Reisner: Ukraine-Krieg wird "in unseren Heimatländern" entschieden

24. Aug. 2022 · Lesedauer 4 min

Besonders am Beginn hätten Taktik und Stärke der ukrainischen Armee maßgeblich zum Erfolg der Abwehr Russlands beigetragen, meint Oberst Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer. Im Abwehrkampf müsse die Ukraine vom Westen weiter mit Waffen unterstützt werden.

Man habe sich kurz vor kriegsbeginn im Jänner und Februar über "die Anzahl der russischen Kräfte, die um die Ukraine zusammengezogen worden sind", gewundert - "diese 200.000 Mann würden eigentlich nicht ausreichen, um dieses Land in Besitz zu nehmen." Doch auch der ukrainische Abwehrkampf wurde als "große Überraschung" wahrgenommen, meint Oberst Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer.

Taktik und Stärke gingen auf

Dass die Ukraine in den "ersten sechs Wochen" den russischen Angriff dermaßen erfolgreich abwehren konnte, sei laut Reisner vor allem an der Taktik der ukrainischen Streitkräfte gelegen. Zudem habe die ukrainische Armee "mit den eigenen Streitkräften zu den stärksten Europas gezählt". 

Russland musste damit auf die ukrainische Stärke reagieren und habe seine Streitkräfte neu konsolidiert und aus Kiew abgezogen. Der Versuch, mit einer "Kesselschlacht eine Entscheidung im Donbass zu erzielen", sei bisher misslungen. Dennoch könne Russland regionale Fortschritte, wie die Einnahme von Lyssytschansk, für sich reklamieren.

Lage im Süden prekär

Prekär werde die Lage im Süden, so Reisner. Die Russen hätten bereits den Dnjepr überschritten und einen Brückenkopf errichtet. Damit würde es die Möglichkeit geben, "über Mykolaiv bis nach Odessa vorzustoßen" und die Ukraine vom Schwarzen Meer abzuschneiden.

Mehr Waffen notwendig

Im weiteren Verlauf des Krieges hätten die Waffenlieferungen "eine wichtige Rolle gespielt und sie spielen sie auch jetzt", meint Reisner. "Panzerlenkwaffen haben sich vor allem am Beginn geeignet, diesen Abnützungskrieg den Russen entsprechend aufzuzwingen." Das Problem sei nur, dass die westlichen Waffenlieferungen nur einen Teil des Bedarfs decken würden. Weiters greife Russland die Ukraine fortwährend massiv an. Die Ukraine habe derzeit 16 Mehrfachraketenwerfer und frage sich zurecht, warum sie nicht mehr bekomme - die "Ukraine braucht die Unterstützung des Westens".

Bevölkerung in Europa bricht weg

Reisner geht deshalb auch davon aus, das sich der Krieg vermutlich "in unseren Heimatländern" entschieden wird. Die Maßnahmen der Russen würden aber dazu führen, dass die Bevölkerung in Europa angesichts des "Wirtschaftskriegs" wegbreche. Die "Politik beobachtet mit einem Auge, wie die Bevölkerung unter dem Druck dieses Wirtschaftskriegs reagiert".

Angesichts dessen könnte es laut Reisner auch sein, dass der Konflikt in der kalten Jahreszeit "einfriert". Die Ukraine müsse deshalb signalisieren, "dass sie weiter handlungsfähig ist", um zu zeigen: "Es macht Sinn, sie weiter zu unterstützen". Das habe sie mit den Angriffen auf der Krim getan, nachdem sie im Süden nicht erfolgreich waren.

Der Krieg habe "alle Aspekte eines modernen Kriegs". So habe er "schon im Vorfeld als hybrider Krieg begonnen", als Russland mit Cyberattacken eine Verhaltensänderung der Ukraine herbeiführen wollte. Das habe jedoch nicht funktioniert. Zudem wäre ohne Einsatz von Drohnen eine Gefechtsentscheidung auf dem Schlachtfeld wohl nicht möglich. So führe vor allem die gute Lageaufklärung der russischen Drohnen zu Erfolgen für Russland. Während der Abschuss jener den Ukrainer:innen ein "längeres Überleben" ermögliche, meint Reisner.

Anzeichen für Kriegsvorbereitung waren sichtbar

Zwar sei das alles in der Nachschau leicht zu erklären, dennoch hätte man die Anzeichen für einen Krieg bereits Jahre zuvor sehen können. "Wenn man den Ukrainern zugehört hätte, dann hätte man gesehen, dass die Russen nach Inbesitznahme der Krim und auch nach dem Einmarsch 2014 sehr wohl sich in den letzten Jahren sich auf die Abwehr vorbereitet haben", konstatiert Reisner. Dennoch wollte man einem möglichen Einmarsch und auch den Warnungen der Amerikaner keinen Glauben schenken.

Maximilian SperaQuelle: Redaktion / msp