Konrad. Sie ist die Tochter des ehemaligen Raiffeisen-Generalanwalts und früheren Flüchtlingskoordinators Christian Konrad. Seit 2004 ist Concordia in Moldau tätig. "Man darf die Moldauer nicht vergessen", appellierte Konrad im Rahmen einer Pressereise in das kleine Nachbarland der Ukraine im Gespräch mit der APA.

"Die europäische Solidarität mit Moldau ist unerschütterlich", sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Donnerstag bei einem Besuch in der Hauptstadt Chisinau. Angesichts der durch die russische Invasion in der Ukraine ausgelösten Energiekrise zahlt die EU der Republik Moldau Finanzhilfen in Höhe von 250 Millionen Euro. Im Rahmen des "Energie-Unterstützungspakets" erhält Moldau ab Jänner 100 Millionen Euro in Form von Zuschüssen und 100 Millionen Euro in Form von Darlehen zur "Deckung seines Gasbedarfs". Weitere 50 Millionen Euro werden von der Leyen zufolge als "Budgethilfe" bereitgestellt.

Präsidentin warnt - Energie im gesamten Land gespart

Moldaus pro-europäische Präsidentin Maia Sandu hatte gewarnt, ihrem Land mit seinen 2,6 Millionen Einwohnern könne im beginnenden Winter Gas und Strom ausgehen. Vor dem Krieg war Moldau vollständig von russischem Erdgas abhängig, jetzt sind es noch immer rund 80 Prozent. Der stattliche russische Gaskonzern Gazprom hat die Lieferungen an Moldau bereits erheblich gedrosselt.

Mit 1. November stellten die prorussischen Behörden der abtrünnigen Region Transnistrien die Stromlieferungen des einzigen großen Kraftwerks Ciugurdan an Moldau ein. Das in Transnistrien gelegene Kraftwerk sicherte bisher rund 70 Prozent des Stromverbrauchs der Hauptstadt Chisinau. Ein Drittel seines Stroms bezog Moldau bisher aus der Ukraine. Wegen der russischen Angriffe auf die dortige Energieinfrastruktur hat Kiew den Export jedoch eingestellt. Gegenwärtig erhält Moldau Strom aus Rumänien.

Im gesamten Land wird Energie gespart. Büros bleiben ebenso wie Räume in Regierungsgebäuden ungeheizt, Restaurants sehr kühl, die Beleuchtung spärlich. Jüngst wurde in Chisinau sogar eine Regierungssitzung im Finsteren abgehalten. "Sparen lautet das Motto. Die Bevölkerung hat verstanden, dass Strom und Energie gespart werden müssen", sagte Cortina Ajder von der Abteilung Arbeit und soziale Sicherheit im Sozialministerium bei einem Pressegespräch in Chisinau vor österreichischen Journalisten.

Wie soll die Bevölkerung die Kosten stemmen?

Es bleibt aber auch die Frage, wie die Bevölkerung die gestiegenen Kosten stemmen soll. Strom- und Gaspreise sind explodiert, sie betragen nun teilweise das Fünffache wie vor der Krise. Aber auch die Holzpreise sind enorm hoch, weil viele Menschen auf Holz- und Kohleheizung umgestellt haben. Doch auch Holz muss importiert werden, nur rund elf Prozent der Fläche Moldaus ist Wald.

Die Regierung will der bedürftigen Bevölkerung helfen. "Wir hoffen, dass wir dieses Jahr der Krise hinter uns bringen", sagte Vasile Cusca, Staatssekretär des Gesundheits- und Sozialministeriums, beim Pressegespräch im ungeheizten Konferenzraum im Sozialministerium. Die Regierung hat eine Online-Plattform gestartet, bei der sich besonders von den gestiegenen Preisen betroffene Menschen registrieren können, um Zuschüsse zu erhalten.

Bis 25. November ist das möglich, 600.000 Menschen haben sich bereits angemeldet, doppelt so viele werden erwartet. Die Betroffenen werden in vier Kategorien eingeordnet und sollen dann Unterstützung erhalten. "Wir sind sehr dankbar für die Hilfe der EU", sagte Cusca. Außerdem versuche das Land, Alternativen zum russischen Gas zu finden.

Engpässe befürchtet

Gespart wird auch in allen Einrichtungen der NGO Concordia. Außerdem wurde Holz gekauft und die Heizungen darauf umgestellt, sagte Tatiana Balta, Concordia-Länderdirektorin in Moldau. Hatte es vorher in den Sozialzentren und Einrichtungen der NGO über 20 Grad, wird derzeit auf 18, maximal 19 Grad geheizt. Für den Worst Case wurden auch Generatoren sowie Treibstoff gekauft. "Wir sind vorbereitet", konstatierte Balta.

"Moldau braucht unsere Aufmerksamkeit", sagte Concordia-Vorstandsvorsitzende Konrad. "Ich befürchte, dass es zu Engpässen kommen wird. Im Land sind wenig Ressourcen da", warnte sie. Von November bis März erhalten mehr als 13.000 Menschen von der NGO die Winter-Nothilfe-Pakete, die pro Familie monatlich neben 250 Euro Geld für die Bezahlung der explodierenden Energiekosten auch Lebensmittel- und Hygieneartikel enthalten. Um 1.650 Euro kann man einer Familie durch den Winter helfen, sagte Konrad.

Der 1991 vom österreichischen Jesuiten Georg Sporschill gegründete Verein Concordia betreibt zahlreiche Hilfsprojekte in Rumänien, Bulgarien, im Kosovo und Moldau. Mit Pater Markus Inama ist nach wie vor ein Jesuit Teil des Leitungsteams. Finanziert wird Concordia zum überwiegenden Teil aus Spenden.

Informationen zu den Spendenmöglichkeiten online

Quelle: Agenturen / ddj