APA - Austria Presse Agentur

Überschwemmungen in Hallein: "Bilder der Verwüstung - aber auch der Hoffung"

17. Juli 2021 · Lesedauer 7 min

Tausende Feuerwehrleute sind Samstagabend in Salzburg im Einsatz, Hallein wurde geflutet, das Bundesheer angefordert. Überschwemmungen und Murenabgänge schlossen in Tirol 80 Personen ein, zahlreiche Straßen sind gesperrt.

Die Regenmassen vom Samstag lösten in Salzburg Hochwasser und Erdrutsche aus. In der Stadt Hallein, wo am Samstag die Altstadt teils meterweit unter Wasser stand, begannen am Sonntag die Aufräumarbeiten. Die Stadt forderte Katastrophenhilfe vom Bundesheer an. 50  Soldatinnen und Soldaten wurden in die Krisenregion geschickt und nahmen Sonntag zu Mittag ihre Arbeit auf. 

Nach der Katastrophe stehen viele vor dem Nichts. Der Kothbach hat sich zwar in sein Bett zurückgezogen, jedoch Unmengen von Schlamm und Schwemmgut zurückgelassen. Die Hilfsbereitschaft der Menschen ist enorm. Über Facebook organisieren sich Helfer, reisen teils mit dem Zug an, um bei den Aufräumarbeiten mit anzupacken. Mit Bagger und Schaufeln wird an der Beseitigung der Schäden gearbeitet. 

PULS 24 Korrespondent Daniel Gmainer schildert die Lage in Hallein.

Laut Behörden gibt es keine Vermissten oder Toten. Ein vom Unwetter Betroffener, dessen Stiegenhaus und Keller 1,5 Meter tief unter Wasser stand, fasst die Lage in klare Worte: "Sachschaden ist das eine, aber Menschenleben sind das andere", zeigt er sich erleichtert, dass es keine Toten gab. Man müsse den Dingen ins Auge schauen und dürfe nicht in Panik verfallen. Es sei alles "halb so schlimm", verliert er seinen Optimismus nicht. Alles lasse sich ersetzen. 

Unwetter-Betroffener aus Hallein: "Nur nicht in Panik verfallen"

Eine aus Salzburg stammende Ärztin hat ihre Praxis in Hallein verloren. Als sie am Samstagabend versuchte, die Tür zum Gebäude zu öffnen, versperrten ihr Wasser und Schlamm den Weg. Der Schaden sei "200 Prozent", beschreibt sie. "Man weiß nicht, wie man sowas bewältigen soll."

Halleiner Ärztin steht vor dem Nichts

Tausende Feuerwehrleute im Einsatz

Schon am Samstagabend kämpften 2.265 Personen von 60 Feuerwehren an 669 Stellen gegen die Fluten und die dadurch entstandenen Schäden und sind seither im Dauereinsatz.

In Hallein verwandelte sich am Samstag der Kothbach, sonst ein Rinnsal in einen reißenden Fluss, der sich seinen Weg durch die Tennengauer Bezirkshauptstadt - teils auch durch Häuser - bahnte. Ein abgestellter Pkw wurde mitgerissen, blieb an einer Brücke hängen und verursachte eine Verklausung. Das Wasser wich über die Altstadt aus und schoss regelrecht durch mehrere Gebäude.

Der Kothbach zog sich zwar am Sonntag in den Bachlauf zurück, doch in den Straßen der Keltenstadt hinterließ er Schlamm und Verwüstung. Feuerwehrleute und Freiwillige schaufelten Schlamm, Äste und Schwemmgut aus den Eingängen der Häuser in den betroffenen Straßen. Vor einer Bar lagen dicke Äste und Autoteile. Auch mit Baggern und Kehrmaschinen wurde Schwemmholz und Schlamm beseitigt. Vom Wasser mitgerissene Baumstämme und Wurzelstöcke hatten Brückengeländer verbogen oder gar aus der Verankerung gerissen. 

