Bodenverbrauch: "Es braucht Rote Linien!"

01. Juni 2022 · Lesedauer 4 min

Seit langem ist der rasante Bodenverbrauch als gravierendes Problem der Raumplanung erkannt.

Die fortschreitende Versiegelung des Bodens mindert die Biodiversität sowie die Aufnahme von Regenwasser und trägt zum Klimawandel bei. Der zentrale Schlüssel dafür, das Problem in den Griff zu bekommen, liege auf regionaler Ebene, ist Axel Priebs überzeugt: "Es braucht Rote Linien!" Der deutsche Raumplaner spricht am Donnerstag (2.6., ab 13.00 Uhr) bei der Bodenschutztagung der Boku.

"Stopp dem Flächenfraß" lautet der prägnante Titel der Veranstaltung, die nicht nur an der Universität für Bodenkultur Wien selbst, sondern auch via Livestream verfolgt werden kann. Die Instrumente dafür seien an sich längst bekannt, sagt Priebs im Gespräch mit der APA. "Es geht um die 'Dreifaltigkeit' von Verkehrsplanung, Siedlungsplanung und Freiraumplanung. Mit diesen drei Komponenten kann man alles gestalten." Priebs war 18 Jahre lang war als Dezernent für Umwelt, Planung und Bauen der Region Hannover in der Praxis tätig und lehrt heute am Geographischen Institut der Universität Kiel.

Österreich negativer Europameister

An der Boku spricht er über "Strategien zum Schutz des Grünlandes in Deutschland", doch seine Zeit an der Universität Wien (2018 bis 2020) hat ihm auch tiefe Einblicke in die einschlägigen Strukturdefizite Österreichs verschafft, das als negativer Europameister im Bodenverbrauch gilt. Rund 11,5 Hektar werden hierzulande täglich verbaut. Die Umsetzung des aktuellen Regierungsvorhabens, die tägliche Flächeninanspruchnahme bis 2030 auf 2,5 Hektar zu senken, scheint in weiter Ferne. "In Österreich sind die Gemeinden sehr viel stärker als in Deutschland. Sie haben sehr viel Macht - und die kann man so oder so einsetzen", sagt Priebs.

Während in Deutschland Gemeinden auf Kreisebene und durch Regionalplanungen stärker in die Pflicht genommen würden, gebe es in Österreich - etwa in Salzburg, der Steiermark oder Tirol - bisher nur vereinzelt funktionierende regionale Planungsgemeinschaften. "Die sind aber extrem schwach, haben zu wenig Kompetenz und zu wenig Personal." So funktioniere etwa der Öffentliche Verkehr in Wien so gut wie in kaum einer anderen Hauptstadt, doch über der Stadtgrenze würden sogleich gravierende Defizite spürbar. Die stärkere Einbeziehung des Schnellbahnnetzes in die Verkehrskonzepte sei überfällig, betont der Wissenschafter. "Vor allem die Stadtumlandbereiche brauchen zusammenhängende Planungsregionen. Ohne ein umfassendes Umdenken bei der Mobilität wird es künftig nicht gehen."

"Wien sehr weit"

"Die Planung steckt in einem Dilemma", betont der gebürtige Hamburger, der in Sachen Verkehrskonzepte Kopenhagen für eine der vorbildlichsten Städte hält. Einerseits wachse die städtische Bevölkerung und benötige Wohnraum, andererseits habe sich die Einsicht durchgesetzt, dass Boden eine wertvolle Ressource sei, mit der verantwortungsvoll umgegangen werden müsse. In den Städten könne die Lösung nur in zunehmender Verdichtung, nicht in Flächenzuwachs liegen. "Da ist Wien sehr weit. Mit den Dichten, die in Wien im Wohnbau umgesetzt werden, würden Planer in Deutschland aus dem Saal gejagt!"

"Klare Regeln" gefordert

Für die Zukunft brauche es in der Raumplanung dringend strikt festgesetzte Rote Linien, ist Priebs überzeugt. "Es braucht klare Regeln: Wo gibt es noch potenzielle Entwicklungsflächen und wo muss Freiraum gelassen werden?" Dabei beginne der Begriff der "Grünen Infrastruktur" zunehmend Bedeutung zu erhalten. "Ich bin ein Freund dieses Begriffs, weil er sehr plakativ ist und den Wert der Freiräume unterstreicht. Außerdem hebt er die Freiräume auf 'Augenhöhe' mit der technischen und sozialen Infrastruktur, was ein großer Gewinn ist." In Stuttgart, Hannover, Hamburg, Berlin oder im Ruhrgebiet funktioniere das Konzept der Roten Linien bereits ganz gut, sagt der Experte. "Aber Letztendes ist es immer ein Aushandlungsprozess."

Die Fachtagung im Ilse-Wallentin-Haus der Boku (Wien 18, Peter-Jordan-Straße 82) beginnt am Donnerstag um 13.00 Uhr, um 17.15 Uhr folgt eine von Hanno Settele moderierte Podiumsdiskussion mit Sandra Krautwaschl (Klubobfrau Die Grünen Steiermark), Nora Mitterböck vom Umweltministerium, Johannes Pressl, dem Präsidenten des Niederösterreichischen Gemeindebunds, dem u.a. für Raumordnung zuständigen Salzburger Landesrat Josef Schwaiger sowie Kurt Weinberger, dem Vorstandsvorsitzenden der Österreichischen Hagelversicherung.

Quelle: Agenturen / msp