Ukraine-Krieg: 100 Tage der Zerstörung und Angriffe

03. Juni 2022 · Lesedauer 9 min

Am 24. Februar erfolgte der Angriff auf die Ukraine durch Russland - seither sind 100 Tage vergangen. In dieser Zeit kam es zu zahlreichen Angriffen und Manövern, aber auch zu Gesprächen und Verhandlungen. Ein PULS 24-Überblick über die wichtigsten Ereignisse.

100 Tage dauert der Krieg in der Ukraine nun an. Es sind 100 Tage voller Angriffe, Zerstörung und humanitärer Notsituationen. 4.149 Zivilisten (UN, Stand: 1. Juni) sind durch Angriffe bisher gestorben, 6,8 Millionen (UNO-Flüchtlingshilfe, Stand: 29. Mai) mussten ihr Zuhause verlassen. Dennoch wurde immer wieder über die Errichtung von humanitären Korridoren debattiert und verhandelt. In zwei wirklich großen Gesprächen zwischen Unterhändler der Ukraine und Russland in Belarus und der Türkei wurde bis jetzt über den Krieg diskutiert – ein Ende des Krieges ist dennoch nicht in Sicht.

"Die Situation wird für die Ukrainer im Osten des Landes zunehmend düsterer", so auch die Einschätzung von Oberst Markus Reisner, Leiter der Entwicklungsabteilung der Theresianischen Militärakademie. Ein Fünftel des Landes soll in russischer Hand sein, berichtet der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Zur Verteidigung entsendete die USA bisher 4,5 Milliarden Dollar sowie unterschiedlichste Waffen. Auch die EU (4,1 Milliarden Euround Großbritannien (450 Millionen Pfund) sendeten finanzielle Unterstützung und Waffen. Vor allem die EU setzt verstärkt auf Sanktionen gegen Russland - diskutiert wird derzeit über das sechste Paket, dass u.a. ein Öl-Embargo vorsieht.

Das alles ist das Ergebnis eines Krieges, der vor 100 Tagen seinen Anfang nahm. Ein PULS 24 Überblick zeigt, wie welche Ereignisse den Krieg bisher prägten.

Der Anfang des Angriffskriegs

"Ich habe die Entscheidung für eine Militäroperation getroffen", mit diesen Worten startete der russische Machthaber Wladimir Putin im russischen Staatsfernsehen am 24. Februar 2022 den Krieg gegen die Ukraine. Es war der Startschuss der ersten von bisher drei Phasen, wie es Oberst Reisner gegenüber der APA zusammenfasst. Die erste Phase sei geprägt gewesen vom Großangriff am 24. Februar, auch auf die Hauptstadt Kiew, den die Ukrainer:innen abgewehrt haben. In der zweiten Phase zog sich Russland im Norden zurück und konzentrierte sich auf die Donbass-Region im Osten. Laut Reisner habe mittlerweile die dritte Phase begonnen – eine Verlängerung des Zustands. Die NATO rechnet hier mit einem monatelangen Krieg.

Phase 1: Kriegsbeginn

  • 24. Februar: Russland greift die ehemalige Sowjetrepublik an.
  • 26. Februar: Deutschland entscheidet, Waffen aus Beständen der Bundeswehr an die Ukraine zu liefern. Russische Geldhäuser sollen aus dem Banken-Kommunikationsnetzwerk Swift ausgeschlossen werden.
  • 27. Februar: Russlands Präsident Wladimir Putin versetzt die Abschreckungswaffen der Atommacht in Bereitschaft.
  • 28. Februar: Russland übernimmt die Kontrolle über den Flughafen Hostomel in Kiew
  • 1. März: Bei dem russischen Angriff auf den Fernsehturm von Kiew sind nach ukrainischen Angaben fünf Menschen getötet worden. Weiters umzingelt Russland die ukrainische Hafenstadt Mariupol und kontrolliert die Stadt Cherson. Dadurch schaffen die Russen eine wichtige Landbrücke zwischen der  Krim und und der teilweise von Separatisten kontrollierten Region Donezk.
  • 4. März: Ein Feuer an Europas größtem Atomkraftwerk nahe Saporischschja schürt Ängste vor einer nuklearen Katastrophe.
  • 6. März: Die Brücke über den Fluss Irpin wird zerstört. Zuvor versuchten tausende Ukrainer:innen über diese Brücke zu fliehen.
  • 8. März: Tausende Zivilisten werden aus der umkämpften Stadt Sumy im Nordosten gerettet. Die USA verbieten den Import von Öl aus Russland.
  • 11. März:  An Tag 15 bildet sich eine kilometerlange russische Panzerkolone vor Kiew, aber die Ukraine leistet weiterhin starken Widerstand.
AFP
  • 13. März: Bei einem russischen Angriff auf einen Truppenübungsplatz bei Lwiw (Lemberg) nahe der polnischen Grenze gibt es Dutzende Tote.
  • 15. März: Die Regierungschefs Polens, Tschechiens und Sloweniens statten dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj einen Solidaritätsbesuch in Kiew ab.
  • 16. März: Der Internationale Gerichtshof in Den Haag ordnet das sofortige Ende der russischen Gewalt in der Ukraine an. Gleichzeitig wird bei einem Luftangriff auf das Theater in Mariupol bis zu 600 Schutzsuchende getötet.
  • 24. März: Die NATO beschließt eine massive Aufrüstung und aktiviert die Abwehr chemischer, biologischer und atomarer Bedrohungen.
  • 1. April: Um ihre russischen Gaslieferungen zu bezahlen, müssen westliche Staaten künftig ein Konto bei der russischen Gazprombank haben. Sie können aber weiter in Euro und Dollar zahlen.