Halleiner bereiten sich auf weitere Überschwemmungen vor

Eine Frau hatte Tränen in den Augen, andere nahmen es mit Zweckoptimismus: "Was hilft es? Jetzt erst mal aufräumen", sagte ein Bewohner. An vielen Häusern wurden bereits erneut Sandsäcke gestapelt und die Eingänge mit Holz versperrt. Ein Mann, der gerade Säcke voll Blumenerde vor die Eingangstür eines Hauses stapelte, erklärte: "Wer weiß ob es noch einmal zu Überschwemmungen kommt." Auch am Sonntagvormittag hielt der Regen im Tennengau an.

Einwohner in Notquartieren

Für Bewohner, die zunächst nicht in ihre Häuser konnten, wurde ein Notquartier eingerichtet. Wie hoch die Schäden in der Altstadt sind, ist momentan noch nicht abschätzbar.

Suchaktion nach vermisster Person im Pinzgau

In Saalbach-Hinterglemm im Salzburger Pinzgau ist am Sonntagnachmittag eine Person in die Hochwasser führende Saalach gefallen und wurde von dem reißenden Fluss mitgerissen. Die Wasserrettung und die Feuerwehr wurden alarmiert, um nach der vermissten Person zu suchen, informierte der Katastrophenschutzreferent des Pinzgaus Manfred Höger in einer Aussendung des Landes Salzburg.

80 Personen eingeschlossen

Der Ort Kelchsau (Bezirk Kitzbühel) war in der Früh wegen einer Mure von der Außenwelt abgeschnitten. Gegen Mitternacht wurde die Kelchsauer Landesstraße zum Teil von der Kelchsauer Ache weggerissen und ist seitdem nicht mehr passierbar. Mehrere Bäche waren übergetreten. Seit 01.00 Uhr kann auch der zweite Weg nach Kelchsau wegen einer unterspülten Brücke nicht mehr befahren werden. Weil in dem Ort am Abend ein Fest stattfand, waren somit rund 80 Menschen, die nicht in der Kelchsau wohnen, eingeschlossen. Im Laufe des Vormittages konnten sie aus der Ortschaft gebracht werden, berichtete die Polizei.

Bürgermeister von Kufstein: "Das wird noch ein großes Nachspiel haben"

PULS 24 Anchorwoman Bianca Ambros spricht mit Martin Krummschnabel, dem Bürgermeister von Kufstein, der die Schäden in der Tiroler Gemeinde schildert.

Kufsteiner Innenstadt unter Wasser "wie noch nie"

In der Tiroler Bezirkshauptstadt Kufstein im Unterland nahe der Grenze zu Bayern war an Aufräumarbeiten am Sonntagvormittag noch nicht zu denken. "Die Innenstadt steht in einer Form unter Wasser, wie wir es noch nie erlebt haben", sagte Bürgermeister Martin Krumschnabel. 

Hälfte der Tiroler Einsätze in Kufstein

In der Innenstadt seien vor allem Keller und Garagen überschwemmt, die Feuerwehren konnten erst am Sonntagnachmittag mit den Aufräumarbeiten beginnen. Davor seien sie mit Baggern und Pumpen unterwegs gewesen, um die Bäche auszupumpen und Verklausungen zu beseitigen. Über die Ufer getreten waren Zulaufbäche des Inns. Ein Katastrophenzug ist bereits in Kufstein eingetroffen, die Helfer arbeiten über die ganze Stadt verteilt. Knapp die Hälfte der 536 Feuerwehreinsätze in Tirol fielen in Kufstein an. 450 Feuerwehrleute sind dabei, die Schäden des Hochwassers in der zweitgrößten Stadt Tirols aufzuräumen. Dies dürfte sich aber noch über die nächsten Tage ziehen, hieß es.

