APA/APA/Theater in der Josefstadt/Roland Ferrigato

"Jeder stirbt für sich allein": Singspiel in der Josefstadt

11. Dez. 2022 · Lesedauer 4 min

Lässt sich Hans Falladas düsterer Roman "Jeder stirbt für sich allein" über Widerstand in der NS-Zeit als musikalisches Schauspiel von Franz Wittenbrink auf die Bühne des Theaters in der Josefstadt bringen? Da waren selbst die beiden Librettistinnen Susanne Lütje und Anne X. Weber skeptisch, wie sie im Programmheft zur Uraufführung zugeben. Nach 170 Minuten war am Samstagabend klar: Es ist möglich, muss aber nicht sein.

Sagenhafte 24 Schauspielerinnen und Schauspieler bietet Josef E. Köpplinger in seiner Inszenierung auf, um das vielschichtige Romanwerk, das in knapp drei Stunden freilich nur in seinen Grundzügen erzählt werden kann, auf die Bühne zu heben. Dafür hat Walter Vogelweider ein schlichtes, dunkles Bühnenbild geschaffen, das in die finsteren Gassen von Berlin im Jahre 1940 entführt. Mithilfe der Drehbühne und tatkräftiger Requisitenschlepperei des Ensembles verwandeln sich die Räume etwa in die Küche des Ehepaares Quangel, das Büro des Gestapo-Kommissars Escherich oder eine Bar namens "Paprika", in der die handelnden Personen immer wieder zusammengeführt werden.

Die Ausgangslage wird rasch umrissen: In einem Zinshaus wohnt nicht nur das unscheinbare Ehepaar Quangel (Michael Dangl und Susa Meyer) mit ihrem Sohn Franz, der sich gerade auf Fronturlaub befindet, sondern auch das jüdische Ehepaar Rosenthal, der stramme Nazi Persicke mit seinem gleichgesinnten Sohn Baldur und der zwielichtige Wehrdienstverweigerer Enno. Eine illustre Gesellschaft, in der keiner dem anderen vertrauen kann und dennoch gemeinsam Kuchen gegessen wird. Als Franz in Frankreich fällt, erwacht in den Eltern der Drang zum Widerstand gegen das NS-Regime: Mithilfe von Postkarten, die in der Stadt verteilt werden, wollen sie die Menschen aufrütteln. Sogleich beginnt bei der Gestapo die Suche nach den Übeltätern, und die Schlinge zieht sich immer enger zu.

Es ist ein bedrückendes Setting, das Köpplinger mit steigender Intensität zu erzählen vermag. Vor allem Dangl und Meyer machen ihre Verzweiflung in ihren Widerstandsbemühungen in intimen Szenen greifbar. Julian Valerio Rehrl überzeugt in seiner Doppelrolle als begeisterter Jung-Nazi und glühender Kopf einer kommunistischen Zelle, der auch Trudel (Paula Nocker) als Franz' Verlobte, die noch vor der Hochzeit zur Witwe wurde, angehört. Deren Verlobungs-Duett gehört zu den gesanglichen Tiefpunkten des Abends, wenn sich "Sterne zählen" auf "Kartoffeln schälen" reimen muss.

Bald wird klar: Je weniger eine Figur zum Singen kommt, desto glaubwürdiger bleibt sie. So kommt Michael Dangl etwa lange Zeit nur mit angedeutetem Sprechgesang über die Runden, eines der wenigen wirklich gelungenen Duette kommt von Susa Meyer und Elfriede Schüsseleder als verfolgte Jüdin Rosenthal. Auch Raphael von Bargen, der einen famos zweifelnden Gestapo-Kommissar gibt, kann in seiner Darbietung des Titelsongs ("Jeder stirbt für sich allein") aufrütteln.

Ansonsten wirken Wittenbrinks Kompositionen, die zwischen Jazz, Tango, Kurt Weill und "Cabaret" oszillieren, und von einer erhöht im Bühnenhintergrund platzierten Live-Band vorgetragen werden, allzu oft fehl am Platz. Statt die Handlung voranzutreiben, geraten die - nicht immer lupenrein vorgetragenen - Lieder zu aufgesetzten Fremdkörpern, die die (An)spannung brechen statt befeuern. Man hätte es bei der Dramatisierung allein belassen können. Denn sowohl die schnörkellose Regie als auch die eindringlichen Ensembleleistungen tragen diesen Abend auch so. Und lassen erschaudern, wie schnell eine Gesellschaft kippen kann.

(S E R V I C E - "Jeder stirbt für sich allein". Ein musikalisches Schauspiel von Franz Wittenbrink nach dem Roman von Hans Fallada. Libretto von Susanne Lütje und Anne X. Weber. Regie: Josef E. Köpplinger, Bühne: Walter Vogelweider, Kostüme: Dagmar Morell. Mit u. a. Michael Dangl, Susa Meyer, Tobias Reinthaller, Paula Nocker, Julian Valerio Rehrl, Claudius von Stolzmann und Raphael von Bargen. Musikalische Leitung: Christian Frank. Weitere Termine: 11., 19. und 20. Dezember, 9. bis 11. Jänner, 18. und 19. Februar. www.josefstadt.org)

Quelle: Agenturen