Gräueltaten sorgen weltweit für Entsetzen

Nach dem Rückzug aus der Nordukraine und dem militärischen Fokus auf dem Donbass wurden auch die Gräueltaten von Butscha publik. Entsetzt wurde weltweit auf die Bilder von ermordeten Bürger:inen und Berichte über Vergewaltigungen reagiert. Die Ukraine hat mit Stand Ende Mai bereits in mehr als 15.000 Fällen Ermittlungen wegen Kriegsverbrechen eingeleitet. Insgesamt seien 80 Verdächtige in Gewahrsam, teilte Generalstaatsanwältin Iryna Wenediktowa mit. Mehr als 600 Verdächtige - darunter hochrangige russische Politiker:innen und Offiziere - seien im Visier der Behörden. "Täglich kommen 200 bis 300 neue Fälle von Kriegsverbrechen hinzu", heißt es dazu aus Den Haag.

Ein Rundgang durch die zerstörten Straßen von Butscha

Phase 2: Die Donbass-Offensive

  • 2. April: Die ukrainische Armee hat nach eigenen Angaben wieder volle militärische Kontrolle über die Region um Kiew. Moskau verstärkt die Angriffe im Osten und Süden des Landes und zieht sich aus dem Norden zurück. Gräueltaten an der Zivilbevölkerung in der Kiewer Vorstadt Butscha sorgen für Entsetzen. Die Ukraine zählt mehr als 400 Leichen.
  • 7. April: Die EU-Staaten einigen sich auf einen Importstopp für Kohle, Holz und Wodka aus Russland.
  • 8. April: Bei einem Raketenangriff auf den Bahnhof in Kramatorsk sterben mehr als 50 Menschen.
  • 10./11. April: Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) besucht Selenskiyj in Kiew und reist anschließend nach Moskau zu Machthaber Wladimir Putin.

Nehammers Moskau-Reise sorgt für Aufregung

  • 14. April: Die Ukraine versenkt das russische Flaggschiff "Moskwa".
  • 15. April: Russland bestätigt den Untergang des Raketenkreuzers "Moskwa"
  • 16. April: Nach Angaben Selenskyjs wurden in den ersten sieben Wochen des Krieges bis zu 3.000 ukrainische Soldaten getötet.
  • 18. April: Russland startet eine neue Offensive in der Ostukraine an der Frontlinie der prorussischen Separatistengebiete.
  • 20. April: Die Zahl der Flüchtenden aus der Ukraine überschreitet die Marke von fünf Millionen.
  • 21. April: Im Osten der Ukraine hat die russische Armee mittlerweile den Großteil der Region Luhansk unter ihre Kontrolle gebracht. Zudem erklärt Putin die ukrainische Hafenstadt Mariupol für erobert. Das Azovstal-Stahlwerk soll laut ihm blockiert werden.
  • 27. April: Russland stoppt Erdgas-Lieferung nach Polen und Bulgarien.
  • 28. April: Der Deutsche Bundestag gibt grünes Licht für die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine.
  • 2. Mai: Russlands Außenminister Sergej Lawrow sorgt mit einem Nazi-Vergleich vor allem in Israel für Empörung.
  • 4. Mai: Die EU-Kommission schlägt ein Öl-Embargo vor, um den Druck auf Moskau zu erhöhen.
  • 6. Mai: Deutschland sagt der Ukraine sieben Panzerhaubitzen 2000 zu.
  • 12. Mai: Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba fordert auf seinem viertägigen Deutschland-Besuch die Lieferung westlicher Kampfjets und Raketenabwehrsysteme.
  • 13. Mai: Russlands Donbass-Offensive zeigt schwächen. Nach Informationen des britischen Verteidigungsministeriums verhinderten ukrainische Einheiten, dass russische Truppen den Fluss Siwerskji Donez im Donbass überqueren.