Die Bevölkerung wurde aufgerufen, das Stadtgebiet zu meiden. Der Zivilschutzalarm, der kurz vor Mitternacht aktiviert wurde, war allerdings seit den Morgenstunden nicht mehr aufrecht.

Nach den starken Regenfällen wird für Sonntagnachmittag eine Entspannung erwartet. 

Straßen und Zugverbindungen gesperrt

Aufgrund von Vermurungs-Gefahr wurde Samstagabend die Felbertauernstraße zwischen der Mautstelle und Hinterburg gesperrt. Die Dauer der Sperre war noch unbekannt. Auch die Fernpassstraße (B 179) war zum Teil wegen Vermurung und Erdrutsch-Gefahr nicht befahrbar. Gesperrt sind außerdem die Eibergbundesstraße (B 173) und die Gerlosstraße in Richtung Gerlospass (B 165). Die Seefelder Straße (B 177) konnte mittlerweile wieder für den Verkehr freigegeben werden.

Einige Zugverbindungen im Tiroler Unterland - wie jene durch das Brixental zwischen Wörgl und Schwarzach-St. Veit in Salzburg - sind laut ÖBB aufgrund von Hangrutschungen unterbrochen. Ein Schienenersatzverkehr wurde eingerichtet. Auch die Mittenwaldbahn ist auf deutscher Seite zwischen Scharnitz und Mittenwald unterbrochen, die Züge verkehren nur zwischen Innsbruck und Scharnitz. Ein weiterführender Schienenersatzverkehr sei nicht möglich, so die ÖBB. Grundsätzlich wird empfohlen, auf nicht notwendige Reisen in die betroffenen Gebiete zu verzichten bzw. sich vor Fahrtantritt über die Lage zu informieren.

 

ÖBB-Sprecher: Länge der Streckensperren "nicht absehbar"

Zivilschutzalarm in Hallein und Mittersill

In Kuchl evakuierten die Einsatzkräfte nach einem Murenabgang drei Häuser. In Hallein und Mittersill wurde Zivilschutzalarm ausgelöst. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, in den Häusern zu bleiben, Tiefgaragen und Keller nicht zu betreten und sich auch von den Dämmen der Fließgewässer fernzuhalten.

In Mittersill im Salzburger Pinzgau musste die Hubbrücke angehoben werden. Bereits am Nachmittag überschritt die Salzach die Warngrenze. In Lofer wurde ein Campingplatz vorsorglich evakuiert und die Personen, die in einem Zelt übernachteten in ein Notquartier in der Mittelschule Lofer gebracht. In Neukirchen am Großvenediger (Bezirk Zell am See) mussten in der Wiesensiedlung die Bewohner in den oberen Stockwerken bleiben.

Weiterer Regen angekündigt

Laut Katastrophenschutz und dem Hydrographischen Dienst des Landes Salzburg wird der Regen noch bis mindestens Sonntagmittag anhalten, erst am Abend wird mit einer Entspannung der Lage gerechnet. Bis dahin wird die Bevölkerung gebeten, unnötige Fahrten und Spaziergänge zu vermeiden. Wasserabläufe sollten freigehalten, Kellerschächte abgedeckt und die Pegelstände im Auge behalten werden. Die Bevölkerung soll zudem die Hinweise und Warnungen der Behörden befolgen.

Auch im benachbarten Berchtesgardener Land in Bayern hat der sintflutartigem Regen schwere Schäden verursacht. Medienberichten zufolge kam dabei zumindest eine Person ums Leben.

Kärnten: Hüttenwirt-Ehepaar per Hubschrauber evakuiert

In Kärnten führten die Unwetter zu Murenabgängen und Überschwemmungen. Ein Hüttenwirt-Ehepaar musste am Samstagnachmittag in Oberkärnten im Seebachtal mittels Hubschrauber geborgen werden. Eine Mure versperrte ihnen den Abstieg von der Schwußnerhütte in 1.338 Metern Seehöhe.

Quelle: Agenturen