Brodnig zur Corona-Lage: "Politik hat drei zentrale Fehler gemacht"

10. Nov 2021 · Lesedauer 3 min

Im Interview bei Corinna Milborn sprechen Statistiker Erich Neuwirth, Autorin Ingrid Brodnig und die Grüne Nationalratsabgeordnete Ewa Ernst-Dziedzic über die Versäumnisse während der Corona-Pandemie.

Die Infektionszahlen steigen rapide an, sogar über Lockdowns wird wieder debattiert, am Montag wurde die 2G-Regel eingeführt. Das alles, obwohl diese Entwicklung vorhersehbar war. Experten warnten schon im Sommer. Nun müsse man sich die Frage stellen, ob die Politik sagt, was die Menschen hören wollen oder ob sie den Ratschlägen der Experten folgen, kritisiert Autorin Ingrid Brodnig. 

Statistiker Erich Neuwirth ist einer der Experten, die seit Anfang der Pandemie immer wieder warnten. Er wisse nicht, welche Politiker auf seine Zahlen achten würden, nur Wien lasse sich von ihm beraten. Der ehemalige Gesundheitsminister Rudolf Anschober habe sich nach seiner Amtszeit gemeldet und sich interessiert gezeigt. Der aktuelle Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) habe sich noch nie gemeldet, so Neuwirth.

Ewa Ernst-Dziedzic (Grüne) spricht von einer Handlungsunfähigkeit und Schockstarre der Politik. Es würden viele Interessen aufeinandertreffen - Wirtschaft, Schulen, Eltern - alle hätten unterschiedliche Interessen. 

Gesamtinzidenz ist "enorm"

Statistiker Erich Neuwirth warnt abermals: Die Inzidenz liege derzeit bei über 700 Fällen, der bisherige Höchststand sei bei 580 gelegen. Das sei "enorm". In Oberösterreich liege die Inzidenz bei den 14- bis 24-Jährigen sogar bei über 2.000. In dieser Gruppe habe sich in Oberösterreich in einer Woche jeder 50. angesteckt.

Neuwirths Statistiken zeigen außerdem: Die Impfung wirkt - bei den Über-65-Jährigen, der Gruppe mit der höchsten Durchimpfungsrate, steigen die Infektionszahlen nicht stärker als im vergangenen Jahr. Bei allen anderen Altersgruppen seien die Inzidenzen 2021 höher als 2020. Dennoch sei es höchste Zeit für eine Auffrischungsimpfung, so Neuwirth. Es zeige sich auch, dass nicht dort, wo mehr getestet wird, die Zahlen höher sind. In Wien wird um einiges mehr getestet als im Rest Österreichs, die Zahlen würden aber nicht so stark steigen. 

Drei zentrale Fehler der Politik

Ingrid Brodnig nimmt für die drastischen Entwicklungen die Politik in die Verantwortung. Man habe drei zentrale Fehler gemacht, sagt sie: Man habe die Tests auf eine Ebene mit der Impfung gestellt, obwohl man geschützte Menschen brauche. Man habe bei der Verbreitung und Verfestigung von Mythen über das Impfen zu lange zugesehen.

Zudem gebe es mit der FPÖ und MFG in Oberösterreich Parteien, die nicht evidenzbasiert handeln und teils "einfach irgendetwas" sagen würden. Im Burgenland, wo die FPÖ zurückhaltender sei als in anderen Bundesländern, sei auch die Impfrate höher, argumentiert Brodnig.

Verunsicherte müssen erreicht werden

Die harten Maßnahmen- und Impfgegner würden derzeit noch enger zusammenrücken, sagt Brodnig, die die Szene beobachtet. Durch 3G am Arbeitsplatz und 2G-Regel in der Freizeit würden sie sich ausgeschlossen und als Opfer sehen. 

Neben den Menschen, die an Verschwörungsmythen glauben, gebe es aber auch Menschen, die nur verunsichert seien. Diese könne man eher noch erreichen. So seien etwa vor allem Schwangere nicht genug über Vorurteile zur Impfung aufgeklärt worden, so Brodnig. Es sei auch zu wenig kommuniziert worden, dass die Impfung nicht unbedingt gegen Infektion sondern gegen schwere Verläufe schützt. 

Ernst-Dziedzic will die Forderungen der Experten mit in die Politik nehmen und weiter auf Aufklärung setzten. Sie wolle etwa ein Info-Telefon für Verunsicherte vorschlagen.

Quelle: Redaktion / koa