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Wienerin: Familie seit über 30 Stunden in Türkei verschüttet

07. Feb. 2023 · Lesedauer 3 min

Die türkische Provinz Hatay ist besonders stark vom Erdbeben betroffen. Dort sind Verwandte der 32-jährigen Mercan Falter aus Wien seit über 30 Stunden verschüttet.

"Ich habe diese Nacht kein Auge zugemacht", sagt die 32-jährige Mercan Falter aus Wien. "Meine gesamte Familie hat kein Auge zugemacht. Unsere WhatsApp-Gruppen sind natürlich trotzdem nicht stillgestanden." Große Teile von Falters Familie leben in der türkischen Provinz Hatay - insbesondere in den Städten Iskenderun, Arsuz und Antakya. Die Provinz an der Grenze zum Nordwesten Syriens zählt zu den stärksten vom Erdbeben betroffenen Regionen. 

Derzeit wurden laut Reuters bereits mindestens 872 Todesopfer in Hatay registriert. Verschärfend kommt hinzu, dass in der Gegend hundertausende Geflüchtete aus dem syrischen Bürgerkrieg leben. Auf Bildern lässt sich das Ausmaß der Katastrophe nur erahnen.

Allein in der Provinz Hatay sind mehr als 1.200 Gebäude zerstört, teilte der türkische Gesundheitsminister Fahrettin Koca mit. Im ganzen Süden der Türkei sind es fast 6.000.

Laut Schätzungen der WHO sind "potentiell 23 Millionen Menschen" in der Türkei und Syrien den Folgen des Bebens ausgesetzt. 

Seit 30 Stunden verschüttet

"Der Großteil meiner Familie hat zum Glück überlebt", sagt Falter. "Aber betroffen sind eigentlich alle. Viele haben ihre Häuser verloren." Der Mann ihrer Cousine habe es nicht rechtzeitig aus einem Gebäude hinausgeschafft. Er sei sofort gestorben. Auch ihr Onkel, ihre Tante, ein Cousin mit seiner Frau und seinem kleinen Baby sind seit über 30 Stunden verschüttet.

Erst nach über 30 Stunden um 08.00 Uhr morgens türkischer Zeit seien das erstmal professionelle Hilfsorganisationen vor Ort gewesen, erklärt Falter. Bis zu deren Ankunft seien es Zivilist:innen gewesen, die versucht hätten, auch mit Kränen und Maschinen zu helfen. Dabei seien auch Fehler gemacht worden. Es wurde schweres Gerät wie etwa Bagger verwendet. "Sie wussten es nicht besser, aus reiner Hoffnungslosigkeit haben die Leute versucht zu helfen", so die Wienerin. 

Die Bergungsarbeiten gestalten sich schwierig. In der Region ist derzeit außergewöhnliches schlechtes Wetter. Nachts sinken die Temperaturen vielerorts auf unter null Grad. "Anfangs war es schwer, in die betroffenen Gebiete zu kommen", so Falter. "Die Straßen sind komplett aufgerissen." Ihr Cousin habe es trotzdem geschafft, die Region aus dem rund 1.000 Kilometer entfernten Istanbul über Nacht mit dem Auto zu erreichen. 

Warum braucht Hilfe so lange?

Über die Gründe für das lange Warten und Ausbleiben professioneller Hilfe kann Falter nur mutmaßen. Sie ortet darin auch eine politische Komponente. "Hatay ist ein kultureller Schmelztigel. Es gibt dort arabische Aleviten, zu denen wir gehören, Kurd:innen, Christ:innen, Armenier:innen, Assyrer:innen", sagt sie. "Auch in der ganzen Sorge macht es einen trotzdem wütend zu sehen, dass nicht geholfen wird." 

Mercan Falters Familie versammelt sich derzeit bei einer Tante, die einen Holzofen besitzt, weil es kein Gas gibt. Obdachlos gewordene Familienmitglieder sollen ins entfernte Istanbul gebracht werden.

Erdbebengesetze nicht befolgt

Dass so viele Gebäude wie Kartenhäuser eingestürzt sind, liegt auch an ihrer schlechten Bauweise. "Die Türkei ist ein klassischer Fall von einem Land, wo es gute Erdbebengesetze gibt, diese aber nicht befolgt werden", so der Seismologe Götz Bokelmann von der Universität Wien gegenüber PULS 24. "Teilweise sind die Häuser zu alt, teilweise werden die Gesetze ignoriert."

Hoffnung bleibt

"Wir befinden uns in einem Wettlauf gegen die Zeit", sagt Falter. "Je länger meine Verwandten verschüttet sind, umso unwahrscheinlicher ist, dass ihnen geholfen wird. Ich versuche aber trotzdem hoffnungsvoll zu sein."

Magdalena BergerQuelle: Redaktion / mbe