Becker "demütiger und schlauer": "Das Gefängnis war gut für mich"

21. Dez. 2022 · Lesedauer 8 min

Boris Becker erzählt nach seiner Entlassung aus der Haft über seine Angst vor Vergewaltigung und dass seine Mithäftlinge, inzwischen gute Freunde, ihm das Leben gerettet haben. Er sei nun schlauer und demütiger, wisse wer seine wahren Freunde sind - und wünscht sich weitere Kinder mit seiner großen Liebe.

"Natürlich war ich schuldig", eröffnet Boris Becker sein Gespräch mit Steven Gätjen. In vier von 29 Punkten sei er beim Prozess in Großbritannien schuldig gesprochen worden. Unter anderem weil er beim Insolvenzverfahren Geld vor dem Fiskus verheimlicht hatte. Beim Prozess sei es "fast um Leben und Tod" gegangen, denn die Haftstrafe - er wurde zu 2,5 Jahren verurteilt und verbrachte über sieben Monate hinter Gittern - hätte noch weit länger ausfallen können. Im Vorfeld hätte er auf eine Bewährungsstrafe gehofft. Während des Prozesses sei er jeden Tag in die Kirche gegangen und hätte gebetet. Beim ersten Schuldspruch "rutschte mein Herz in den Keller". Da sei ihm klar gewesen, dass er direkt vom Gericht hinter Gitter muss.

In der Haft, beschreibt der 55-Jährige, habe er Gewicht verloren, wochen- und monatelang wenig gegessen und sei zum ersten Mal in seinem Leben hungrig ins Bett gegangen. Man bekomme Reis und Kartoffeln unter der Woche und Hühnchen am Sonntag. Auch mit Alkohol und Zigarillos war es vorbei. Er habe sieben Kilo abgenommen und sehe jetzt auch gesünder aus als vor seiner Haft. 

"Red' nicht so 'nen Scheiß, wir schaffen das zusammen"

"Brutaler geht's kaum", erinnert er sich an das Ende des Prozesses. Er kam direkt vom Gerichtssaal ins Gefängnis. Von seinen Kindern und seiner Partnerin Lilian De Carvalho Monteiro habe er sich davor unter Tränen verabschiedet. "Du musst nicht auf mich warten", sagte er seiner Partnerin, aber sie habe davon nichts hören wollen. "Red' nicht so 'nen Scheiß, wir schaffen das zusammen", habe sie erwidert. Bei der Erinnerung daran übermannen Becker die Gefühle. Kurz muss er mit Tränen in den Augen pausieren, bevor er vom Gefängnisalltag berichten kann. 

In Haft sei es "wie im Irrenhaus". Beschimpfungen fliegen hin und her, der Lärmpegel sei enorm. "Ich dachte, ich kann gut Englisch", erinnert sich Boris. Aber die Ausdrücke, die er dort gelernt hätte, seien "unterirdisch". 

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"Du musst aufpassen auf deine Haut, denn die Wächter tun es nicht"

"Das kann man sich nicht vorstellen", erzählt Becker von der Haft. Es sei "extrem schmutzig" und gefährlich. In zumeist Doppelzellen seien von Mördern über Kinderschänder alle möglichen Verbrechern untergebracht. "Du musst aufpassen auf deine Haut, denn die Wächter tun es nicht." Bei einer Telefonat mit seiner Mutter habe er sie belogen, damit sie sich keine Angst hat. 

Angst vor Vergewaltigung

"Ich hatte zwei große Sorgen", erklärt Becker. Erstens, dass er sich die Zelle mit jemandem teilen muss, der ihn bedroht oder verletzt. Die zweite große Angst hatte er vor dem Duschen und vor Vergewaltigung. "Das ist dann nicht passiert." Zu seiner großen Erleichterung habe es verschließbare Duschkabinen gegeben, Boris musste sich nicht vor anderen ausziehen. Becker landete schließlich als besonders gefährdeter Häftling in einer Einzelzelle - zwei mal drei Schritte groß, mit kaputtem Fenster und schmutzig. Wenn die Zellentür hinter einem zugehe, erinnert sich der 55-Jährige, mache sich Verzweiflung breit. Man sei allein mit seinen Gedanken. 

"Die haben mein Leben gerettet"

Becker ist sich sicher, dass Mitgefangene, die das Vertrauen der Gefängnisleitung besaßen, ihn beschützten. Jake, Russell und Billy, "die haben mein Leben gerettet", erinnert er sich. Denn ein weiterer Mithäftling, seit Jahren wegen Mordes in Haft, hätte ihn mit dem Umbringen bedroht. Doch zehn andere hätten den gefährlichen Insassen umringt während Becker zitternd in seine Zelle flüchtete. Die Mithäftlinge hätten den Gefangenen gezwungen, sich bei ihm zu entschuldigen. Er habe sich zu Boden geworfen und seine Hand geküsst, erinnert sich Becker unter Tränen. Hätte Becker die Entschuldigung nicht angenommen wäre dem anderen "irgendwas passiert", ist er sich sicher. 

Nach wenigen Wochen durfte der einstige Tennis-Profi dann arbeiten - und unterrichtete 35 Gefangene. "Ich habe englischen Gefangenen Englisch beigebracht", lacht er. Aber so sei er wenigstens aus der Zelle gekommen, denn "du wirst wahnsinnig", wenn man 22 Stunden am Tag auf engstem Raum eingesperrt ist.

