APA - Austria Presse Agentur

Taliban: Afghanen dürfen nicht mehr zum Flughafen in Kabul

24. Aug 2021 · Lesedauer 4 min

US-Präsident Joe Biden hat den Chef des Geheimdienstes CIA, William Burns, zu Gesprächen nach Kabul geschickt. Unterdessen kündigten die Taliban an, Afghanen und Afghaninnen nicht mehr zum Flughafen zu lassen.

Der Direktor des US-Auslandsgeheimdienstes CIA, William Burns, traf einem Medienbericht zufolge den Vizechef der Taliban, Mullah Abdul Ghani Baradar, zu einem geheimen, persönlichen Gespräch am Montag in Kabul, wie die "Washington Post" unter Berufung auf Regierungskreise schrieb. Die CIA habe sich auf Anfrage nicht dazu äußern wollen. Baradar wird als möglicher künftiger Regierungschef gehandelt.

Es handelt sich um den höchstrangigen Kontakt zwischen den USA und den Taliban seit dem Sturz der afghanischen Regierung. Unterdessen läuft die Evakuierungsmission am Flughafen von Kabul weiter auf Hochtouren, die Regierungschefs der G7-Staaten beraten über eine Ausdehnung über die ursprünglich anvisierte Frist Ende August hinaus. Die Taliban lehnen eine weitere Anwesenheit westlicher Truppen kategorisch ab.

Taliban: Afghanen sollen "heimgehen"

Das bekräftigte Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid am Dienstag. Die Massen, die versuchten, auf den Flughafen zu gelangen, um einen Platz in einem Flugzeug zu ergattern, könnten heimgehen. "Wir garantieren für ihre Sicherheit", sagte Mujahid bei einer Pressekonferenz. Es gebe auch keine Listen von Menschen, die Rache fürchten müssten: "Wir haben alles in der Vergangenheit vergessen". Zudem brauche Afghanistan nun das Talent dieser Menschen, sagte er. Der Krieg sei vorbei, man werde Afghanen nicht mehr zum Flughafen durchlassen, so der Taliban-Sprecher, der dies mit der chaotischen Situation am Flughafen begründete.

Debatte um Truppen-Abzug

Die Taliban haben mit "Konsequenzen" gedroht, sollten die USA ihre Truppen nicht wie vorgesehen bis zum 31. August komplett aus Afghanistan und damit auch vom Kabuler Flughafen abziehen. Das Datum sei "eine rote Linie".

Die EU und Großbritannien halten eine Rettung aller Schutzbedürftigen aus Afghanistan bis Ende August angesichts der chaotischen Zustände am Flughafen für nicht machbar - und ohne die US-Militärpräsenz in Kabul müssten auch die anderen westlichen Staaten ihre Evakuierungen einstellen. 

Taliban stellt Regierung zusammen

Die Taliban stellen unterdessen eine neue Regierung zusammen und haben einem Medienbericht zufolge erste Minister bestimmt. Die afghanische Nachrichtenagentur Pajhwok meldete am Dienstag, unter anderem seien ein Finanz- und ein Innenminister ernannt worden.

Dem Agenturbericht zufolge wurde Gul Agha zum Finanzminister ernannt. Neuer amtierender Innenminister sei Sadr Ibrahim. Neuer Gouverneur der Provinz Kabul sei Mullah Schirin, Bürgermeister der gleichnamigen Hauptstadt sei Hamdullah Nomani. Auch der Geheimdienst habe eine neue Spitze erhalten. Weitere Details wurden zunächst nicht bekannt. Ein Sprecher der Taliban war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Bereits am Montag hatten die Taliban die Spitze der Zentralbank mit Hadschi Mohammed Idris neu besetzt. Seit der Machtübernahme der Islamisten vor mehr als einer Woche sind in Afghanistan die Banken geschlossen und viele Amtsstuben leer. Der Zentralbankchef des Landes, Ajmal Ahmati, ist aus Kabul geflüchtet.

Berichte über Menschenrechtsverletzungen

 Die UNO-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, berichtet unterdessen von gravierenden Menschenrechtsverletzungen durch die Taliban. Darunter seien Massenhinrichtungen von Zivilisten und Angehörigen regierungstreuer Sicherheitskräfte. Bachelet sprach bei einer Sondersitzung des UNO-Menschenrechtsrats in Genf zur Lage in Afghanistan von "gravierenden Risiken für Frauen, Journalisten und die neue Generation von Leitfiguren der Zivilgesellschaft".

Der Bewegungsspielraum von Frauen sei in manchen Regionen nach Machtübernahme der militant-islamistischen Aufständischen eingeschränkt worden, Mädchen dürften teils nicht mehr zur Schule gehen. Friedliche Proteste würden unterdrückt und Minderjährige zum Waffendienst geholt. Die Berichte seien glaubhaft, betonte Bachelet. 

G7-Regierungschefs beraten

Am Dienstagnachmittag beraten die Staats- und Regierungschefs der G7-Staaten bei einer Videokonferenz über das weitere Vorgehen und Hilfen für die Bevölkerung. 

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte im Voraus eine deutliche Erhöhung der humanitären Hilfe an. In diesem Jahr sollen aus dem EU-Haushalt mehr als 200 Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden. Das ist rund vier Mal so viel Geld wie ursprünglich geplant. Beim virtuellen G7-Treffen dürfte es auch darum gehen, wie es mit den Evakuierungen weitergehen kann.

Quelle: Agenturen / Redaktion / koa