Heftiger Widerstand in Mariupol

Die ukrainische Hafenstadt Mariupol wurde hart umkämpft. Die Stadt wurde bereits Anfang März von russischen Truppen komplett eingeschlossen und weitgehend zerstört. Von ursprünglich rund 440.000 Einwohner:innen sind nach Einschätzung der ukrainischen Menschenrechtsbeauftragten Ljudmyla Denissowa etwa 170.000 in der Stadt geblieben. Fast 2.500 Verteidiger von Mariupol sollen in Gefangenschaft sein. Ihr Schicksal bleibt ungewiss. Sie haben im Azovstal-Stahlwerk ausgeharrt und versucht die Stadt zu verteidigen.

Mit der Eroberung startete auch die dritte Phase des Krieges. Durch den beharrlichen Widerstand in Mariupol wurden bis Mitte Mai nach ukrainischen Angaben eine russische Gruppierung von bis zu 20.000 Soldaten mit schwerer Technik an die Stadt gebunden. Diese russischen Soldaten können nun in die stockende Offensive in Richtung Slowjansk oder Sjewjerodonezk geschickt werden.

Phase 3: Die Verlängerung des Kriegszustandes

  • 17. Mai: Nach Monaten erbitterter Kämpfe um Mariupol gibt die Ukraine dort ihre letzte Bastion auf und überlässt damit russischen Truppen die Kontrolle über die weitgehend zerstörte Hafenstadt. Die letzten mehr als 2.400 ukrainischen Kämpfer im Azovstal-Werk ergeben sich. Die Kämpfer werden von den Russen in Bussen abtransportiert.
  • 18. Mai: Schweden und Finnland beantragen offiziell die NATO-Mitgliedschaft.
  • 21. Mai: Russlands Armee hat nach eigenen Angaben die Hafenstadt Mariupol komplett unter Kontrolle.
  • 22. Mai: Das ukrainische Parlament verlängert das Kriegsrecht und die Generalmobilmachung bis 23. August.
  • 23. Mai: Im ersten ukrainischen Kriegsverbrecherprozess wird ein 21 Jahre alter russischer Soldat zu lebenslanger Haft verurteilt.

Kriegsverbrechen: Erster Russe in Ukraine vor Gericht

  • 1. Juni: Sewerodonezk in der Region Luhansk scheint das neue strategische Ziel Russlands zu sein. Russland dürfte nach schweren Kämpfen mittlerweile mehr als die Hälfte der ostukrainischen Stadt besetzt haben.
  • 2. Juni: Das nun von Russland in der Ukraine kontrollierte Territorium sei bei weitem größer als die Fläche aller Benelux-Staaten zusammen, sagte Selenskyj in einer Ansprache vor dem Parlament in Luxemburg. Das entspreche laut ihm einem Fünftel des Landes.

Ukraine "bereit für Langzeitkrieg"

Am 3. Juni beginnt nun der hundertste Kriegstag und auch den Prognosen der Experten folgend dürfte es nicht der letzte bleiben. "Während die Kämpfe im Donbass wahrscheinlich noch einige Monate andauern, ist die intensivste Phase - und Russlands beste Chance, seine erklärten Ziele kurzfristig zu erreichen - in den nächsten zwei Monaten", zitiert "Business Insider" aus einem Lagebericht der NATO. "Russland hat alle Hände voll zu tun im Moment die besetzten Gebiete in der Ostukraine militärisch zu sichern bzw. noch auszuweiten, dort wo es Russland als notwendig empfindet", meint dazu auch PULS 24-Militärexperte Gerald Karner.

Karner: USA zeigen mit Waffenlieferung Entschlossenheit

Die Ukraine hofft derweil auf die kürzlich von den USA zugesagten Mehrfachraketenwerfer, die über eine größere Reichweite und Präzision verfügen. Auch Deutschland will der Ukraine bis Ende Juni vier Mehrfachraketenwerfer vom Typ Mars II liefern. Dass Russland auf die Lieferungen mit einem internationalen Angriff reagieren könnte, hält Karner für unwahrscheinlich. Der Kampfwille aus der Ukraine sei allerdings ungebrochen, meint die stellvertretende ukrainische Verteidigungsministerin Hanna Maljar anlässlich des hundertsten Kriegstag. "Wir sind bereit für einen Langzeitkrieg. Wir haben uns auf einen langen Krieg eingestellt", so die Maljar. Der hundertste Tag wird demnach wohl nicht der letzte Kriegstag bleiben.

Angela PerkonigQuelle: Agenturen / Redaktion / pea