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Sehr geholfen hätte ihm der Zuspruch von Freunden und Fans. An manchen Tagen wären bis zu zehn Briefe für ihn gekommen. Er habe sie alle gelesen und nun, nach seiner Freilassung, wolle er sie über Weihnachten alle beantworten. Auch Besuch durfte er empfangen. Neben seinen Söhnen meldeten sich auch berühmte Freunde an - wurden aber nicht vorgelassen. Jürgen Klopp zum Beispiel sei zu bekannt, argumentierte die Gefängnisleitung. Man wollte weder den Rummel, noch konnte seine Sicherheit gewährleistet werden. Auch seiner Tochter Anna (22) und seinem Sohn Amadeus hätte er verboten zu kommen. Das Gefängnis sei weder ein Platz für Kinder noch für hübsche junge Mädchen. 

"So einen Zusammenhalt noch nie erlebt"

Seinen 55. Geburtstag erlebte Boris Becker in Haft. "Ich hab' drei unterschiedliche Kuchen bekommen", erzählt er. Das hätte er nicht erwartet und "ich weiß nicht, wie sie das geschafft haben." Es seien mehr Kuchen als er in Freiheit bekommen hätte. "Ich hab' so einen Zusammenhalt mit anderen Menschen noch nie erlebt", beschreibt er den Gefängnisalltag. Man sei voneinander abhängig und würde alles teilen, von Schuhen bis zu Schokolade. Es sei, so habe er gehört, als wenn man gemeinsam im Krieg gewesen sei. Mit einigen Häftlingen, so hofft er, werde er lebenslang in Kontakt bleiben. 

"Zweite Chance"

Mit seiner Partnerin Lilian hätte Boris täglich telefoniert und auch mit seiner Mutter und seinen Kindern öfter geredet. Nur mit seinem 12-jährigen Sohn Amadeus habe er zu wenig Kontakt gehabt, weil er ihn vor der Gefängnisrealität abschirmen wollte. Nach der Haft sei das Verhältnis mit seiner Tochter Anna (22) besser als jemals zuvor. Sein Sohn Elias (23) sei, um ihn zu besuchen, sogar aus New York angereist. Seine Familie, ist sich Boris sicher, sei nun stärker. "Ich glaube, dass ich eine zweite Chance bekommen habe und jetzt liegt es an mir, mir treu zu bleiben", zeigt ich Boris geläutert. Er sei "faul" geworden und hätte sich in der Haft erinnert, wie diszipliniert er in seiner aktiven Zeit als Tennisspieler gewesen sei. "Das Gefängnis war gut für mich", kann der 55-Jährige rückblickend sagen. 

"Geld war mir nie wichtig - bis du keines mehr hast"

"Geld war noch nie meine Motivation", sagt Becker. Als 17-Jähriger hätte er seine erste Million als Tennis-Profi erspielt, aber teils hätte er sogar vergessen das Preisgeld abzuholen. Auch vor seiner Inhaftierung hätte er weder gewusst wieviel Geld er besaß, noch, wieviel er ausgab. "Mich interessiert immer mehr der Erfolg und dass ich etwas Gutes schaffe." Geld sei ihm nie wichtig gewesen, "bis du keines mehr hast". Das sei bis 2017 nicht passiert. Dann habe ihn eine Bank verklagt, Recht bekommen und die Richterin habe das Insolvenzverfahren eingeleitet. Er habe seine Finca auf Mallorca, die Wohnung seiner Tochter und das Haus seiner Mutter verloren. Sein Fehler sei gewesen, weiterleben zu wollen, wie damals, als er als Sportler Rekordgewinne eingespielt habe. 

Er habe nun gelernt, dass er mit Beratern und Freunden vorsichtiger sein müsse - und vorschnell keine Verträge unterschreiben darf. Seit 2017 habe er sich ein neues Lebensumfeld aufgebaut. Er umgebe sich nun mit Menschen, die ihn schätzen und nicht die Öffentlichkeit. Jene, die auch in der harten Zeit zu ihm gestanden seien, sei er sehr dankbar.  

Das beste Bier seines Lebens

Ein Freund habe auch jenen Privatjet organisiert, mit dem Becker aus Großbritannien ausreiste. Am Flughafen in Stuttgart hätte ihn die Polizei beim Aussteigen mit den Worten "willkommen zurück" kontrolliert. Als er dann bei Freunden in Heidelberg das erste Bier trank, sei es beste seines Lebens gewesen. 

Zukunftspläne und Kinderwunsch

Nun sei Becker 55 und hätte hoffentlich noch "25 gute Jahre vor mir". Die werde er wahrscheinlich nicht in Deutschland verbringen, denn hier gebe es für ihn kein Privatleben. Er könne sich aber die USA oder Dubai als Wohnort vorstellen. Über seine Beziehung mit Lilian dürfe er nichts sagen. Das habe sie ihm verboten. Aber: "Sie ist die Liebe meines Lebens." Er könne sich aber jedenfalls vorstellen, noch "ein paar mehr" Kinder zu bekommen. 

Das ganze Interview mit Boris Becker finden Sie zum Nachschauen auf ZAPPN im Stream und am Mittwoch um 21.50 Uhr auf PULS 24

Marianne LamplQuelle: Redaktion / lam