Missbrauch im Spitzensport: "Mundtot" im Schauspielhaus Wien
Im Zentrum der 90-minütigen Inszenierung, für die Anton von Bredow die Bühne in das Trümmerfeld eines zerstörten Turnsaals verwandelt hat, stehen vier nicht männlich gelesene Handballprofis, die abwechselnd als kollektives Ich von großen Hoffnungen, kleinen wie großen Übergriffen und noch größerer Scham berichten. Am größten ist - und das ist die fatale Erkenntnis, die seit der #MeToo-Bewegung auch im Kulturbereich manifest geworden ist - jedoch die Angst, den großen Lebenstraum aufgeben zu müssen, sobald man die Täter benennt.
Während Tala Al-Deen, Iris Becher, Florentine Krafft und Sophia Löffler die herausgebrochenen Brocken des Spielfelds bespielen, entsteht das Bild eines jungen Menschen im Spitzensport: Ernährung, Freunde, Familie - alles hat sich dem Training, dem großen Ziel, es bis zur Meisterschaft zu schaffen, unterzuordnen. "Wir haben keinen Boyfriend, wir haben Perspektiven", heißt es an einer Stelle. Oder: "Wir nehmen keine Drogen, wir schlucken Schmerztabletten."
Das wichtigste Instrument ist der sich entwickelnde Körper, dessen pubertäre Veränderung zum Problem wird: So zeichnen sich nicht nur die wachsenden Brüste unter dem Trikot ab, auch die knappen Höschen, in die Frauenmannschaften bei Wettbewerben gerne gesteckt werden, eignen sich nicht gerade für das Tragen von Binden. Und dann wären da natürlich noch die Trainer, die Masseure, die Sportärzte. Erwachsene, die den Jugendlichen aus beruflichen Gründen nahe kommen müssen. Allzu oft zu nahe. Es sind klare Worte und klare Bilder, die die Spielerinnen, die musikalisch kraftvoll und wütend von Lens Kühleitner begleitet werden, ins Publikum schleudern.
Vom Körper zum KörpER
Apropos Publikum. Dieses erhält am Ende des Abends Listen mit Namen von Sportlerinnen und Sportlern, die sich in den vergangenen Jahren aus der Deckung gewagt haben. Die die Übergriffe zur Anzeige gebracht und darüber öffentlich gesprochen haben. Auch die Ex-Weltcupläuferin Nicola Werdenigg findet sich auf dieser Liste, die 2017 als eine der ersten Frauen im österreichischen Spitzensport öffentlich über sexualisierte Gewalt und systematischen Machtmissbrauch im Bereich des Skisports berichtet hat. Es sind individuelle Schicksale, aber keine Einzelschicksale, wie eine auf der Bühne zitierte deutsche Studie unter Vereinsmitgliedern unterstreicht. Demnach haben 70 Prozent der Befragten im Rahmen des Vereinssports Gewalt, Grenzverletzungen oder Belästigung erlebt. 63 Prozent berichteten von psychischer Gewalt, 37 Prozent von Erfahrungen mit körperlicher Gewalt, 19 Prozent von sexualisierter Gewalt mit Körperkontakt.
Mit "Mundtot" hat Miriam Unterthiner ihnen eine Stimme gegeben. 181 Mal findet sich das Wort "Körper" im Stücktext. Bis die Erkenntnis herausbricht: "Mein Körper, der nicht mehr meiner, der seiner. Sein KörpER. Meine Scham. Der Begriff ergibt plötzlich Sinn." Heftiger Applaus für einen heftigen Abend.
(Von Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E - "Mundtot" von Miriam Unterthiner im Schauspielhaus Wien, Uraufführung. Regie: Christiane Pohle, Bühne und Kostüme: Anton von Bredow, Live-Musik und Sound Design: Lens Kühleitner. Mit Tala Al-Deen, Iris Becher, Florentine Krafft und Sophia Löffler. Kommende Termine: 17., 27., 28., 30. und 31. Jänner sowie am 6., 7., 10., 11., 13. und 14. Februar, jeweils 20 Uhr. www.schauspielhaus.at )
Zusammenfassung
- Im Schauspielhaus Wien feierte das Stück 'Mundtot' Premiere, in dem vier Handballprofis von sexuellen Übergriffen, Scham und der Angst berichten, durch das Offenlegen der Taten ihre sportlichen Träume zu verlieren.
- Eine im Stück zitierte Studie zeigt, dass 70 Prozent der Vereinsmitglieder im Sport Gewalt, Grenzverletzungen oder Belästigung erlebt haben, wobei 19 Prozent sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt angeben.
- Am Ende der Aufführung erhalten die Zuschauer Listen mit Namen von Sportlerinnen und Sportlern, die Missbrauch öffentlich gemacht haben, darunter auch Nicola Werdenigg.
