AFP

Ukraine: Zwei Journalisten verschwunden

20. März 2022 · Lesedauer 3 min

Nahezu zeitgleich sind am 12. März zwei Journalisten in von russischen Truppen besetzten Teilen der Südostukraine verschwunden.

Wiktorija Roschtschyna vom Kiewer TV-Sender "Hromadske" soll sich laut Spekulationen in Berdjansk (Region Saporischschja) in russischer Gefangenschaft befinden. Der Lokaljournalist Oleh Baturin aus Kachowka (Region Cherson) soll am Sonntag freigelassen worden sein, laut Spekulationen wurde er zuvor in einem Gefängnis der Stadt Cherson festgehalten.

Reportage geplant 

Seit dem 12. März gilt die Kiewer Journalistin Wiktorija Roschtschyna als verschollen. Sie soll sich nach Angaben ihres Fernsehsenders Hromadske zuletzt in der Hafenstadt Berdjansk am Asowschen Meer aufgehalten habe. Am Tag bevor der Kontakt der Redaktion zur Journalistin abbrach, hatte Hromadske auf seiner Internetseite noch eine Reportage Roschtschynas aus dem von russischen Truppen besetzten Enerhodar in der Region Saporischschja veröffentlicht - die Stadt am linken Ufer des Dnepr ist durch ihr Atomkraftwerk bekannt. Am 13. März griff die auf investigative Recherchen spezialisierte Journalistin laut APA-Informationen noch einmal auf ihr Konto bei Telegram zu. Möglich wäre aber auch, dass unbekannte Personen Zugriff auf ihre Passwörter oder ihr Smartphone erhielten.

Mögliche Spur zum russischen Geheimdienst 

"Wir haben uns natürlich an alle möglichen Institutionen gewandt - noch bevor die Geschichte des Verschwindens öffentlich wurde auch an die Organisation für Sicherheit- und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Wien", erklärte der APA am Sonntag die Chefredakteurin von Hromadske, Jewhenija Motorewska. Zu Roschtschynas aktuellem Aufenthaltsort lägen bisher keine gesicherten Informationen vor, betonte sie. Laut Recherchen von Hromadske soll die renommierte Journalistin am 15. März in Berdjansk vom russischen Geheimdienst FSB festgenommen worden sein. Was zwischen dem 12. und dem 15. passierte, ist unbekannt.

Letztes Lebenszeichen in Cherson 

Oleh Baturin, der für die Lokalzeitung "Nowyj Den" arbeitet, war am Nachmittag des 12. März von einem Treffen am Autobusbahnhof von Kachowka nicht mehr zurückgekehrt. Seinen Eltern war zunächst signalisiert worden, dass sich ihr Sohn gemeinsam mit dem pro-ukrainischen Aktivisten Serhij Zyhipa im knapp 100 Kilometer entfernten Cherson in Haft befinde. "Am Sonntag veröffentlichte Olehs Schwester Olha auf Facebook eine Nachricht sowie ein Foto ihres Bruders. "Fast acht Tage bin ich mit gebeugtem und bedecktem Kopf gesessen - sie hatten Angst, dass ich ihr Gesicht sehe", hieß es in diesem Text, der offen ließ, wo sich der Journalist aufhält. Serhij Tomilenko vom ukrainischen Journalistenverband (MSSchU) vermeldete am Sonntagnachmittag indes Baturins Freilassung.

Russen adaptieren Untersuchungsgefängnis 

Von einer laufenden Suche nach dem Journalisten hatte zuvor am Sonntag auch ein Gesprächspartner der APA in der Region berichtet. "Ich gehe davon aus, dass er mit weiteren Personen, darunter Veteranen der Kriegshandlungen 2014, von den Russen irgendwo festgehalten wird", erklärte er. Infrage käme etwa das Untersuchungsgefängnis von Cherson, welches derzeit gerade von Verbänden der russischen Nationalgarde adaptiert würde. Diese Truppe, die von Wiktor Solotow, einem ehemaligen Leibwächter der russischen Präsidenten Boris Jelzin und Wladimir Putin, befehligt wird, hat sich seit ihrer Gründung 2016 vor allem durch das brutale Niederprügeln von Demonstrationen in Russland "ausgezeichnet".

Fragwürdige Methoden 

Da das offizielle Russland von einer "Spezialoperation" spricht und formal kein Krieg in der Ukraine ausgerufen wurde, blieb jeweils unklar, auf Grundlage welcher Regeln die russischen Besatzungstruppen die Festnahmen der Journalisten vornahmen. Im Fall des kurzfristig verschleppten und schließlich gegen gefangene russische Soldaten ausgetauschten Bürgermeisters von Melitopol (Region Saporischschja), Iwan Fedorow, gaben die Russen vor, im Rahmen eines "Strafverfahrens" der "Luhansker Volksrepublik" vorzugehen. Luhansk liegt freilich mehr als 300 Kilometer von Melitopol entfernt.

Quelle: Agenturen / Redaktion / foj